Magazin "im gegenteil" : "Wir haben eine Slow-Dating-Plattform gegründet"

Das Magazin "im gegenteil" will Menschen verkuppeln. Sie kommen zu Singles nachhause, machen Fotos und schreiben Porträts. Ein Interview zum Valentinstag.

Carina Kaiser
Anni Kralisch-Pehlke (links) und Jule Müller helfen Singles seit 2013 kostenfrei.
Anni Kralisch-Pehlke (links) und Jule Müller helfen Singles seit 2013 kostenfrei.Foto: promo

Seit fünfeinhalb Jahren ist das Online-Magazin für Liebe "im gegenteil" auf dem Berliner Liebesmarkt unterwegs und stellt mit viel Herz Singles in einem persönlichen Porträt vor. Anni Kralisch-Pehlke, eine der Gründerinnen, erzählt, wie es denn um die Liebe in der Großstadt steht.

 

In einer Millionenstadt wie Berlin leben eine Menge Singles, die eigentlich kein Single sein wollen. Wie kommen Sie da ins Spiel?

Mehr als 50 Prozent der Berliner Haushalte sind Singlehaushalte, das ist aus einer Studie aus dem letzten Jahr bekannt. Mittlerweile dürfte das auch noch mehr geworden sein. Wir kommen da insofern ins Spiel, als dass wir diese Menschen gerne verkuppeln möchten – also zumindest die, die nachhaltig ans Online-Dating gehen.

 

Was meinen Sie mit nachhaltig? 

Wir wollen Menschen ansprechen, die keinen Bock auf "wisch und weg" haben. Da ist die Aufmerksamkeitsspanne für den Menschen an sich wahnsinnig kurz, bei uns ist sie lang und ausführlich. Wir und unser Team besuchen die Singles zuhause, porträtieren und fotografieren sie mehrere Stunden lang und nehmen uns viel Zeit, den Menschen kennen zu lernen. Ein Porträt hat im Schnitt eine Verweildauer von mehr als vier Minuten. Mit dem Konzept haben wir quasi die “Slow-Dating-Plattform“ im Internet gegründet.

 

Sie sagen, Sie treffen Singles in heimischer Umgebung, lernen sie persönlich kennen. Was ist der Vorteil, wenn man sich als Single nicht selber sein Profil anlegt, sondern jemand anderes über dich schreibt?

Der absolute Vorteil ist, dass Dinge, die man besonders gut kann oder auf die man stolz ist – mit denen man aber nicht krass angeben möchte – trotzdem ihren Weg in den Text finden. Wenn wir in dem Porträt schreiben, die Person kann super geil kochen, kommt das nicht eingebildet rüber. Das nimmt dem ganzen gleich den Egoismus. Wir fragen aber auch nach, was die Person nicht perfekt kann, oder was er/sie selber nicht so gut an sich findet. Auch einer der größten Unterschiede ist wahrscheinlich: Bei uns gibt es keine Fake-Profile. In Dating-Apps sehen die Personen auf Fotos oftmals nicht aus wie im realen Leben. Wir zeigen den Menschen von jeder Seite und versuchen, ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Damit geben wir uns echt Mühe. In einer App hast du diese therapeutische oder Coaching-artige Begleitung nicht.

 

 

Was ist ihrer Meinung nach für Singles in Berlin die größte Herausforderung in der heutigen Zeit?

Sich zu binden. Wirklich eine Beziehung einzugehen und nicht beim ersten kleinen Wehwehchen abzuhauen, oder weil an der nächsten Ecke der oder die Nächstbeste warten könnte. Von den von uns porträtierten Singles hören wir oft, dass sie ziemlich lange und ausführliche Mails bekommen – der Dating-App-Standard beschränkt sich eher auf drei Wörter. Auf ein langes, liebevolles Porträt reagieren die Menschen anders. Ich glaube, dass diejenigen, die unsere Singles anschreiben, wirklich den Wunsch nach was Längerfristigen haben.

 

 

"im gegenteil" ist jetzt seit mehr als fünf Jahren auf Verkupplungskurs in der Hauptstadt. Wie steht’s denn um die Liebe in Berlin?

Gefühlt gibt es die glücklichen Mitte-30-Paare die heiraten oder Kinder kriegen. Auf der anderen Seite werden die partnerlosen Menschen immer unglücklicher - die Kluft zwischen den Extremen wird immer größer. Ich habe aber auch das Gefühl, dass mehr Frauen eine Bindung suchen als Männer. Eine tolle Frau meinte letztens zu mir: Nicht mal mehr für eine Affäre würde sich groß Mühe gegeben. Das ist eher kein neues Phänomen. Bindungs- oder Beziehungsangst vielleicht auch Beziehungsunfähigkeit wird durch Apps verstärkt. Was für schüchterne Menschen eine Hilfe sein mag, weil die Mut-Schwelle geringer ist, macht es anderen vielleicht sogar schwerer, eine neue Person kennenzulernen.

 

Ohje.

Es ist nicht alles so schlimm wie es klingt. Die Erfolgsquote von "im gegenteil" ist zum Beispiel relativ hoch. Wenn sich ein Single auf Parship alle 10 Minuten verliebt, sagt das noch nichts darüber aus, wie viele Leute tatsächlich zusammenkommen. Bei uns ist das überschaubarer. Wir haben in den letzten fünfeinhalb Jahren ungefähr 550 Singles porträtiert, mit denen wir auch noch in Kontakt stehen. Das heißt die Leute schreiben uns, wenn sie in einer Beziehung sind, wenn sie Kinder kriegen oder heiraten. Aber auch, wenn sie sich trennen und wir das Porträt wieder freischalten können. Dafür, dass es bei einigen an der Liebesfront nicht so einfach läuft, bekommen wir dennoch viele positive Nachrichten.   

 

Haben Sie eine Zukunftsstrategie, der Liebe in Berlin noch mehr Raum zu geben?

Einfach mit dem weitermachen, was wir bereits tun. Gerade in Berlin ist alles laut und schnell und heftig und da geben wir uns größte Mühe, im Online-Business der Gegenpol zu sein, wenn‘s um die Liebe geht. Unsere Strategie ist und bleibt, nicht dem Fast-Dating zu verfallen, der den Menschen als Massenware sieht. Wir veröffentlichen ja maximal ein bis zwei Porträts die Woche. Die Person steht dementsprechend auch lange im Spotlight und bekommt die ungeteilte Aufmerksamkeit von allen, die bei uns auf die Website kommen. Da ist Entschleunigung beim kennen- und lieben lernen. Ich glaube weiterhin an die Liebe.

Im Gegenteil ist ein Online-Magazin und stellt seit November 2013 wöchentlich Singles vor. Interessierte melden sich einfach - Geld kostet das Ganze nicht. Im Gegenteil ist neben Berlin auch in 14 anderen Städten aktiv.

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