Leasingkräfte in der Pflege : „Wir werben nicht aggressiv um Mitarbeiter“

Verschlimmert die Zeitarbeit die Personalnot in der Pflege? Andreas Worch, Chef einer Berliner Leiharbeitsfirma, wehrt sich gegen die Vorwürfe

Verstärkt Leiharbeit die Peronalnot in den Pflegeheimen - oder lindert sie sie?
Verstärkt Leiharbeit die Peronalnot in den Pflegeheimen - oder lindert sie sie?Foto: Christoph Schmidt/dpa

Berlins Pflegesenatorin Dilek Kalayci will Leiharbeit in der Pflege verbieten, weil sie die Qualität verschlechtere. Arno Schwalie, Chef des größten Pflegeheimbetreibers in Deutschland, klagt, dass Leasingfirmen die Pflegekräfte den Betreibern wegnehmen. Werben Sie gezielt Pflegekräfte an, die sich bereits in einem Angestelltenverhältnis befinden?
Wir streuen unsere Werbung auf verschiedenen Kanälen. Wir sehen uns als Partner der Pflegeanbieter oder Krankenhäuser, nicht als Konkurrenten um die Mitarbeiter. Deshalb werben wir nicht aggressiv – zum Beispiel mit Prämien – um Mitarbeiter aus Kliniken oder Pflegeheimen, wie das andere tun. Das ist auch nicht nötig. Die Pflegekräfte kommen von selbst zu uns. Im Übrigen sind nur zwei Prozent aller Pflegekräfte in Deutschland in der Zeitarbeit tätig. Zeitarbeit in der Pflege ist nur ein Randphänomen, diese Information fehlt in der derzeitigen Debatte.

Aber Pflegekräfte, die sich aus einer Festanstellung heraus bei Ihnen bewerben, lehnen Sie nicht ab?
Nein, das wissen wir ja auch gar nicht, ob jemand noch woanders angestellt ist, wenn er sich bei uns bewirbt. Aber grundsätzlich akzeptieren wir keine Bewerbungen von Mitarbeitern, die bei einem unserer Kunden angestellt sind. Wir wollen nicht dazu beitragen, dass die Personaldecke bei unseren Kunden noch dünner wird, als sie meist ohnehin schon ist.

Wer bewirbt sich bei Ihnen?
Es gibt zwei Gruppen. Die einen wünschen sich bessere Arbeitsbedingungen, wie zum Beispiel eine verlässliche Dienstplanung, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine bessere Bezahlung. Für die anderen ist die Zeitarbeit eine Möglichkeit, zunächst bei vielen Arbeitgebern „reinzuschnuppern“ und sich dann zu entscheiden, wo sie langfristig arbeiten wollen. Zehn bis 20 Prozent unserer Mitarbeiter wechseln früher oder später dauerhaft in eine Festanstellung bei einem unserer Kunden.

Andreas Worch.
Andreas Worch.Foto: promo

[Das Gespräch führte Ingo Bach. Andreas Worch ist Geschäftsführer und Mitinhaber der Berliner Zeitarbeitsfirma „anbosa Personaldienstleistungen“. Die Firma beschäftigt zwischen 50 und 80 Mitarbeiter und ist auf die Überlassung von Zeitarbeitskräften an Kunden in der Pflege- und Gesundheitsbranche in Berlin und Brandenburg spezialisiert.

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Zahlen Sie den Pflegekräften höhere Löhne als marktüblich?
Natürlich zahlen wir den Mitarbeitern in der Regel mehr. Die höhere Flexibilität, die in der Zeitarbeit gefordert ist, und die teilweise höhere Arbeitsbelastung müssen ja honoriert werden. Schließlich sind es oft „Krisenhäuser“ mit einem großen Personalmangel, die unsere Hilfe benötigen. Wenn unsere Mitarbeiter dahin gehen, heißt das auch mehr Arbeit für sie. Und ehrlich gesagt: Gerade in der Pflege, wo Mitarbeiter immer wieder über mangelnde Wertschätzung klagen, ist eine angemessene Bezahlung auch eine wichtige Form der Anerkennung.

