Lost-Festival in der Willner-Brauerei : Kinetisches Ballett in Pankow

Der Berliner Lichtkünstler Christopher Bauder zog vor drei Jahren eine „Lichtgrenze“ durch Berlin. Am Wochenende ist er beim Lost-Festival dabei.

Hans-Joachim Allgaier
Der Berliner Lichtkünstler Christopher Bauder zeigte seine Installation „Circular“ bereits bei einem Lichtfestival in Portugal.
Der Berliner Lichtkünstler Christopher Bauder zeigte seine Installation „Circular“ bereits bei einem Lichtfestival in Portugal.Foto: Raphael Krämer

„Mechatronisches Theater“ nennt der 44-Jährige Lichtkünstler das, was er an diesem Wochenende in der Pankower Willner-Brauerei präsentieren will, beim Kunstfestival Lost.

Es wird wohl das letzte Kreativevent in der ehemaligen Weißbierbrauerei sein. Denn zum Jahresende geht das denkmalgeschützte Areal vom bisherigen Besitzer – dem Milliardär, Finanzinvestor und Kunstmäzen Nicolas Berggruen – auf den neuen Besitzer über. Die etwa 60 dort arbeitenden Künstler müssen ausziehen, weil in die alten Gebäude wie Zollhaus, Kesselhaus und Remisen vom nächsten Jahr an Büros, Ateliers und Händler einziehen sollen.

„Ganz oben unter dem Dach“, sagt der gebürtige Stuttgarter Christopher Bauder, soll aber zuvor noch einmal sein mechatronischer Theater-Akt „Circular“ über die Bühne gehen: leuchtendes kinetisches Ballett von drei verschieden großen und unterschiedlich farbig angesteuerten Lichtringen, die ihrerseits mit jeweils gut 600 LED-Leuchten ausgestattet sind.

Die Installation war bereits kürzlich beim portugiesischen Lichtfestival Luza zu sehen, das Schauspiel des auf- und abschwebenden und sich dreidimensional im Raum bewegenden Lichts hatte viele Zuschauer fasziniert.

"Lichtgrenze" zum Mauerfall-Jubiläum

In Berlin wurde Bauder vor allem durch die „Lichtgrenze“ bekannt: Auf 15 Kilometern reihten er und sein Bruder Marc 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfalls Stelen mit leuchtenden Latexkugeln auf. Die Kugeln ließ man beim Finale am 9. November fliegen – ein stimmungsvolles Sinnbild für die Auflösung der innerdeutschen Grenze.

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1 von 132Foto: Axel Schmidt / Reuters
12.12.2014 10:49Hinterm Horizont geht's weiter: Der feierliche Moment an der East Side Gallery.

„Circular“ ist abstrakter konzipiert: „Ich arbeite mit Licht als Rohmaterial und erzähle damit praktisch eine Geschichte; keine, die Inhalte transportiert, sondern in Zusammenhang mit der Musik und der Bewegung einen meditativen Zustand erzeugt, in den das Publikum sich hineinziehen lassen kann“, erklärt Christopher Bauder, der Experimentelles Medien-Design und Interaktive Medien an der Universität der Künste studiert hat und 2004, im Jahr nach seinem Abschluss, Whitevoid gründete, ein multidisziplinäres Studio für interaktive Kunst und Design.

Damit trat er auch Anfang 2016 beim CTM Festival an – gemeinsam mit dem Künstler Robert Henke verwandelte er das ehemalige Heizkraftwerk in der Köpenicker Straße in eine Höhle aus Licht und Sound. „Deep Web“ nannten die beiden ihr Werk, dem sich die Zuschauer kaum entziehen konnten.

Lichtkranz für den Wow-Effekt

Musik und Nebel haben wichtige Funktionen für die Wirkung von Bauders mehrfach preisgekrönten Lichtinstallationen, die schon weltweit zu sehen waren. Bei „Circular“ hören die Besucher nichts rhythmisch Betontes oder Anregendes, sondern vielmehr sich langsam und kontinuierlich entwickelnden sphärischen Sound. Zwischendurch lässt Bauders Computer, der auch die neun selbst entwickelten Elektromotoren mit den Kabelrollen steuert, feine Nebelschleier durch den dunklen Raum wabern.

