Lehrermangel in Berlin : Hier sind die Notmaßnahmen der Bildungssenatorin

Mind the gap: In Berlin fehlen etwa 500 Lehrer. Was Sandra Scheeres (SPD) alles gegen die klaffende Lücke an Berlins Schulen tut, die sie lieber nicht so nennt.

Der Traum von Lehrern, Eltern und Schülern: Unterricht in Kleingruppen.
Der Traum von Lehrern, Eltern und Schülern: Unterricht in Kleingruppen.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

„Spalt, Lücke, Kluft“ – so lautet die deutsche Übersetzung des englischen Wortes „Gap“. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zog es am Montag vor, durchgängig von „Gap“ zu sprechen, als sie die Versorgungslücke bei den Lehrern meinte. Wie groß sie genau sein wird, konnte sie noch nicht beziffern. Es zeichnet sich aber ab, dass rund 500 Stellen nicht durch Lehrer besetzt werden können. Um die Stundentafel nicht zu gefährden, sollen die Lehrer am ehesten dort eingespart werden, wo es viele zusätzliche Stellen für die sprachliche, sonderpädagogische und soziale Förderung gibt. Diese Aufgaben könnten dann Vertreter andere Berufe übernehmen. Die von Scheeres vorgestellten „Maßnahmen zur Lehrkräftegewinnung“ im Einzelnen:

Andere Berufe. Wenn eine Schule nicht alle Stellen besetzen kann, darf sie künftig diese Stellen umwandeln, das heißt, dass sie – etwa für die Sprachförderung oder die Inklusion – Pädagogische Unterrichtshilfen, Betreuer oder Sozialarbeiter einstellen kann. In Kürze soll diese Möglichkeit auch auf Logopäden, Ergotherapeuten, Psychologen und Musiktherapeuten ausgedehnt werden.

Sprachlernassistenten. Im kommenden Schuljahr sollen für mehrere Schulen Sprachlernassistenten eingestellt werden. Diesen Beruf gibt es bisher noch gar nicht. Es gilt dann auch für diese Sprachlernassistenten, dass sie statt Lehrern eingestellt werden können. Als Voraussetzung wird der Bachelor genannt. Die Personalräte haben aber noch nicht zugestimmt, weil etwa noch nicht klar ist, was passiert, wenn es wieder genügend Lehrer gibt: Werden die Sprachlernassistenten dann deren Stellen besetzt halten, oder gibt es sie zusätzlich?

Pensionäre. Wer bereit ist, über das Pensionsalter hinaus noch zwei Jahre weiterzuarbeiten, Quereinsteiger zu betreuen oder sich als Vertretungslehrer einsetzen zu lassen, kann bis zu 120 Prozent seiner bisherigen Besoldung bekommen. Rund 160 Lehrer haben bislang ihre Bereitschaft bekundet. Zudem können Grundschullehrkräfte, die kurz vor der Pensionierung stehen und bisher mit A 12 besoldet waren, A 13 bekommen, wenn sie weiterarbeiten. Besonders attraktiv ist, dass sie damit auch Anspruch auf eine höhere Pension haben.

Am Montag demonstrierten Schüler von Berliner Europaschulen am Pariser Platz gegen die vielen finanzielle Kürzungen.
Am Montag demonstrierten Schüler von Berliner Europaschulen am Pariser Platz gegen die vielen finanzielle Kürzungen.Foto: Heinrich

Studenten. Unter dem Motto „Unterrichten statt Kellnern“ werden Masterstudenten dafür geworben, befristete Verträge für ein halbes oder ein ganzes Jahr abzuschließen. Sie würden dann wie reguläre und nicht mehr nur als Vertretungskräfte eingesetzt. „Damit gewährleisten wir für die Studierenden und die Schulen eine größere Beschäftigungssicherheit als im Rahmen von kurzfristigen Vertretungseinsätzen“, erläutert die Verwaltung.

Freiwillige Mehrarbeit. Die Senatsverwaltung für Bildung will mit dem Gesamtpersonalrat eine Dienstvereinbarung abschließen, um eine freiwillige Mehrarbeit von zwei Stunden zu ermöglichen: „Es kann für einen Lehrer durchaus interessant sein, sein Stundenvolumen heraufzusetzen, wenn er in der gleichen Klassenstufe das gleiche Fach unterrichtet und dadurch rund 350 Euro mehr erhält“, hieß es am Montag erläuternd.

Lehrer mit einem Fach. Bisher wird der Einsatz von Quereinsteigern dadurch erschwert, dass reguläre Lehrer zwei Fächer studiert haben müssen. Diese Vorschrift will Berlin auf der Ebene der Kultusministerkonferenz zur Debatte stellen, damit auch die so genannten Ein-Fach-Lehrkräfte voll für das Lehramt zugelassen werden und das zweite Fach nicht nachstudieren müssen. Mit den Stadtstaaten Bremen und Hamburg ist Berlin dazu bereits im Gespräch.

Entlastung für Quereinsteiger. Die Bildungsverwaltung will die Einarbeitung der Quereinsteiger verbessern. Alle neuen Quereinsteiger nehmen daher verpflichtend an einem zehntägigen Vorkurs teil, der aus sieben Tagen Schulung und drei Präsenztagen an den Schulen, an denen sie eingesetzt werden sollen, besteht. Sie erhalten zudem in den ersten acht Wochen ihrer Unterrichtstätigkeit Begleitung und Beratung. Pensionäre, Coaches und erfahrene Lehrkräfte sollen dabei zum Einsatz kommen. Nicht gelungen ist es allerdings, die Unterrichtsverpflichtung von 19 auf 17 Stunden abzusenken. Denn dafür hätte Scheeres weitere 120 Lehrerstellen schaffen müssen, die gar nicht zu besetzen gewesen wären. Stattdessen wird die Unterrichtsverpflichtung nur um eine Stunde reduziert.

Stipendium für Wechsler. Wer bereit ist, nach einem nicht-lehramtsbezogenen Bachelor in den „Quereinstiegsmaster“ zu wechseln, bekommt zwei Jahre lang – also während des gesamten Masterstudiums – 500 Euro pro Monat als Stipendium.

Abgeordnete Lehrer. Eine am Montag nicht näher bezifferte Zahl von Lehrern unterrichtet nur teilweise oder gar nicht, sondern ist anderweitig eingesetzt. Einige von ihnen sollen vollständig zurück an die Schulen. Für die Europaschulen wurde diese Gefahr abgewendet: Sie dürfen ihre Moderatorenstellen vollständig behalten, kündigte Scheeres an. Für die Lehrer, die an die Universitäten abgeordnet sind, solle es aber nur einen einjährigen Aufschub geben, meint Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD).

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