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Lob sogar aus der Linkspartei : CDU-Mann soll Berlins Schulbau koordinieren

Berlins dienstältester Stadtrat Wilfried Nünthel war gerade erst in Pension gegangen. Jetzt holte ihn die Bildungssenatorin als Problemlöser in ihre Behörde.

Wilfried Nünthel soll als "Troubleshooter" fungieren, wünschen sich Bildungssenatorin Scheeres und Staatssekretärin Stoffers (v.l.n.r.).
Wilfried Nünthel soll als "Troubleshooter" fungieren, wünschen sich Bildungssenatorin Scheeres und Staatssekretärin Stoffers...Foto: Susanne Vieth-Entus

Wenn jemanden wenig aus der Ruhe bringen kann, dann ist es Wilfried Nünthel: Der Bauernsohn und Diplomphilosoph hatte als Bezirksstadtrat in Marzahn und Lichtenberg schon fast alle Ressorts inne („außer Jugend und Gesundheit“) und fiel in den knapp 25 Jahren als CDU-Bezirkspolitiker vor allem durch seinen Pragmatismus auf. Genau diese Eigenschaft prädestiniert ihn jetzt offenbar dafür, Berlins „Schulbaukoordinator“ zu werden. Am Dienstag wurde der frisch pensionierte Lichtenberger Bildungsstadtrat von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vorgestellt.

„Wir benötigen einen engen Draht zu den Bezirken und brauchen jemanden, der als Troubleshooter wirken kann“, begründete Scheeres ihr Suche nach einem Koordinator. Als Beispiel nannte sie die Probleme, die entstehen, wenn der Denkmalschutz interveniert oder wenn Bezirke Grundstücke für den Schulbau ausweisen, die noch gar nicht baureif sind – „etwa weil ein Kleingartenverein dort noch einen Zweijahresvertrag hat". Für solche Fälle benötige man jemanden, der „auf kurzem Weg“ die Bezirke aufsuche. Sie habe Nünthel gebeten, „als Bindeglied zwischen Senat und Bezirken“ zu fungieren und mit ihrer Staatssekretärin Beate Stoffers (SPD) zusammenzuarbeiten. Daher werde er der Stabsstelle von Stoffers zugeordnet.

Als Bildungsstadtrat musste sich Wilfried Nünthel (CDU, mit Mikro) des öfteren für die Schulplatzknappheit rechtfertigen.
Als Bildungsstadtrat musste sich Wilfried Nünthel (CDU, mit Mikro) des öfteren für die Schulplatzknappheit rechtfertigen.Foto: Susanne Vieth-Entus

Bindeglied und Problemlöser soll Nünthel sein

Scheeres und Stoffers stehen unter Druck, weil die Schulplätze nicht reichen. In diesem und nächsten Sommer werden abermals Klassen vergrößert und neue Modulbauten in Betrieb genommen werden müssen, weil andernfalls rund 9500 Schulplätze fehlen würden. Scheeres betonte aber auch die Erfolge der Schulbauoffensive: Im Jahr 2016 seien 276 Millionen Euro verbaut worden, drei Jahre später schon 510 Millionen Euro.

Angesichts der Geldmengen, die fließen und noch mehr fließen werden, gibt es einen großen Abstimmungsbedarf. Zu diesem Zweck wurde 2018 eine Taskforce Schulbau eingerichtet und jetzt durch eine weitere „kleine Taskforce“ verstärkt, die näher an den Bezirken arbeitet. Zudem gibt es auf Bezirksebene eine gemeinsame Geschäftsstelle sowie drei regionale Geschäftsstellen.

Sie alle müssen mit den Senatsverwaltungen für Bildung und Bauen zusammenwirken. Bei Problemen wird die Senatskanzlei mit ihrem Staatssekretär für Verwaltungs- und Infrastrukturmodernisierung, Frank Nägele (SPD), eingeschaltet. Stoffers hofft, dass mit Nünthel „schon vorher Probleme abgeräumt werden können, denn er kennt die Strukturen“. Nünthel, der gern fischt und liest, gab sich optimistisch – und überhaupt könne man ja nicht „Nein“ sagen, wenn man von „so netten Damen gefragt werde“.

Im Jahr 2018 blieben 120 Millionen Euro liegen

Im Schulbau sind bereits zahlreiche Akteure mit Koordinierungsaufgaben betraut, darunter die Taskforce mit ihrer Leiterin, Staatssekretärin Beate Stoffers (SPD). Zudem gibt es in der Senatskanzlei den Staatssekretär für Verwaltungs- und Infrastrukturmodernisierung, Frank Nägele (SPD), der ebenfalls für die Schulbauoffensive tätig ist.

Rund um den Schulbau reißen die schlechten Nachrichten allerdings nicht ab: Offene Stellen in den zuständigen Bezirksämtern sowie in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung können nicht besetzt werden. Zuletzt berichtete der Tagesspiegel darüber, dass 120 Millionen Euro für den Schulbau allein 2018 in den Bezirken liegen geblieben waren.

Nünthel kennt sich bestens aus mit der Schulraumknappheit: Lichtenberg gehört neben Pankow zu den am schnellsten wachsenden Bezirken. Immer wieder musste er sich vor aufgebrachten Eltern rechtfertigen - so etwa im Juni 2018 im Rahmen einer Mahnwache. Ihm wurde allerdings stets zugute gehalten, dass er neu im Amt war: Vor ihm hatte den Posten zehn Jahre lang die SPD-Bezirkspolitikerin Kerstin Beurich inne.

Nünthel wechselte von Marzahn nach Lichtenberg

Nünthel stammt aus Gera und war vor der Wende in der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) aktiv, die dann mit der Wiedervereinigung in der CDU aufging. Der damals 35-Jährige verlor somit seine Arbeit im Bezirks- und Parteivorstand der Bauernpartei und ließ sich umschulen. Das alles ist auf seiner eigenen Homepage zu lesen.

Wilfried Nünthel (CDU) ist einer der dienstältesten Bezirksstadträte und vertrat in Marzahn und Lichtenberg verschiedene Ressorts.
Wilfried Nünthel (CDU) ist einer der dienstältesten Bezirksstadträte und vertrat in Marzahn und Lichtenberg verschiedene Ressorts.Foto: promo

Weitere Stationen Nünthels:

  • 1993-1995 Baustadtrat in Marzahn
  • 1995-2000 Stadtrat für Stadtgestaltung und Umweltschutz in Marzahn
  • 2000-2006 Bezirksstadtrat für Bürgerdienste und Soziales in Lichtenberg
  • 2007-2010 Geschäftsführer des Jobcenters Treptow-Köpenick
  • 2010-2011 Leiter des Sozialamtes in Marzahn-Hellersdorf
  • 2011-2016 Stadtrat für Stadtentwicklung in Lichtenberg
  • 2016- 31.1.2020 Bildungsstadtrat in Lichtenberg

Lob aus der Linkspartei

„Wilfried Nünthel ist bekannt als einer, der Arbeit wegtragen kann und eigene Ideen hat“, weiß Regina Kittler. Die Bildungsexpertin der Linken findet es nicht verwunderlich, sondern „zweitrangig, dass die Sozialdemokratin Scheeres sich für den Christdemokraten entschied.

Kittler berichtet, dass sie Nünthel schon in ihrer Zeit in der BVV Marzahn erlebt habe. Da habe sie den Stadtrat kennengelernt als jemanden, der auch gut mit den Bezirksverordneten zusammengearbeitet habe. „Für mich ist Nünthel eine gute Wahl“, betonte Kittler auf Anfrage.

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