Kult im DDR-Fernsehen : Pittiplatsch und Co. gehen auf Tour

Im Kinderfernsehen ließ die DDR die Puppen tanzen. Zur Freude ihrer Fans gehen Pittiplatsch und seine Freunde auf Tournee.

Sophia-Caroline Kosel
Ach, du meine Nase! Ohne diesen Satz ist ein Auftritt von Pittiplatsch undenkbar.
Ach, du meine Nase! Ohne diesen Satz ist ein Auftritt von Pittiplatsch undenkbar.Foto: Hubert Link/dpa

„Ich begrüße Sie sehr lieb, Herr Fuchs!“, sagt Pitti. Der oft freche Kobold gibt sich große Mühe, freundlich zu sein, und schlägt dann doch wieder über die Stränge: „Willkommen Herr Fuchs, und sei mein Gast. Wenn Du mir was mitgebracht hast!“ Der Fuchs, in leuchtendem Orange und mit Wuschelschwanz, reagiert wie oft ungehalten: „Kreuzspinne und Kreuzschnabel! Es ist zum Aus-der- Haut-fahren!“ Und die Kinder im Saal lachen und jauchzen.

Es ist Frühjahr, 30 Jahre nach dem Mauerfall. In Adlershof gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem einst dort beheimateten DDR-Fernsehen: Herr Fuchs und Frau Elster, Pittiplatsch und Schnatterinchen, Moppi und Mischka. Sie zählen zu den ganz wenigen Überbleibseln aus dem Fernsehprogramm des sozialistischen deutschen Staats.

Im Saal des kleinen Theaters in einem früheren DDR-Fernsehstudio sitzen viele Vorschulkinder mit ihren Eltern. Eine Familie ist sogar mit vier Generationen vertreten. „Wir Erwachsenen wollten das mal wieder sehen, die Kinder sind nur zur Tarnung dabei“, scherzt die Uroma, die samt Tochter, Enkelin und Urenkeln zur Aufführung von „Pitti und seine Freunde“ gekommen ist.

1962 hatte Pittiplatsch seinen ersten TV-Auftritt – beim Sandmännchen. Im „Abendgruß“ des Sandmanns gab es fast drei Jahrzehnte lang Abenteuer und Geschichten, außerdem immer sonntags zur Kaffeezeit. Das „Sandmännchen“ ist eine von ganz wenigen DDR-Sendungen, die es noch gibt – im KiKa, im RBB und im MDR. Dort werden die Episoden mit den in der DDR „geborenen“ Puppen wiederholt. Nun sind – erstmals seit 1991 – 13 neue Folgen geplant, wie der RBB ankündigte. Ein Puppenbauer in NRW baut dafür neue Handpuppen.

"Waren politisch nicht eingeengt"

Seit Jahrzehnten sind die Protagonisten aber auch außerhalb des Bildschirms zu sehen. „Solange es Pitti gibt, gibt es schon das Puppenspieler-Ensemble und Tourneeprogramme“, erzählt Mario Behnke, der das Ensemble seit dem Mauerfall managt und oft auch Auftritte im Westen Deutschlands bucht. Im Publikum seien dort oft Erwachsene, die aus der DDR stammen – oder Bürger, die im Westen das DDR-Fernsehen geschaut haben.

Herz der Truppe war lange der Puppenspieler und -bauer Heinz Schröder, der unter anderem Pitti und Herrn Fuchs seine markante Stimme verlieh. Bis kurz vor seinem Tod 2009 stand er auf der Bühne. „Das Schöne war, dass wir politisch nicht eingeengt waren“, sagte Schröder 2008 mit Blick auf DDR-Zeiten. „Man konnte ja einem Fuchs schlecht ein Pionierhalstuch umbinden oder einem Kobold ein Abzeichen für gutes Wissen.“

Mit Schröders Tod verschwand nicht nur Pittis Original-Stimme, sondern auch der einzige Satz Puppen – mit Ausnahme der Ente Schnatterinchen. „Er hatte extra für mich noch eines gebaut“, berichtet Puppenspielerin Bärbel Möllendorf. Die 80-Jährige ist zusammen mit Barbara Augustin (79) eine der beiden Schnatterinchen-Stimmen. Beide Frauen arbeiteten einst im DDR-Kinderfernsehen, Möllendorf seit ihrem 18. Lebensjahr.

Auf den Mauerfall folgte 1991 das Ende des Deutschen Fernsehfunks als Nachfolger des DDR-Fernsehens. „Wir mussten alle gehen und wir haben gerettet, was zu retten ist. Auch die Puppen“, sagt Möllendorf. Und Heinz Schröder habe gesagt: „Wir machen weiter.“ Dann habe sie gelernt, das Schnatterinchen zu sprechen. Nach Schröders Tod wurden in Dresden neue Puppen für das Ensemble hergestellt. Jede Figur gibt es nur einmal.

In der Vorstellung in Adlershof fühlen sich die erwachsenen Zuschauer sofort in ihre Kindheit zurückversetzt – die Puppen-Charaktere haben sich überhaupt nicht verändert. „Frau Augustin und ich passen auf, dass das Naturell der Puppen bewahrt wird“, sagt die 80-Jährige. „Ich will wenigstens noch zwei Jahre mitmachen. Und dann nach Amerika reisen.“ (dpa)

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