Frontstadt Berlin, Eldorado für jeden

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Lüül von den 17 Hippies : Ein neues Lied fürs alte West-Berlin
Eldorado West-Berlin, da wollten sie alle hin. Nach dem Mauerfall war der Ku'damm einer der Anziehungspunkte.
Eldorado West-Berlin, da wollten sie alle hin. Nach dem Mauerfall war der Ku'damm einer der Anziehungspunkte.Foto: dpa

Morgens in der U-Bahn, Orje und Kulle,

saßen da, aßen Paech-Brot-Stulle.

Bubi Scholz und Playboy Eden,

Frontstadt Berlin, Eldorado für jeden.

Schallmauer-Knaller der Russenflieger,

Tennis Borussia in der ersten Liga.

Jeder kannte jeden in West-Berlin

Als Gitarrist ist Lüül mit Nico durch die USA getourt, er wohnte in New York, Paris, London. Und kam doch immer wieder zurück. „West-Berlin war für deutsche Verhältnisse eine unglaublich weltoffene Stadt! Es herrschte eine familiäre Atmosphäre, jeder kannte jeden, wir waren eine schräge Mischung aus Alteingesessenen und verrückten Leuten von außen, die nicht zur Bundeswehr wollten und immer Lust zum Feiern hatten.“

Hat das auch die Musik beeinflusst? Die Berliner Schule mit Tangerine Dream oder Lüüls Bands Ash Ra Tempel und Agitation Free? „Kann schon sein“, sagt Lüül. „Wir spielten ja recht abgehobene Sachen, vielleicht war das ein Zeichen dafür, dass wir Grenzen überwinden wollten. Musste mal ’nen Psychologen fragen.“

Edgar Froese, der Frontmann von Tangerine Dream, ist Anfang des Jahres gestorben. Lüül erinnert sich an eine letzte Begegnung, „es war bei einer Vernissage, wir hatten uns 20 Jahre nicht gesehen. Als er mich sah, rief er aus: Lüül, du warst die Speerspitze der Avantgarde!’“

Blumenkinder in Miniröckchen,

Goa-Fahrer mit Tempelglöckchen.

Orangene Mönche im Nieselregen,

orangene Müllmänner hielten dagegen.

Im Sportpalast gab’s mehrere Male

bei Haley und Zappa richtig Randale.

Die Stones in der Waldbühne

machten Skandale,

Claudia Cardinale kam zur Berlinale.

"Durch das Geld aus Bonn ging's allen gut"

Die Zeile mit Claudia Cardinale hat Lüül für seinen Musiker-Kumpel Manuel Göttsching geschrieben, „der hat sie mal als Taxifahrer durch Berlin kutschiert. Nur von unserer Musik konnten wir nicht leben, da waren wir auf solche Jobs angewiesen.“ Irgendwie habe es doch immer wieder gereicht, „auch das war schön in West-Berlin. Durch das viele Geld aus Bonn ging es allen ganz gut.“

Ausstellung: West-Berlin - eine Insel auf der Suche nach Festland
Schon mal ziemlich vielversprechend: das Ausstellungsplakat. Es zeigt eine Anzeige, die einst im Reisemagazin Merian erschien. Die Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum läuft noch bis zum 28. Juni.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Stadtmuseum Berlin
27.04.2015 08:46Schon mal ziemlich vielversprechend: das Ausstellungsplakat. Es zeigt eine Anzeige, die einst im Reisemagazin Merian erschien. Die...

An der alten Kongresshalle ist trotz der vielen Autos nichts los. Dem Videodreh zuliebe tänzelt Lüül fünf-, sechsmal die Freitreppe der alten Kongresshalle herunter und trällert unbeirrt: „... wenn die Sonne scheint!“ Was wohl die Passanten sagen würden, wenn es denn welche gäbe? Von hier aus ist es gar nicht weit bis nach Moabit, wo er mal gewohnt und gearbeitet und Inspiration für das Album „Mond von Moabit“ erfahren hat.

„Eine coole Zeit in einem uncoolen Bezirk, aber immerhin ist Tucholsky da geboren.“ Und wenn schon, die Zeit drängt und Moabit fällt aus. Weiter geht’s, zu anderen Fixpunkten des alten West-Berlin: Zoopalast, Gedächtniskirche, Checkpoint Charlie, einmal mit dem Klapprad um den riesigen Parkplatz am Olympiastadion.

Helga Goetze stand nackig

an ’ner Kirche,

Christiane F. am Bahnhof Zoo.

Wolfgang Neuss mit Ritchie

inner Talkshow,

Bolle brannte aus auf ’ner 1.-Mai-Demo.

Bekiffte Bullen tanzten mit Bob Marley,

die Welt war zu Ende

am Checkpoint Charlie!

Ach ja, der Osten. Hat die Avantgardisten aus dem Westen nie so recht interessiert. Einmal waren sie zu Besuch bei Musikern in Prenzlauer Berg, „im kultigen Prenzlauer Berg!“ Lüül lacht. „Es gab nichts außer öden, menschenleeren Straßen mit heruntergekommenen, trostlosen Häusern. Die Szene spielte sich wohl eher in Hinterhäusern ab.“ Die West-Berliner waren Fremde in der anderen Hälfte ihrer Stadt.

Am Dienstag, den 21. April 2015 stellt Lüül „West-Berlin“ auf einer Radio-Eins-Talkrunde in der Nikolaikirche vor. Mit dabei sind Annette Humpe, Tim Renner, Wolfgang Müller, Jörg A. Hoppe und WestBam. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Mehr Informationen hier.

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