"Wir hofften fest, das alles sei ein Riesenmissverständnis"

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"Mall of Berlin" : Rumänische Wanderarbeiter kämpfen um ihren Lohn

Mehr noch als das Wohnungsproblem bekümmerte Elvis Iamcu, dass sie noch nicht, wie abgemacht, einen Vertrag erhalten hatten. Fragten sie nach, vertröstete der Chef sie, manchmal reagierte er aggressiv. Das wiederholte sich, als nach zwei Wochen die erste Lohnzahlung anstand. Wieder beschwerten sie sich, wieder wurden sie erst vertröstet, dann beschimpft. Nach drei Wochen bekamen sie dann das erste Geld. Es war viel weniger als vereinbart, jede Woche hatte der Chef mehr als zehn Arbeitsstunden abgezogen. Als Iamcus Neffe sich beschwerte, zeigte der Chef ihm Fotos: die Männer beim Rauchen oder mit einem Kaffee in der Hand.

Als sie das nächste Mal nach dem Vertrag fragten, verlangte der Chef 150 Euro für „die polizeiliche Anmeldung“ und weitere 100 Euro für den Gewerbeschein. Doch auch in den Wochen darauf bekamen sie keinen Vertrag und auch die nächste Lohnzahlung verzögerte sich und es fehlten Arbeitsstunden.

Er versprach sechs Euro die Stunde

Der Chef der „Metatec“ erfuhr von den Problemen der Rumänen und bot ihnen Mitte September an, zu ihm zu wechseln. Er versprach sechs Euro die Stunde und einen Arbeitsvertrag. Die Männer um Elvis Iamcu nahmen das Angebot sofort an. Angeblich blieb „Openmallmaster“ den letzten Wochenlohn, etwa 300 Euro, den Arbeitern schuldig. Doch auch bei „Metatec“ erhielten die Rumänen keinen Vertrag. Als nach zwei Wochen der Lohn fällig war, bekamen sie nach eigener Aussage wieder kein Geld. Trotzdem arbeiteten sie noch zwei weitere Wochen. „Wir hofften fest, das alles sei ein Riesenmissverständnis“, sagt Iamcu.

Ende Oktober, wenige Tage, nachdem sie auf der Baustelle aufgehört hatten, wurden die 14 Männer aus dem Apartment am Mehringdamm geworfen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Am Abend fuhren sie zur „Mall of Berlin“, dem einzigen Ort in der Stadt, den sie kannten. Weil nicht alle in die Autos passten, beschlossen sie, gemeinsam draußen zu schlafen. Gegenüber fanden sie eine Brache und ein paar Paletten. Am nächsten Morgen schickte Elvis Iamcu seinen Sohn mit einem Freund nach Rumänien. Er selbst stellte sich mit den übrigen Männern vor das Einkaufszentrum. Bauarbeiter, die noch in der Mall beschäftigt waren, schenkten ihnen Salami, Anwohner brachten Decken. Die Chefs von „Openmallmaster“ und „Metatec“ ignorierten sie. Nach zehn Nächten bot ihnen die Bauleiterin einer anderen Firma an, in einem Container zu schlafen. Ende Oktober gab ihnen ein Rumäne den Tipp, zum Beratungsbüro des DGB zu gehen.

30 000 Flyer und gelbe Warnwesten

Als die DGB-Beraterin bei den Geschäftsführern von „Metatec“ und „Openmallmaster“ anrief, erklärten diese, sie hätten das Geld, das sie den Arbeitern schuldeten – insgesamt 33 000 Euro –, von ihrem Auftraggeber nicht erhalten. Ein Sprecher der „Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH“ wiederum erklärte, die Firma habe das Geld längst an die Subunternehmer bezahlt. Nach weiterem Hin und Her erklärten die sich bereit, jedem Arbeiter 500 Euro Abschlagszahlung zu geben. Fast alle nahmen das Geld an und fuhren zurück nach Rumänien. Elvis Iamcu und seine sieben Freunde blieben.

Vor drei Wochen, als Iamcu das Gefühl hatte, es bringe nichts, weiter stumm zu protestieren, brachte sie ein Bekannter zum Lokal der „Freien Arbeiter Union“ (FAU), einer selbst organisierten, antikapitalistischen Gewerkschaft. Die Berliner Sektion hat etwa 300 Mitglieder, die meisten jünger als 30. Sie versprachen, den Protest zu unterstützen. Noch am selben Tag traten die Arbeiter in die FAU ein.

„Wir hatten schon lange auf so etwas gewartet“, sagt Stefan Kuhnt von der FAU. Dass Arbeiter aus Osteuropa oft ausgebeutet werden, war ihm und seinen Kollegen bekannt. Doch bisher hatten sie noch nie einen solchen Fall, noch nie konnten sie dagegen ankämpfen. Sie fanden Schlafmöglichkeiten und sammelten Spenden, um die Männer mit Essen versorgen zu können. Dann meldeten sie die Mahnwache bei der Polizei an, druckten 30 000 Flyer, verteilten gelbe Warnwesten, auf deren Rücken „FAU im Arbeitskampf“ steht. Sie ließen die Rumänen eidesstattliche Erklärungen unterzeichnen, mit denen sie juristisch gegen die Bauherren vorgehen wollen. Und sie organisierten eine große Demo am Nikolaustag. Es kamen mehr als 300 Menschen.

Elvis Iamcu sagt: „Ich hatte zwei Ziele, als wir mit den Protesten begonnen haben: Erstens wollte ich um unsere Würde kämpfen, zweitens um das Geld.“ Dann hält er feierlich inne. „Erstens haben wir schon geschafft.“

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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