Und ab und zu macht es „puff“: Dann schickt die Maschine einen Nebelstoß gezielt in eine Richtung. Für Christopher Bauder gibt das dem Licht Halt, Volumen, Zeichnung und Textur. „Sonst sähe man das Licht ja nur genau auf den Ringen, aber so bringe ich es in den Raum hinein. Den Mond betrachtet man schließlich auch besonders gerne, wenn er einen Hof, also einen Kranz hat.“

Licht-Installation „Circular“
Licht-Installation „Circular“Foto: Whitevoid/promo

An der Algarve löste Bauder mit „Circular“ tatsächlich den Wow-Effekt aus, auf den er stets hinarbeitet. Die Gäste blieben oft 15 Minuten und länger im Kinosaal des Cine-Teatro Louletano sitzen, um sich von Licht, Musik und Atmosphäre in den Bann tanzender Ringe ziehen zu lassen. Wer das Schauspiel genau verfolgte, dem fiel auf, dass sich frühestens nach vierzig Minuten die Choreographie des kinetischen Balletts zu wiederholen begann.

Der 44-jährige Lichtkünstle fertigt auch Auftrags-Installationen. „Da habe ich gar keine Berührungsängste, das sehe ich nicht negativ“, betont er. Seit fünf Jahren visualisiert er zum Beispiel für den Cebit-Messestand eines Telekommunikationsanbieters das Thema „Netzwerke“, er kreierte Lichtkunstwerke für einen koreanischen Autohersteller und einen Elektrogeräteproduzenten – jeweils ohne auch nur einmal die Produkte zu zeigen. Da sein Gestaltungsansatz radikal anders sei, sagt Bauder, achte er darauf, genügend Freiheiten vom Auftraggeber eingeräumt zu bekommen.

Intelligentes und neues Storytelling

Auf Lichtfestivals wie „Berlin leuchtet“ oder „Festival of Lights“ angesprochen, gibt sich Bauder einsilbig. Man spürt: Wenn großformatige, bunte Videoprojektionen Gebäudefassaden dominieren, bekannte visuelle Effekte abgespult werden, ohne echten Bezug zum Gebäude selbst, ist er nicht begeistert. Er bevorzugt es, wenn alle Arten von Licht gleichberechtigt nebeneinander eingesetzt werden, also Tageslicht, Feuer, Scheinwerfer, Neon, LED, Laser und Projektionen.

Intelligentes und neues Storytelling – über das hinaus, was genauso gut auch auf Infoscreens gezeigt werden könnte –, das ist es, was Lichtkünstler Bauder umsetzen möchte. Die Szene in Berlin gibt das her, meint er: „Hier gibt es unendlich viele talentierte Künstler aus der ganzen Welt.“ Im Februar 2018 ist er wieder im Heizkraftwerk in Mitte zu Gast und wird den riesigen Raum einen Monat lang mit seiner nächsten großen Lichtkunst-Installation erhellen.

Lost-Festival: Abschied mit Kunst

Seit 2012 befand sich hier eine Insel der Berliner Kunstszene. Vor dem Abschied von der früheren Willner-Brauerei, wollen sich die dort arbeitenden Kreativen an diesem Wochenende mit einem Kunstfestival verabschieden.

Der Titel der Veranstaltung prangt schon seit Wochen als Schriftzug auf einem der Gebäude: „Lost“. Die Veranstalter versprechen Kunst-Talks, Musik, Schauspiel, Vorträge, Performances und DJ-Sets. Im ebenfalls 48 Stunden geöffneten Kino werden fünf Filme in Dauerschleife gezeigt.

Die Kellerräume des Brauhauses verwandeln sich in eine Clublandschaft, 80 DJs sollen sich hier an den Plattentellern abwechseln.

Am Freitag um 18 Uhr geht es los auf dem Areal an der Berliner Straße 80-82. Tickets gibt es im Internet unter www.lostberlin.de.

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