Landschaft an der polnischen Grenze : Auf in die Weiten des Oderbruchs

Über den Deich, durch die Winterfrische – und dann rein in den warmen Gasthof. Unterwegs im südlichen Oderbruch.

Lydia Brakebusch
Im südlichen Oderbruch.
Im südlichen Oderbruch.Foto: Lydia Brakebusch

Der Winter geht, das Licht kehrt zurück. Die perfekte Anlaufstelle, um das zu zelebrieren, ist das Oderbruch an der polnischen Grenze. Flach ausgebreitet liegt die Landschaft da – als hätte sie sich auf den Rücken gelegt, um die erste Frühlingssonne zu genießen. In alle Himmelsrichtungen: nur Grün und Blau und Horizont. Raus aus den Häuserschluchten, auf in die Weite!

Es geht dort los, wo es losging: Neulietzegöricke war nach der Trockenlegung des Oderbruchs, 1753 durch Friedrich den Großen, das erste Kolonistendorf. In der Mitte verlief ein Schacht als Wasserabzugsgraben, auf dessen Aushub wurden die Häuserreihen errichtet.

Mit dem Auto fährt man rund anderthalb Stunden in das denkmalgeschützte Straßendorf. Per Bahn dauert es etwa eine Stunde länger (RE3 nach Eberswalde, RB60 nach Wriezen, dann per Fahrrad). Der Ort ist ein Traum für Architektur-Nostalgiker: Ein liebevoll saniertes Fachwerkhaus reiht sich ans nächste. 2014 verwandelte Martina Herrlich-Gyrzan, deren Familie seit Generationen hier lebt, den ehemaligen Konsum in das Kolonisten-Café. Hier kann man sich vor der anstehenden Deichwanderung stärken.

Weiter nach Zollbrücke: 1755 errichteten Siedler hier eine Brücke über die Oder und verlangten Geld fürs Überqueren. Die Brücke wurde 1806 in einem Eishochwasser zerstört. Heute laufen die Menschen hier nicht mehr über die Oder, sondern an ihr entlang – das dafür umso passionierter.

Obwohl der Touristenmagnet des Ortes, das Theater am Rand, noch im Winterschlaf liegt, ist der Ort schon im Februar gut besucht: Spaziergänger steuern den Deich an, auf dem man, leicht erhöht und den Sonnenstrahlen etwas näher, ausgiebig marschieren und im Panorama aufgehen kann.

Hungrig geworden? In den zwei sanierten Fachwerkhäusern der ehemaligen Dammmeisterei ist seit 2010 das gleichnamige Restaurant ansässig. Von Fischtopf über Käsespätzle bis Gänsekeule reicht das Angebot. Der Kellner rennt treppauf, treppab, rein und raus – der Gastraum ist in einem Häuschen, die Küche im anderen. Die Gäste beobachten durch die bodentiefen Fenster das wogende Schilf und die Spaziergänger auf dem Deich.

Vor 23 Jahren Hochwasser, im Sommer nun Niedrigwasser

Bis März ist die Dammmeisterei Freitag bis Sonntag zwischen 11.30 Uhr und 21 Uhr geöffnet. Mit Anmeldung gibt es sonntags um 9 Uhr auch Brunch. Achtung: Bis zum 20. Februar legt das Restaurant eine kreative Pause ein. Alternative für diesen Zeitraum: das Gasthaus Zollbrücke, gleich nebenan.

2002 stapfte hier Bundeskanzler Helmut Kohl durchs Oder-Hochwasser. 23 Jahre später gibt es andere Sorgen: Wegen fehlender Niederschläge führt die Oder im Sommer immer weniger Wasser. Der Rekordtiefststand im heißen Sommer 2015 wurde 2018 untertroffen: Güterschiffe und Ausflugsdampfer standen wochenlang still, der Fluss konnte streckenweise durchwatet werden.

Entsprechend breit ist an heißen Tagen der Sandstrand der Ruschebuhne nahe Gieshof. Vor dem Zweiten Weltkrieg plantschten hier die Berliner in geringelten Badeanzügen, auch heute kommen Ausflügler, die die Strömung der Oder nicht fürchten.

Jetzt, wo der nächste Hitzesommer noch fern ist, lassen nur kleine Sandausläufer den Strand erahnen. Der gepflasterte Damm, der zur Badeinsel führt, endet mitten im Wasser. Noch ist kein Planschen, kein Johlen zu hören – nur das Rauschen des Schilfs. Ein verträumtes Ambiente für einen Spaziergang.

lm April gibt es wieder Yogazeit im Oderbruch

In Ruhe arbeiten – aber doch nicht ganz allein sein? Konzentrationsförderndes Umfeld, aber trotzdem Natur vor der Tür? Seit 2018 gibt es in der Alten Schule Letschin einen Coworking-Space. Für lokale Freiberufler, die sich vernetzen wollen, ohne immer gleich nach Berlin zu pendeln. Und für Ausflügler, die einen kreativen Zwischenstopp einlegen möchten. Ein Tagesticket inklusive Kaffee an der gemütlichen Bar kostet 10 Euro, einen Meetingraum gibt es für einen halben Tag schon für 20 Euro.

Zum Übernachten eignet sich der Apfelwiesenhof in Kienitz – ein alter Dreiseithof mit Ferienwohnungen und Gästezimmern und umliegenden Wiesen, auf denen die Gänse Auslauf haben. An mehreren Wochenenden im Jahr lädt der Hof zur „Yogazeit im Oderbruch“ (das nächste Mal vom 24. bis 26. April). Gäste dürfen aber auch ohne jede Asana am Kamin oder in der Sauna entspannen und es dem Oderbruch gleichtun: flach daliegen und die Frühlingssonne genießen.

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