Kunstklassiker als Comic : Neuer Schwung für Alte Meister

Die Staatlichen Museen zu Berlin laden zusammen mit dem Comiczeichner Felix Pestemer zu einem ungewöhnlichen Ausflug in die Kunstgeschichte ein.

Von Frankreich inspiriert. Friedrich II lädt zum Flötenspiel.
Von Frankreich inspiriert. Friedrich II lädt zum Flötenspiel.Illustrationen: Pestemer/Avant (Promo)

Plötzlich blickt der Alte Fritz dem Betrachter direkt in die Augen. „Schon fertig?“, fragt der Preußenkönig. „Dann nehme er mir die Flöte ab und spiele für diese feine Gesellschaft.“ Hinter Friedrich II. steht ein gutes Dutzend Mitglieder der Hofgesellschaft von Sanssouci, sie starren einen aus dem Bild heraus mit ähnlich erwartungsvollen Blicken an wie der Monarch, der kurz zuvor sein Publikum mit einem schrägen Flötenton erschreckt hat.

Es ist einer jener Momente, in denen man als Leser des Buches „Im Auge des Betrachters“ (Hg.: Staatliche Museen zu Berlin und Avant-Verlag. 104 S., 25 €, auch auf Englisch) in eine andere Welt einzutauchen scheint, die man zwar von historischen Gemälden kennt, die aber nie so lebendig und zugänglich wirkte wie hier.

Ganz unvermittelt scheint Friedrich II. einen als Leser anzusprechen, als stünde man mit ihm zusammen unter dem strahlenden Kronleuchter des Potsdamer Musiksaals.

Dass sich die Ansprache eigentlich an den Maler Adolph von Menzel richtet, der das Flötenkonzert vor knapp 170 Jahren auf die Leinwand bannte, vergisst man für einen Moment, kurz scheinen alle Grenzen zwischen den Zeiten und Räumen zu verschwinden.

Felix Pestemer vor einer Skulptur im Eingangsbereich der Alten Nationalgalerie in Berlin.
Felix Pestemer vor einer Skulptur im Eingangsbereich der Alten Nationalgalerie in Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Für dieses Buch, das jetzt nach gut zwei Jahren Arbeit in den Handel kommt, haben die Staatlichen Museen zu Berlin eine Idee nach Berlin geholt, die im comic-affinen Frankreich bereits seit Jahren Erfolg hat: Sie haben sich mit einem Zeichner zusammengetan, der eine Bildergeschichte erzählt, die in ihrer Sammlung spielt.

In diesem Fall ist es der Berliner Illustrator Felix Pestemer, der sich zuvor unter anderem mit der Comicerzählung „Der Staub der Ahnen“ einen Namen gemacht hat, einem akribisch recherchierten und im realistischen Stil gezeichneten Ausflug in die mexikanische Kunst- und Kulturgeschichte, bei dem Realität und Fantasie ineinander übergehen.

Mit voller Hingabe

Ortstermin in der Alten Nationalgalerie, Saal 1.05, Treffpunkt vor dem „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ von Adolph von Menzel. „Ist es nicht fantastisch, wie Menzel das Licht zum Leuchten gebracht hat“, sagt Felix Pestemer und zeigt auf den Kronleuchter, der die höfische Szene in ein fast übernatürliches Strahlen taucht. „Und wie er die Typen auf dem Bild zum Leben erweckt!“

Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ spielt in den Buch ebenfalls eine Rolle.
Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ spielt in den Buch ebenfalls eine Rolle.Illustration: Pestemer / avant

Schon als Kunststudent an der UdK habe er Adolph von Menzel für seinen unprätentiösen, manchmal gnadenlos realistischen Zeichenstil bewundert. „Der war Autodidakt, wie ich“, sagt der 44-jährige Zeichner. „Er hat sich allem mit Hingabe gewidmet, was ihn interessierte – von Szenen wie dem Flötenkonzert über raue Impressionen von Hinterhöfen, Baustellen bis zu seinen von Gicht geplagten Füßen als alter Mann.“

Neben Felix Pestemer steht Sigrid Wollmeiner. Die Kunsthistorikerin ist bei den Staatlichen Museen für alle Publikationen und das Merchandising zuständig. Schon länger war sie auf der Suche nach einer Idee, wie die Museen jüngere Menschen für ihre Sammlungen begeistern könnten.

Da kam das Projekt gerade recht, von dem sie vor ein paar Jahren bei einem Treffen mit französischen Kollegen hörte: Europäische Comicstars wie David Prudhomme, Bastien Vivès, Manuele Fior oder der Japaner Jiro Taniguchi lassen fiktive Comic-Handlungen in den realen Räumen des Louvre oder des Musée d’Orsay spielen – und machen so einem ganz neuen Publikum Lust auf diese Museen.

