Letzte Ehre : Erste Gedenkfeier in Berlin für die einsamen Toten

Reinickendorf ist der erste Bezirk, der eine Trauerstunde für „ordnungsbehördlich Bestattete“ ausrichtet.

Gerd Appenzeller
Reinickendorfer planen eine Gedenkfeier für einsame Tote in Berlin.
Reinickendorfer planen eine Gedenkfeier für einsame Tote in Berlin.Foto: Robert Günther/dpa

Berlin ist eine ordentliche Stadt. Die Registrierung der Geburt eines Menschen erfordert zwar viel Zeit und Geduld, aber eines wird garantiert: Wer gestorben ist, kommt ordnungsgemäß unter die Erde. Das gilt auch für Menschen, die tot aufgefunden wurden, die einsam starben, die keine Angehörigen haben. Das heißt, manchmal haben diese Toten schon Angehörige. Aber die wollen von dem Dahingegangenen nichts wissen, haben ihn oder sie, warum auch immer, schon zu Lebzeiten aus dem Gedächtnis gestrichen. Und mit der Beerdigung wollen sie dann auch nichts zu tun haben.

Wenn das alles oder einiges davon zutrifft und der Dahingeschiedene kein Vermögen hinterließ, handeln die Ordnungsbehörden der Bezirke. Sie organisieren eine „ordnungsbehördliche Bestattung“. Was sie bislang nicht organisieren konnten oder wollten: eine Trauerfeier für die Verstorbenen, ein letztes Gedenken. Das ändert sich nun. In Reinickendorf haben sich Bürger zusammengefunden, die einmal im Jahr für diese Toten eine Trauerfeier ausrichten. Die erste findet jetzt am Sonntag statt, um 17 Uhr, in der evangelischen Apostel-Paulus-Kirche in der Wachsmuthstraße in Hermsdorf.

Name, Geburts- und Sterbedaten sind vermerkt

Die Trauerfeier in der Hermsdorfer Kirche – sie liegt in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs Hermsdorf – wird ohne religiösen Bezug sein, aber es wird Musik geben, und es werden die Namen aller im letzten Jahr durch den Bezirk „ordnungsbehördlich Bestatteten“ verlesen. Allein in Reinickendorf sind das Jahr für Jahr im Durchschnitt 220 Menschen, mehr Frauen als Männer. Ihre letzte Ruhestätte finden sie alle auf dem St. Hedwig – Alten Domfriedhof in Mitte in der Liesenstraße.

Warum ausgerechnet hier? Patrick Larscheid, der Leiter des Reinickendorfer Gesundheitsamtes und einer der Initiatoren der Gedenkfeier am Sonntag, erklärt es so: Hier sind die Kosten für die Urnenbeisetzung am niedrigsten. Anonym ist diese letzten Ruhestätte nicht. Auf einem kleinen grünen Täfelchen sind Name sowie Geburts- und Sterbedaten (soweit bekannt) vermerkt. Aber eine Trauerfeier, die ist im Preis nicht inbegriffen.

Als im Checkpoint, dem Tagesspiegel-Newsletter von Chefredakteur Lorenz Maroldt, darauf verwiesen wurde, dass es in Köln und anderen Städten solche Feiern gibt, und die Frage gestellt wurde, warum das in Berlin nicht geht, wurden als Hindernis Probleme mit dem Datenschutz genannt. Man könne die persönlichen Angaben über einen Toten nicht einfach so herausgeben, hieß es. Warum es in anderen Städten geht und in Berlin nicht, das blieb offen, wie so vieles in dieser Stadt.

Menschen mit berührenden Schicksalen

In Reinickendorf wurde diese Mauer des Verschweigens im letzten Jahr durchbrochen. Mit ausdrücklicher Unterstützung von Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) führten Patrick Larscheid, der Leiter des Gesundheitsamtes, und der Pfarrer der Evangelischen Apostel-Paulus-Kirche, Andreas Hertel, einen Kreis engagierter Bürgerinnen und Bürger zusammen, die diesen ihres Erachtens unwürdigen Zustand beenden wollten.

Den dritten Sonntag im Januar legten sie gemeinsam als künftigen Gedenktag für jene Verstorbenen fest, derer bislang keiner gedachte. Zwischen Liedern und Musik werden am Sonntag ab 17 Uhr die Namen verlesen, und – dies freilich ohne Nennung des Namens – ungewöhnliche Lebenswege und Schicksale ausführlicher dargestellt. Es gebe, so sagt Patrick Larscheid, unter den Toten Menschen mit berührenden Schicksalen. Immer wieder sei es auch Zerstrittenheit in Familien, die über den Tod hinaus eine Versöhnung unmöglich gemacht habe.

Weil diese Gedenkfeier öffentlich für alle Bürgerinnen und Bürger ist, können im Schutz der Anonymität nun auch jene Abschied nehmen, die das zu Lebzeiten nicht wollten oder konnten. Alle, die kommen, das erhoffen sich jedenfalls die Organisatoren, setzen jedoch damit ein Zeichen, dass die Gemeinschaft über den Tod hinausreicht.

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