Luftbrücke in West-Berlin : Was vor 70 Jahren in der Zeitung stand

Vor 70 Jahren startete die Luftbrücke. Auch am Zeitungskiosk ging es munter zur Sache – wir haben im Tagesspiegel von damals geblättert.

Am 24. Juni 1948 startete die Luftbrücke, um Berlin zu versorgen.
Am 24. Juni 1948 startete die Luftbrücke, um Berlin zu versorgen.Foto: picture-alliance/ dpa

Während der Blockade wurde scharf geschossen. Mit Genuss zitierte der Tagesspiegel aus den „Witzblättern“, wie die Rubrik mit Pressestimmen aus dem Osten hieß, die „Berliner Zeitung“ firmierte dort als „Blatt für den kleinbürgerlichen Kommunismus“. Wenn man den „Hetzblättern“ des Ostens Glauben schenke, so der Tagesspiegel in eigener Sache, „ist das amerikanische Außenministerium bekanntlich eine Filiale der Redaktion des Tagesspiegel“.

Freilich blieb es nicht beim verbalen Schlagabtausch. Erst kassierte das Postscheckamt im russischen Sektor die Zahlungen der Tagesspiegel-Abonnenten einfach ein, dann verschwanden die Plakate von den S-Bahnsteigen, wurde die Zeitung im Osten nicht mehr ausgeliefert, ja, schließlich nicht mal mehr am Kiosk verkauft. Die Zeitungslektüre wurde zur Gewissensfrage: „Jeder Berliner liest die freiheitliche Presse des Westens. Kein Berliner liest die Zwangspresse des Ostens.“ Der Leser wurde zum Verbündeten, der an den S-Bahnhöfen auf die Ost-Berliner Bahnpolizei aufpassen sollte, die gern Plakate abriss.

Umsatzeinbuße durch Tagesspiegel-Boykott

„Weil der Tagesspiegel den Kommunisten auf die Nerven fällt, soll er den Berlinern nicht mehr in die Augen fallen“, klagte das Blatt. Doch wenn man ihn schon nicht überall sehen konnte, sollte man ihn wenigstens hören. Der fliegende Zeitungshändler kehrte zurück. Den Ost-Berliner Kiosken dagegen bekam der erzwungene Boykott gar nicht, wie der Tagesspiegel süffisant berichtete: Durch die Umsatzeinbußen konnten sie ihre Steuern nicht mehr zahlen, das Finanzamt kam zum Pfänden.

Durchhalten!, hieß die Devise in der Redaktion, auch die Blockade werde man überstehen. Die Redaktion, so erinnerte sich später ein Redakteur aus der frühen Zeit des Blattes, war wie eine Familie, die fest zusammenhielt. Viel größer als eine Familie war sie ohnehin nicht. Die Artikel schrieb man, wenn’s sein musste, bei Kerzenschein und Petroleumlicht.

„Blumen, Amseln und Frauen“

An die Knappheit des Zeitungspapiers, das ab August eingeflogen werden musste – mehr als 1000 Tonnen jede Woche für die westlichen Blätter – war man sowieso gewöhnt. Und auch wenn das Blatt auf vier Seiten schrumpfte, war es immer noch erstaunlich komplett. Knappe Meldungen und lange Leitartikel, Leserbriefe und Vermischtes, alles war drin; am Sonntag sogar eine achtseitige großzügig illustrierte Beilage, die sich den sogenannten schönen Dingen des Lebens widmete, Mode und Wein, Dichtung und Kunst oder: „Blumen, Amseln und Frauen“.

Durchhalten!, hieß auch die Botschaft an den Leser. In jeder Ausgabe wurde Bilanz gezogen, wurden die Tage der Blockade, die Flugzeuge und die transportierten Zigaretten gezählt: 20 Millionen „Amis“ an einem einzigen Julitag. Im Tagesspiegel erfuhr der Leser, wo es 140 Gramm Pampelmusensaft auf Fleischkarten gab, an welcher Ecke der Rias-Wagen stand. Und der Berliner wurde ermahnt: „Wählen Sie von den drei demokratischen Listen, welche Sie wollen, aber: Wählen Sie!“ Der Berliner tat, was er sollte – das Wahlergebnis wurde als Fanal der Freiheit gefeiert.

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