Die Idee zum Museums-Comic stammt von Sigrid Wollmeiner, sie engagierte dafür den Zeichner Felix Pestemer.
Die Idee zum Museums-Comic stammt von Sigrid Wollmeiner, sie engagierte dafür den Zeichner Felix Pestemer.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Ich fand, das müssen wir auch machen“, erzählt Sigrid Wollmeiner. Zusammen mit dem Berliner Comic-Verleger Johann Ulrich vom Avant-Verlag fiel die Wahl auf Felix Pestemer. Der Zeichner hatte damals neben seinem Ausflug in die mexikanische Kulturgeschichte auch schon einige Klassiker der europäischen Malerei neu interpretiert.

Nach einem gemeinsamen Rundgang über die Museumsinsel entschieden die beiden sich für die Alte Nationalgalerie mit ihren Gemälden des 19. Jahrhunderts. Die hier hauptsächlich zu sehenden Arbeiten eigneten sich wegen ihres meist realistisch gehaltenen Stils besonders gut für das Vorhaben, sagt Felix Pestemer beim Rundgang durch das Museum.

"Ave, Caesar, morituri te salutant". Auch Wilhelm Trübners humorvolles Ölgemälde spielt eine Rolle in den Buch.
"Ave, Caesar, morituri te salutant". Auch Wilhelm Trübners humorvolles Ölgemälde spielt eine Rolle in den Buch.Illustration: Pestemer/Avant

Gemeinsam wählten sie ein Dutzend zentraler Werke aus, um die herum der Comiczeichner eine unterhaltsame Rahmenhandlung entwickelte: Die Geschwister Paula und Remo besuchen gemeinsam mit ihrem Großvater die Alte Nationalgalerie. Der kann als ehemaliger Museumsaufseher zu jedem Bild viel erzählen.

In diesen Fällen hat Felix Pestemer sein im Studium sowie bei drei Führungen durch die Alte Nationalgalerie erworbenes Wissen über die Entstehung des jeweiligen Werkes einfließen lassen und mit eigenen Ideen ausgeschmückt, die neben der Kunsthistorie auch die Geschichte Preußens lebendig werden lassen.

Comiczeichner Felix Pestemer vor der Alten Nationalgalerie in Berlin Mitte.
Comiczeichner Felix Pestemer vor der Alten Nationalgalerie in Berlin Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

So bei Johann Gottfried Schadows klassizistischem Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen im Eingangssaal des Museums, deren Entstehungsgeschichte von Schadow selbst durch Andeutungen einst erotischer aufgeladen wurde, als es offenbar der Realität entsprach.

Karl Friedrich Schinkels Gemälde „Mittelalterliche Stadt an einem Fluss“ von 1815 wird zum Einstieg in einen historischen Exkurs zu Politik und Architektur. Und Carl Blechens Gemälde „Das Innere des Palmenhauses“ von 1832/33 gibt Einblicke in die wenig bekannte Nutzung der Pfaueninsel als exzentrischer Themenpark unter Friedrich Wilhelm III.

Bei anderen Bildern lässt Felix Pestemer die Comic-Enkel munter drauflos spekulieren und gelegentlich wie im Traum in die dargestellten Szenen eintauchen, was die Handlung neben einer didaktischen Note auch mit fantastischen Elementen und einigem Humor anreichert. So wird Böcklins Toteninsel zum Anlaufpunkt für eine tragische Begegnung der jungen Paula mit ihrem Freund.

Ein Gemälde Caspar David Friedrichs wird zur Kulisse für eine Zombie-Phantasie. Und das anfangs erwähnte Flötenkonzert in Sanssouci, tatsächlich lange nach Friedrichs Tod entstanden, führt erst zu unerwarteten Irritationen und dann zur Aufforderung Friedrichs des Großen an den Maler, es doch statt dem Pinsel mal mit der Flöte zu versuchen.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Avant

Für die Recherchen hat sich der Comiczeichner auch unter den Beschäftigten des Museums umgehört, vor allem unter den Aufsehern. Denen hat er unterhaltsame Szenen wie jene zu verdanken, in der ein junger Besucher ermahnt wird, sein Sandwich nicht im Saal mit den Gemälden Caspar David Friedrichs zu essen. Darauf empört sich seine Mutter: „Lassen Sie gefälligst meinen Sohn in Ruhe! Der kann schon aufpassen.“ Im nächsten Moment öffnet sie eine Mineralwasserflasche und der Inhalt spritzt in alle Richtungen.

„Als mir ein Aufseher diese Anekdote schilderte“, erzählt Felix Pestemer zum Abschluss des Rundgangs, „da war mir klar: Die muss ins Buch.“

Künstlergespräch mit Felix Pestemer und Vertretern der Staatlichen Museen zu Berlin: 13. Juni, 18 Uhr, Alte Nationalgalerie, Anmeldung auf www.smb.museum/veranstaltungen.html

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