Numerarier Horst Hennert lebt in Sühne und Enthaltsamkeit.

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Leben mit Opus Dei : Der Mount Everest des Glaubens

An diesem Freitagnachmittag ist Hennert alleine. Seine Mitbewohner arbeiten, einer ist Augenarzt, einer Richter, Filmkritiker, Professor an der Uni. Hennert widmet sich hauptamtlich dem „Werk“. Weltweit hat das Opus Dei nach eigenen Angaben in über 80 Ländern 87 000 Mitglieder. Zwei Prozent sind Priester, zwanzig Prozent „Numerarier“, 80 Prozent „Supernumerarier“. Die, die sich „Numerarier“ nennen, leben enthaltsam und nach Geschlechtern getrennt in Wohngemeinschaften zusammen. Die „Supernumerarier“ haben Familie. Die Gemeinschaft unterhält keine eigenen Kirchen, die Priester halten Gottesdienste in katholischen Pfarreien mit besonders konservativer Ausrichtung.

Hennert und seine Mitbewohner sind Numerarier. In ihrer Männer-WG in der Grunewalder Villa hat jeder in der oberen Etage ein karges, kleines Zimmer. Privatleben gibt es so gut wie nicht, das persönliche Einkommen fließt in die Gemeinschaftskasse. Davon werden Aufgaben des „Werkes“ bezahlt, zum Beispiel der Jugendklub, der sich im Keller trifft, und auch drei Frauen, die ebenfalls Mitglieder im Werk sind und den Männern den Haushalt machen.

An einem Tisch vor den Wohnzimmerregalen dampft Kaffee. Hennert setzt sich und erzählt, wie er in den 60er Jahren zum Opus Dei kam und in Bonn Deutsch und Religion studierte. Seine Mitstudenten fanden die Wahrheit bei Marx und Mao, er entdeckte sie in der Strenge der katholischen Lehre. Hennert leitete damals einen Jugendklub in Bonn. Marx hielt er für brandgefährlich, auch Brecht. Hätte er den Jugendlichen damals nicht zu lesen gegeben. Später führte Hennert für Opus Dei ein Studentenwohnheim in Köln und war Geschäftsführer eines Mädchengymnasiums in Jülich.

Viele Marxisten und Maoisten sind von ihrem Glauben abgefallen, Hennert ist dem Rosenkranz treu geblieben. Heute kämpft er gegen den „Relativismus“. Er möchte Kinder vor einer Alles-ist-möglich- und Alles-ist-egal-Mentalität schützen, sie motivieren, nach der Wahrheit zu suchen.

In den Regalen stehen Reiseführer, Bildbände, Romane und Werke von Escrivá. Man muss nicht lange suchen, um auf Reizwörter wie Gehorsam, Schmerz oder Abtötung zu stoßen. „Gesegnet sei der Schmerz“, heißt es etwa in der Aphorismensammlung „Der Weg“ unter Nummer 208. Numerarier wie Hennert sind gehalten, täglich zwei Stunden eine Stachelkette um den Oberschenkel zu tragen. Einmal die Woche sollen sie sich mit einer Geißel aus Kordeln so lange schlagen wie es braucht, um ein Vaterunser aufzusagen.

Der Bußgürtel sei keine unumstößliche Pflicht, sagt Hennert. Drei Stunden lang hat er ruhig und geduldig alle Fragen beantwortet. Jetzt knetet er die Finger. Er ist genervt. Der eine trage den Bußgürtel, sagt er, der andere nicht. „Es geht darum, nicht nach Lust und Laune zu leben, sich nicht gehen zu lassen.“ Man bringe dadurch ein Opfer für Gott. Es sei auch eine Art Mitleiden mit Jesus Christus, der am Kreuz Qualen ausgehalten habe. „Beim Joggen“, sagt er, „darfste dich quälen, in der Sauna geißeln, aber wenn ich das für Gott tue, soll es pervers sein?“ Viel schwieriger als die körperliche Geißelung sei es, freundlich zu bleiben, wenn man zum hundertsten Mal nach dem Bußgürtel gefragt wird.

Innerkirchlich gilt das Opus Dei als reaktionäres Schreckgespenst. Kardinäle berichten, dass das Werk unter ihrem Förderer Papst Johannes Paul II. im Vatikan zahlreiche Schaltstellen besetzte, die zuvor Jesuiten innehatten. Seitdem andere Gruppierungen wie die Piusbruderschaft das Opus Dei an Radikalität übertreffen, verblasst das Feindbild. Gleichzeitig beobachten Kirchenexperten, dass sich das Opus Dei öffnet, seine Verbindungen zu Schulen, Studentenwohnheimen und Universitäten transparenter macht. Mit Funktionären zu sprechen ist heute kein Problem mehr. Gesellschaftlicher Einfluss wird dem Werk in Spanien und Lateinamerika zugemessen, dort leben die meisten Anhänger.

In Deutschland hat das Opus Dei 600 Mitglieder, davon sind 25 Priester. Kernland ist das katholische Rheinland. Hier sitzt die Deutschland-Zentrale, hier gab und gibt es mit den Kölner Bischöfen mächtige Unterstützer und etliche Tagungshäuser, Studentenwohnheime und Ausbildungsstätten, die der Gemeinschaft nahestehen, sowie ein Mädchengymnasium.

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