Serie "Berlin hat die Wahl" (8) : Bildung: Streit um Verbeamtung, Losverfahren und Personal

Was Fachleute vorschlagen

Verbeamtung ist leistungsfeindlich

„Um Lehrer zu halten, muss man sie nicht verbeamten, sondern vergleichbar bezahlen. Verbeamtung ist zutiefst leistungs- und innovationsfeindlich, weil zusätzliches Engagement durch nichts belohnt wird. Hinzu kommt, dass die Menschen sich gewissermaßen an den Staat verkaufen: Wenn sie einmal verbeamtet sind, haben sie nicht mehr die Möglichkeit, zwischendurch etwas anderes auszuprobieren, ohne ihren Beamtenstatus zu verlieren. Das hemmt ihre Entwicklung. Besonders verhängnisvoll wirkt sich die Verbeamtung bei den Schulleitern aus: Man wird sie nicht los, wenn sie erschöpft oder erfolglos sind, so dass sie ihre Schulen unter Umständen auf Jahrzehnte schädigen. Da wir wissen, welche Bedeutung ein Schulleiter für die Entwicklung seiner Schule hat, ist klar, welche Konsequenzen es hat, wenn er schwach ist. Noch ein Nachteil der Verbeamtung: Die gesetzliche Besoldungsstruktur, die sich an der Dauer der Ausbildung orientiert, bewirkt, dass der Staat Grundschullehrer stets kürzer ausbildet als etwa Studienräte, um Erstere schlechter bezahlen zu können – ein regelrechtes Kastensystem.“

Jörg Ramseger ist Professor für Schulpädagogik an der Freien Universität Berlin und arbeitet schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der Schulentwicklungsforschung

Losverfahren muss nicht sein

„Bei dem Losverfahren ging es darum, Schülern den Zugang zu den übermäßig nachgefragten Schulen offenzuhalten, wenn sie auf dem Weg über die Aufnahmekriterien nicht zum Zuge kommen. Welches andere Verfahren wäre gerechter als das Losverfahren? Der Numerus clausus gewiss nicht.

Meine Schule hat deshalb zusammen mit der Martin-Buber-Schule ein Aufnahmeverfahren entwickelt, das ohne Losverfahren und NC auskommt. Wir wählen die Schüler nach ihrer Eignung für eines der angebotenen Profile aus. Um eine leistungsgemischte Schülerschaft zu erhalten, wird ein Viertel der Plätze für schwache Schüler reserviert. Zumindest diese Quote sollten die Sekundarschulen einhalten, denn schließlich verfügen sie über eine bessere Ausstattung als die Gymnasien, um die Schüler zu fördern. Eine solche Quote könnte die Bedeutung des Losverfahrens deutlich entschärfen. Und die Gymnasien sollten nur die Schüler aufnehmen dürfen, die laut Grundschulprognose dafür geeignet sind. Wenn Eltern die Prognose nicht akzeptieren, könnte es einen wissenschaftlich ausgewerteten Probeunterricht geben. Der Druck auf die nachgefragten Gymnasien würde gemindert und das Losverfahren würde an Bedeutung verlieren.“

Klaus Brunswicker leitet die Schöneberger Sophie-Scholl-Sekundarschule, eine der gefragtesten Schulen Berlins. Parteiübergreifend wird er als Fachmann für Fragen der Schulreform geschätzt

Mehr Personal allein ist keine Lösung

„Die Erfahrung zeigt, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen der Lehrerausstattung und dem Unterrichtsausfall. Es gibt Schulen mit genügend Lehrern, bei denen mehr Unterricht ausfällt als an Schulen mit knappen Ressourcen. Es bringt also nichts, einfach nur mehr Personal zu fordern. Einige Schulen haben gute Vertretungskonzepte. Da werden in die Stundenpläne der Lehrer Freistunden eingebaut, in denen sie gut einspringen können, wenn ein Kollege erkrankt. Es gibt auch Schulen, die „Vertretungsordner“ anlegen: Darin befinden sich Aufgabenblätter für Klassenstufen und Fächer, so dass auch ein fachfremder Lehrer weiß, wie er mit den Schülern vernünftig arbeiten kann. Wenn Schulen Jahrgangs- oder Fachteams bilden, können sie aus dem Stand heraus einen guten Vertretungsunterricht anbieten. Leider nutzen auch nicht alle Schulleiter die Möglichkeit, Mehrarbeit anzuordnen, obwohl sie das könnten. Und sie warten zu lange, bis sie die Stundenpläne des Kollegiums umstellen. Das ist sehr aufwendig, aber nötig, wenn ein Lehrer länger ausfällt. Einige Schulen minimieren den Unterrichtsausfall an Tagen mit MSA- und Abi-Prüfungen durch Wander-, Projekttage oder Workshops in Zusammenarbeit mit der Berufsorientierung.“

Ruby Mattig-Krone gilt als erfahrenste Elternvertreterin Berlins. Deshalb hat Bildungssenator Zöllner die Charlottenburgerin im November 2010 zu seiner Qualitätsbeauftragten ernannt

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