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Magen-Darm-Epidemie : Fast 2200 Kinder in Berlin erkrankt

Berliner Schulen und Gesundheitsbehörden sind aufgeschreckt: Nach der Welle von Infektionen mit einem Magen-Darm-Virus bei Schulkindern wird nach der Ursache gesucht. Fast 2200 Kinder sind erkrankt. Eine Schul-Cateringfirma gerät ins Visier.

Offenbar wurde das bislang unbekannte Virus über einen Schulcaterer verbreitet.
Offenbar wurde das bislang unbekannte Virus über einen Schulcaterer verbreitet.Foto: dapd

Immer mehr Kinder in der Region erkranken durch mutmaßlich infiziertes Schulessen. Allein in Berlin wurden am Freitag mehr als 1500 weitere Schüler wegen Durchfallerkrankungen bei den Behörden registriert, insgesamt sind nun fast 2200 Kinder und Jugendliche betroffen, allein in Marzahn-Hellersdorf 500. Sie leiden unter Durchfall und Erbrechen.

Bislang sind in der Stadt knapp 60 Schulen und mehr als 20 Kitas betroffen, in vielen Häusern wird auf Schulessen verzichtet. Laut Senatsgesundheitsverwaltung wurden die Grundschule am Vierrutenberg in Reinickendorf, der Kindergarten St. Marien in Zehlendorf sowie zwei Standorte des Catering-Unternehmens Sodexo in Reinickendorf und Lichtenberg geschlossen.

Dort hätten Beamte mehr als 60 Lebensmittel- und Tupfproben entnommen. Untersucht werden soll, ob die Krankheitsfälle durch einen Norovirus oder ein Gift verursacht wurden. Sowohl Senat als das Bundesinstituts für Risikobewertung und das bekannte Robert-Koch-Institut haben noch keine endgültigen Schlüsse auf Herkunft und Art der Krankheitserreger gezogen.

„Wir sind fieberhaft dabei zu untersuchen, worum es sich handelt“, sagte die Staatssekretärin für Gesundheit, Emine Demirbüken-Wegner (CDU). Ihre Behörde teilte mit, es sich nicht um schwere Krankheiten handele, man aber mit weiteren Fällen rechnen müsse. Demirbüken-Wegner empfahl Eltern, ihren Kindern sicherheitshalber schon zu Hause fertiges Essen mitzugeben.

Von der Infektion mit einem noch nicht eindeutig identifizierten Magen-Darm-Virus sind zum Beispiel auch Schüler im Bezirk Mitte betroffen. Wie das Bezirksamt mitteilte, wurden 30 Krankheitsfälle an der City-Grundschule, einige Fälle an der Hansa-Grundschule in Tiergarten und vier Fälle am Sonderpädagogischen Förderzentrum Berolinastraße gemeldet. Wegen einer gleichzeitigen Grippewelle ist die genaue Zahl der an Magen-Darm-Symptomen leidenden Kinder in der Hansa-Grundschule unklar. In allen drei Einrichtungen wird das Essen von der Firma Sodexo geliefert.

Die Krankheitswelle löste am Freitagvormittag in Schulen und Gesundheitsbehörden hektische Aktivitäten aus. Empfehlungen für Direktoren, Lehrer und Eltern wurden herausgegeben, Medizinberater eilten in die Schulen. In Reinickendorf waren nach Auskunft von Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) rund 150 Kinder betroffen.

Sehr deutlich äußerte sich die brandenburgische Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche zu dem Thema: "Der Skandal um Sodexo war nur eine Frage der Zeit.“, teilte Reiche mit. „Ich bin nicht verwundert über die aktuelle Entwicklung nur überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis etwas passiert.“

„Seit mehr als sieben Jahren erlebe ich die eklatante Mangelhaftigkeit in der Zubereitung und Hygiene bei Sodexo, auch als betroffene Mutter von schulpflichtigen Kindern", so Reiche weiter. Immer wieder habe sie Klagen der Eltern, Schüler und Lehrer über das Schulessen von Sodexo gehört. "In Elternkonferenzen verschiedene Schulen ist die mangelhafte Qualität von Sodexo beklagt und oft ein anderer Essensanbieter gesucht worden." Gleichwohl habe Sodexo nie reagiert. "Jetzt ist schnelles Handeln geboten! Die Vorgänge müssen lückenlos aufgeklärt werden.“ Sie habe das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz um Hilfe und Unterstützung gebeten.

Bisher wurde in Berlin nach einer ersten Übersicht nur eine Schule wegen der Infektion geschlossen: die 20. Grundschule am Vierrutenberg in Lübars. Wegen des Beginns der Herbstferien am Freitag seien wohl auch keine weiteren Schließungen nötig, hieß es in den Schulämtern. Weitere Meldungen über Krankheitsausbrüche kamen bislang aus den Bezirken Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf.