Leiharbeiter sind also teuer, schließlich wollen Sie auch mit daran verdienen.
Natürlich müssen wir auch von unserer Arbeit leben können. Für die Überlassung eines Pflegehelfers berechnen wir circa 25 Euro die pro Stunde, für eine Pflegefachkraft unter 40 Euro. Das ist teurer, als eigene Mitarbeiter zu beschäftigen. Die Verrechnungssätze enthalten aber auch die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung und Berufsgenossenschaft. Zudem sind Rücklagen für Urlaub, Lohnfortzahlungen, verleihfreie Zeiten und Fort- und Weiterbildungszeiten unserer Mitarbeiter inbegriffen.

Bieten Sie auch bessere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel bei der Schichtarbeit?
Ja, wir können einiges besser machen als unsere Kunden. Unsere Mitarbeiter haben zum Beispiel mehr Mitspracherecht bei der Dienstplanung. Sie haben also die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie lieber regelmäßig Früh-, Spät- oder Nachtschichten machen. Die Arbeit im Zweischichtsystem ist bei uns eine Einstellungsvoraussetzung, weil wir wissen, dass es bei zu festgelegten Dienstwünschen schwierig wird für die Kundenbetriebe. Wir bieten auch an, dass man festlegen kann, an welchen Tagen man freihaben möchte. Wunschfreie Tage bleiben bei uns freie Tage – das ist ein entscheidender Unterschied.

Es wird oft kritisiert, dass Leasingkräfte in einem Unternehmen ständig wechseln, was die Versorgung der Bewohner verschlechtere und das Betriebsklima in einer Einrichtung zerstöre. Wie lange bleibt eine überlassene Pflegekraft im Durchschnitt in einer Pflegeeinrichtung?
Generell kann Zeitarbeit nur eine temporäre Unterstützung sein. Im Krankenhaus geht es meist darum, Lücken beim Personal, die zum Beispiel durch Krankheit entstehen, kurzfristig zu schließen. In der Altenpflege dagegen sind unsere Mitarbeiter zum Teil über Monate in einem Haus, um unbesetzte Stellen längerfristig auszugleichen. Hier ergibt eine nur kurzfristige Überlassung auch keinen Sinn, weil der Mehraufwand zu groß wäre. Immer wieder neue Überlassungsverträge, neue Einarbeitungszeiten, neues Kennenlernen – da würde die Stammbelegschaft gar nicht mitmachen und das wäre auch nicht im Sinne der Bewohner.

Was können die Zeitarbeitsfirmen tun, um das Vertrauen der Pflegearbeitgeber zurückzugewinnen?
Dafür planen wir eine Initiative „Faire Zeitarbeit in der Alten- und Krankenpflege“. Im November werden die offiziellen Gespräche mit anderen Zeitarbeitsfirmen in Berlin stattfinden. Die Firmen, die der Initiative beitreten, verpflichten sich dazu, keine aggressiven Abwerbeaktionen zum Beispiel mit An- oder Abwerbeprämien durchzuführen, bezahlbare Verrechnungssätze anzubieten, keine Bewerbungen von Mitarbeitern, die bei den Kunden angestellt sind, zu akzeptieren und für die Mitarbeiter eigene Fortbildungen zu organisieren.

Die Zeitarbeit wurde ja mal erfunden, um durch eine höhere Flexibilität Arbeitslosen einen Job zu verschaffen. In der Pflege herrscht aber sowieso eine starke Nachfrage nach Personal. Sind Zeitarbeitsfirmen da nicht eher überflüssig?
Man darf eines nicht vergessen: Für viele Pflegekräfte sind die Zeitarbeitsfirmen der letzte Versuch, in dem Beruf bleiben zu können. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, würden wohl viele den Beruf für immer verlassen. Und das wäre in Zeiten der Personalnot fatal. Gerade hatten wir eine Bewerberin, die gesagt hat: „Eigentlich liebe ich meinen Beruf, aber die derzeitigen Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass ich nur noch rauswill. Sie sind mein letzter Strohhalm.“

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