Lärmbelästigung in Berlin : Macht Eure Bluetooth-Boxen endlich aus!

Mobile Lautsprecher, klein und unscheinbar, sind Schallwaffen. Ersonnen, um das Recht des Lautstärkeren durchzusetzen. Ein Schrei nach Ruhe.

Pantomime-Künstler protestieren für Ruhe in Berliner Partykiezen.
Pantomime-Künstler protestieren für Ruhe in Berliner Partykiezen.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Kennen Sie das? Man sitzt am See. Der Sand fein. Das Wasser perfekt. Die Sonne kitzelt. Das Eis beginnt über den Handrücken zu rinnen, da trägt der Wind eine sanfte Melodie von den Nachbarn herüber. Sie schmiegt sich ins Ohr, ein Gefühl grenzenloser Dankbarkeit steigt auf. Tatsächlich. Die neue Single von Rammstein. Ach, martialischer Deutschrock steht nicht auf Ihrer Sommer-Playlist? Seien Sie unbesorgt, in Ihrem Rücken beginnt gleich ein wundervolles Tech-House-Set. Und drüben unter den Bäumen läuft schon seit Stunden Helene Fischer in Schleife.

Dauerbeschallung. Immer. Überall. Nach Feierabend in der U-Bahn, beim Bier im Park und unter meinem Balkon. Ermöglicht durch ein kleine Dose, kaum größer als eine Thermoskanne. Sie mag harmlos wirken, aber ich bin fest davon überzeugt: Bluetooth-Lautsprecher gefährden die innere Sicherheit.

Gläubige schwafeln von der neuen akustischen Basisdemokratie. Schließlich sei das Gerät per Funkverbindung mit jedem Smartphone ansteuerbar. Alle dürfen mitmachen. Spontane Diktatur des schlechten Geschmacks, würde ich das nennen. Apropos Diktatur. Das Bluetooth-Logo besteht übrigens aus altnordischen Runen.

Das Äquivalent zum Aufröhrenlassen des tiefergelegten 3er-BMW

Sonst Erkennungszeichen völkisch-esoterischer Nationalisten, sollen sie die Initialen des dänisch-norwegischen Königs Harald Blauzahn sein. Eine Hommage der Erfinder an dessen Vereinigung zahlreicher Territorien zu einem Großreich. Zu Zeiten der Wikinger hieß das aber: brutale und skrupellose Unterwerfung. Womit wir wieder bei der akustischen Landnahme von heute wären. Die Dinger sind Schallwaffen. Ersonnen, um das Recht des Lautstärkeren durchzusetzen. Hier regiert mein Bass. Es ist das Äquivalent zum Aufröhrenlassen des tiefergelegten 3er-BMW.

Ja, ja, schon vor Jahrzehnten gab es Gettoblaster. Doch die lieferten den Soundtrack im Skatepark oder auf dem Basketballplatz, förderten gemeinschaftlichen Musikgenuss, waren Wegbereiter des Hip-Hop. Bluetooth-Lautsprecher hingegen sind ein Ausweis der sozialen Verrohung, der Abgrenzung und des Egoismus. Und Symbol dafür, wie schwer es Menschen fällt, mal für wenige Minuten in Stille zu verharren.

Artikel 1 des Berliner Stadtgesetzes: "Lärm ist geil"

Neulich las ich in der „Zeit“ eine Verteidigung: „Teenager mit Bluetooth-Boxen sind die Einzigen, die gentrifizierte Innenstädte vor der vollständigen Mumifizierung retten können.“ Wie bitte? Wenn wir schon im schrägen Bild bleiben: Teenager mit Bluetooth-Boxen stören die wohlverdiente Totenruhe. Von mir aus bin ich ein reaktionärer Kleinbürger. Wenn als Spielverderber nicht mehr derjenige gilt, der seine Mitmenschen um die Ruhe bringt, sondern ebenjener, der sich erdreistet, um etwas Stille zu bitten. Und somit gegen Artikel 1 des Berliner Stadtgesetzes verstößt: „Lärm ist geil.“

Man drängt mich in diese Rolle, dann fülle ich sie auch aus: Her mit der Bluetooth-Steuer für Lautsprecher! Im Bundestag liegt die Petition 82853, „Lärmschutz – Festlegung einer herstellerseitigen Lautstärkeobergrenze für Bluetooth-Lautsprecher“. Unterschreiben Sie. Sie sind es unseren Ohren schuldig.

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