Die vermutlich durch angeliefertes verdorbenes Schulessen ausgelöste Erkrankung sei "hochgradig ärgerlich, aber voraussichtlich relativ harmlos", sagte Brockhausen auf Anfrage. Die Kinder hätten kurzfristig Durchfall und Erbrechen, die Infektion verlaufe aber "glimpflich." Man müsse keine längerfristigen Gesundheitsschäden befürchten, bisher sei auch kein Kind in eine Klinik gekommen. Ähnlich äußerten sich am Freitag auch die Gesundheitsstadträte anderer Bezirke.

Ob die Erkrankung tatsächlich durch das Noro-Virus ausgelöst wurde, ist laut Uwe Brockhausen noch ungeklärt. Mit den Untersuchungsergebnissen wird am Freitagnachmittag gerechnet. In Verdacht, kontaminiertes Essen geliefert zu haben, steht die Catering-Firma Sodexo aus Thüringen, die Schulen und Kitas beliefert und drei Standorte in Brandenburg sowie mehrere Niederlassungen in Berlin hat. Laut Senatsbildungsverwaltung schließen die Bezirke mit dem Großcaterer für ihre Schulen die entsprechenden Lieferverträge ab, bei den Kitas entscheide jeder Träger einzeln, welchen Caterer er beauftragt. In einem am Freitagvormittag verschickten Rundbrief an alle Schulen empfahl die Bildungsverwaltung, Essenslieferungen der Firme Sodexo vorerst nicht mehr an die Schüler auszugeben.

Die Gesundheitsbehörden verteilten an die Schulen Desinfektionsmittel- und Tücher und gaben die Empfehlung aus, Toiletten, Türklinken und andere häufig angefasste Gegenstände mehrfach täglich damit zu reinigen. Sollte es sich um das Noro-Virus handeln, so sei dieses "hochgradig ansteckender als beispielsweise Salmonellen", sagte die Gesundheitsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Sybille Klotz (Grüne). Ein Händedruck genüge. Deshalb erwartete sie am Freitag weitere Nachrichten von Schulen über Infektionsfälle.

Die ersten Krankheitsausbrüche meldete am Donnerstag die Bruno-H.-Bürgel-Schule in Lichtenrade, dort waren etwa 80 Kinder betroffen. In Charlottenburg-Wilmersdorf waren bis Freitagmittag 115 Fälle bekannt - "und es werden minütlich mehr", sagte Bezirksstadtrat Carsten Engelmann. Die erkrankten Kinder wurden nach Hause geschickt, das Gesundheitsamt schaltete eine Telefon-Hotline mit Verhaltensempfehlungen für Eltern.

Zugleich nahmen die Veterinär- und Lebensmittelämter aller Bezirke Proben der angelieferten Schulessen, um sie im Labor des Robert-Koch-Institutes auf mögliche Erreger untersuchen zu lassen.

Auch die Senatsverwaltung reagierte auf die Vorfälle. Aus der Gesundheitsverwaltung von Senator Mario Czaja (CDU) hieß es am Freitagvormittag: "Wir besprechen uns gerade mit allen zuständigen Stellen in der Stadt. Demnächst werden wir die Telefonnummern der Ansprechpartner der Gesundheitsämter in den jeweiligen Bezirken auf unser Homepage veröffentlichen. Besorgte Eltern können dort anrufen."

Die Gesundheitsverwaltung hatte schon am Donnerstag fast 40 Krankenhäuser der Stadt detailliert über die Erkrankungen informiert. Die Schulen wissen Bescheid, Mitarbeiter in den Bezirksämtern sagten dem Tagesspiegel am Freitag, dass die Informationen schnell und gezielt weiter gegeben worden seien.

Auch in der Opposition im Abgeordnetenhaus hält man das Vorgehen der Gesundheitsverwaltung wohl für angemessen. "Das ist bislang nichts verschwiegen worden", sagte Wolfgang Albers (Linke). "Die zuständige Staatssekretärin hat das, was sie weiß, sofort öffentlich gemacht." Der Abgeordnete Albers, der selbst Arzt ist, sagte außerdem: "So etwas kann passieren, Erkrankungen durch Essen sind zumindest über Jahre nur schwer auszuschließen."

Inwiefern der Lebensmitteldienstleister, der die Schulen mit dem Essen belieferte, falsch gehandelt habe, dürfte demnächst die Justizverwaltung klären. Die Behörde von Senator Thomas Heilmann (CDU) ist auch für den Verbraucherschutz zuständig. Sie will sich in den nächsten Stunden äußern.

Telefonhotline des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf: 0172-3630380

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