Nie hätte er gedacht, dass ihn hier jemand betrügen würde

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"Mall of Berlin" : Rumänische Wanderarbeiter kämpfen um ihren Lohn
Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.
Rumänische Arbeiter demonstrieren für einen Boykott der „Mall of Shame“.Foto: DAVIDS

Seit Jahresanfang haben die drei Berater des Büros schon 1800 Wanderarbeiter aus Osteuropa betreut, die geprellt worden sind, fast alle in der Baubranche und im Reinigungsgewerbe. In den drei Jahren, die die Beratungsstelle existiert, wurden 500 000 Euro Lohnrückstände eingetrieben. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Von den meisten Fällen erfährt niemand. Denn viele Arbeiter kehren nach einer schlechten Erfahrung einfach zurück nach Hause – oder sie ziehen weiter zur nächsten Baustelle, in der Hoffnung, dort besser behandelt zu werden. Dennoch steigt die Zahl der registrierten Fälle. 2014 kamen doppelt so viele Wanderarbeiter in die Beratungsstelle als im Vorjahr.

Die Schattenwirtschaft, in der solche Ausbeutungen stattfinden, ist fest in Deutschland verankert. Die Bundesregierung schätzt, dass sie 13,4 bis 14,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Und auch der Niedriglohnsektor, wo Ausbeutung von Wanderarbeitern ganz legal möglich ist, ist fester Bestandteil des deutschen Arbeitsmarkts. Um Mindestlöhne in bestimmten Branchen zu umgehen, stellen Unternehmen die Arbeiter zum Beispiel über Werksverträge an – dann gelten die Lohnstandards der Herkunftsländer. Oder sie lassen sie als Selbstständige mit Gewerbeschein schuften. Die Arbeiter sind dann „frei“, jeden Lohn zu akzeptieren, so niedrig er auch sein mag. Elvis Iamcu wusste nichts von alldem. Nie hätte er gedacht, dass ihn hier jemand betrügen würde. Noch heute ist er überzeugt: „Was uns passiert ist, hat nichts mit Deutschland zu tun, sondern mit ein paar Betrügern.“

Er fühlt sich für die anderen verantwortlich

Für ihn und seine sieben Kollegen war der Job in Berlin der erste auf dem Bau, für alle war es die erste Stelle im Ausland. Iamcu besitzt seit Jahren ein Bekleidungsgeschäft in Constanza am Schwarzen Meer, für rumänische Verhältnisse verdient er gut, im Sommer, wenn die Touristen kommen, schon mal mehr als 500 Euro im Monat. Bevor er den Laden aufmachte, hat er eine Managementhochschule besucht. Er spricht gut Englisch. Damit unterscheidet er sich in drei Punkten von den meisten Wanderarbeitern: Er ist nicht auf den Job in Berlin angewiesen, er ist gebildet, und er kann sich in Deutschland verständigen. Vielleicht hat er sich deshalb – anders als die meisten – entschieden, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Ginge es nur um mich, wäre ich wahrscheinlich schon zurück bei meiner Familie“, sagt Iamcu. Aber er fühlt sich für seine Verwandten und Freunde verantwortlich. Er hat den Job in Berlin an Land gezogen. Ende Juli rief ihn ein alter Bekannter an. Der Mann sagte, er sei in Berlin, habe ein super Jobangebot auf einer Baustelle, die Firma zahle 1300 Euro Monatslohn für wöchentlich sechs Zehnstundentage, stelle die Unterkunft, biete einen deutschen Arbeitsvertrag. Erfahrung sei nicht nötig, auch keine Deutschkenntnisse. 1300 Euro sind mehr als das Dreifache des durchschnittlichen rumänischen Monatslohns.

Sie schliefen in den Autos

Iamcu rief seinen Bruder an, sagte Freunden Bescheid. Wen er auch fragte, alle waren begeistert und bereit, dafür ihren Job in Rumänien zu kündigen. Nur wenige Tage nach dem Anruf verabschiedete Iamcu sich von seiner Frau und der 17-jährigen Tochter. Den 21-jährigen Sohn nahm er mit. Spätestens Weihnachten wollten sie wieder zurück sein. Vater und Sohn fuhren im Pritschenwagen von Iamcus Firma los. In Bukarest stiegen ein Neffe und drei Freunde zu, ein Auto mit vier weiteren Bekannten fuhr hinter ihnen her. Am nächsten Vormittag parkten die beiden Autos vor dem Einkaufszentrum am Leipziger Platz. Iamcu rief seinen Bekannten an, der schickte den Chef, einen Mann aus Moldavien, der Rumänisch sprach. Der habe sie sofort auf die Baustelle gebracht und Material schleppen lassen. Am Abend erklärte er, ihre Unterkunft sei noch nicht fertig. Also schliefen die zehn in ihren Autos. „Im Grunde hätten wir da sofort nach Hause fahren müssen“, sagt Elvis Iamcu. Damals dachte er: „Der Chef ist komisch. Aber Deutschland ist ein gutes Land.“

Am dritten Tag konnten sie die versprochene Unterkunft beziehen, ein Einzimmerapartment für zehn Leute. Sie mussten 50 Euro pro Person im Monat zahlen, im Voraus. Nach einer Woche passte der Schlüssel des Apartments nicht mehr. In der Firma wusste angeblich niemand davon. Die Männer zogen mit vier anderen rumänischen Arbeitern in eine Zweizimmerwohnung am Mehringdamm, die ein Kollege auf der Baustelle vermittelte. Sie zahlten 1800 Euro.

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