Kunstausstellung in der Humboldt-Universität : So sähe die Berliner Mauer heute aus

Der Künstler Alexander Kupsch hat Fotomotive geschaffen, die zeigen wie die Berliner Mauer heute aussähe. Eine Ausstellung in Mitte zeigt seine Werke.

Die Rückseite des Reichstags aus aktuellen und historischen Fotos zusammengesetzt.
Die Rückseite des Reichstags aus aktuellen und historischen Fotos zusammengesetzt.Foto: Alexander Kupsch

Die Rückseite des Reichstagsgebäudes zur Linken sieht aus wie neu. Deutschland- und Europafahne flattern einträchtig nebeneinander. Hinter Absperrgittern parkt ein Streifenwagen der Polizei, ein VW neuerer Produktion. Auch der Wagen im Vordergrund, obwohl ein Trabant, gehört eindeutig der Gegenwart an, denn wann hätte der real existierende Sozialismus schon mal die Zwickauer Rennpappe zur Stretchlimousine aufgeblasen? Schließlich im Hintergrund die aus Glas, Stahl und Beton zusammengefügte Pracht des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, genutzt vom Bundestag: Eindeutig Neuzeit.

Das Reichstagspräsidentenpalais am rechten Bildrand dagegen sieht noch reichlich ramponiert aus. Das Dach provisorisch, wie geflickt, als sei der Bombenkrieg gerade erst überstanden, der Fassadenputz bröselig mit Lücken, und dann diese nackte Brandwand! Was aber besonders irritiert: Die Mauer, der „antifaschistische Schutzwall“, schiebt sich schräg durchs Bild, quer über den Friedrich- Ebert-Platz, entlang der alten Sektorengrenze, scheinbar festgefügt wie für die Ewigkeit, von einer Betonröhre gekrönt, um ein Übersteigen zu erschweren.

Eine Fotomontage, gewiss, eine irritierende Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart, ersonnen und zusammengefügt von dem Berliner Fotografen und Designer Alexander Kupsch. Eine seiner Bildmontagen, die das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) vom 9. bis 30. November im Lichthof Ost der Humboldt-Universität zeigt. „Die Mauer. Sie steht wieder!“ lautet der naheliegende Titel der Ausstellung, die aus – ebenfalls kaum überraschend – genau 30 Aufnahmen besteht.

Sich vorzustellen, sie käme wieder oder sei noch da, ist ebenso spannend wie lehrreich. Selbstverständliche Stadtlandschaften werden wieder fragwürdig, Sehgewohnheiten fragil. Eine neue Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird so möglich, ein neuer Blick auch auf die Gegenwart, anders, konkreter, als es Geschichtsbücher vermitteln können.

Die Heinrich-Heine-Straße zusammengesetzt aus alten und neuen Bildern.
Die Heinrich-Heine-Straße zusammengesetzt aus alten und neuen Bildern.Foto: Alexander Kupsch

[„Die Mauer. Sie steht wieder!“, Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, 9. bis 30. November, Montag bis Freitag: 9 bis 21 Uhr, Sonnabend 9 bis 17 Uhr, Eintritt frei]

Zum Beispiel durch Szenerien wie diese: Die Stresemannstraße hinunter, vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz – ein vertrauter Weg, der plötzlich auf der Höhe Niederkirchnerstraße durch eine Baustelle versperrt wird: Uniformierte ziehen aus Betonblöcken eine Mauer quer über die Straße. Die historische Aufnahme, die Kupsch auch hier mit einer aktuellen verschmolzen hat, entstand am 13. August 1961 oder kurz danach, der Grundstoff seiner Montage, der wie die anderen alten Fotos der Polizeihistorischen Sammlung Berlin entstammt.

Die Bernauer Straße aus alt und neu.
Die Bernauer Straße aus alt und neu.Foto: Alexander Kupsch

Mit dieser Technik hat er schon einige Erfahrungen gesammelt, bei seinem Postkartenprojekt „Gruß aus Berlin“ oder vor vier Jahren bei seinem Projekt „Ausgebombt! Eine Zeitreise zur Stunde Null“, in dem er Ruinenfotos von 1945 mit seinen aktuellen Fotos vermischte, dabei stets bemüht, dieselbe Position wie der historische Fotograf zu finden, zur gleichen Tageszeit und mit der gleichen Brennweite zu fotografieren.

Die montierten Fotos zeigen kuriose Szenen. Mit Vollgas biegt der Fahrer eines Motorrollers von der Bernauer Straße in den südlichen Teil der Swinemünder Straße ein. Weit wird er nicht kommen: Nach wenigen Zentimetern steht dort die Mauer.

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