Marion Seifert (Geb. 1960) : Nur keine Ruhe. Denn mit der Ruhe kommen die Gedanken

Ihre Kindheit: schrecklich. Sie als Mutter: hilflos. Umso größer sind ihre Verdienste um die Kinder im Kiez. Ein Nachruf.

Das Grab von Marion Seifert in Berlin-Neukölln
Das Grab von Marion Seifert in Berlin-NeuköllnFoto: Karl Grünberg

Wenn Marion Geld brauchte, ging sie zum Brüllaffen. Brüllaffe, so nannte sie ihn, weil er manchmal laut wurde. Und das mochte sie gar nicht. Er brüllte nicht, weil er gemein war. Er brüllte, weil er sich Sorgen machte. Sorgen, um diese Frau, die wie er hier im Kiez wohnte. Die sich um viel zu viel kümmerte – wie er.

Gleich am S-Bahnhof Berlin-Neukölln, gegenüber vom Penny, in einer kleinen Altbauwohnung, da lebte sie. Ihre Wohnung war ihre Burg. Nie nahm sie jemanden mit hoch, keine Freunde, keine Bekannten, Männer sowieso nicht. Wenn doch einmal jemand ihre Wohnung betreten hätte, wären ihm die vielen Fotos von ihrer Tochter aufgefallen. Ausschließlich Baby-Fotos.

Draußen auf der Straße heulen die Rettungswagen der Feuerwehr. Ein Stückchen weiter sitzen die Eckenmänner und trinken aus Wodkaflaschen. Weiter hinten, in den Hauseingängen, kann man hin und wieder Menschen dabei beobachten, wie sie Heroin auf Alufolie rauchen. In der Toreinfahrt dazwischen spielen Kinder mit dem Ball.

„Mensch Marion, jetzt mach doch mal! Das ist doch kein Zustand“, rief der Brüllaffe, groß und kräftig. Sie war klein und so schmal, dass man Angst hatte, der Wind würde sie einfach mitnehmen. Hilfe vom Amt sollte sie sich holen. Eine Krankenversicherung brauchte sie auch. Dass sie ständig erkältet war, immer so heftig husten musste, kaum Atem hatte, das war doch nicht normal. Ihr Körper am Limit. Ein bisschen Ruhe hätte sie gebrauchen können.

„Ich will nichts geschenkt haben.“

Marion ließ sich nichts sagen. Und Ruhe wollte sie schon gar nicht. Mit der Ruhe kommen die Gedanken. Nein, nein. Solange sie in Bewegung war, solange sie sich um die Kinder im Kiez kümmerte, war alles gut. „Wenn die Kinder lachen und glücklich sind, dann ist das alles für mich“, sagte sie dem Brüllaffen einmal. Er war es, der ihr Jahr für Jahr durch den Bürokratie-Dschungel half. Jahr für Jahr musste im förderungswürdigen Bürokratendeutsch erklärt werden, warum Marions Arbeit wichtig für den Kiez und für die Kinder war.

Wenn sie sich beim Brüllaffen Geld leihen musste, weil ihr Honorar von ein paar Hundert Euro nicht ausreichte und sowieso nur in der Schulzeit, nicht aber in den Ferien gezahlt wurde, bestand sie auf einen Schuldschein. Sie achtete akribisch darauf, jeden Euro zurückzuzahlen. „Ich will nichts geschenkt haben.“ Ihr Konto war ein „P-Konto“, pfändungssicher bis zu einer Summe von 1178 Euro. Ihr Lohn reichte für die Miete und die Zigaretten. Rauchen war ihr einziges Laster. Kein Tropfen Alkohol, andere Drogen sowieso nicht. Was Alkohol anrichten kann, hatte sie gelernt, ihr Vater war Kneipenwirt in Kreuzberg.

Das „Nachbarschaftshaus“, gleich am Körnerpark, drei Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Hier hat es mit Marion und den Kiezkindern angefangen. Es gibt einen Fußballplatz und einen Garten, Yoga für Erwachsene, Theater für Senioren, Hausaufgabenhilfe, Mädchen- und Spielegruppen. Für viele Kinder ist es der einzige Ort im Kiez, wo sie ohne Wenn und Aber hinkommen können, wo sie ernst genommen werden. Vor vielen Jahren kam Marion auch einfach hereinspaziert und fragte nach einem Praktikumsplatz. Wie ein Klotz soll sie gewesen sein, hat niemanden an sich herangelassen. Nur bei den Kindern sei sie weich geworden.

„Ich habe sie ins kalte Wasser geworfen, wollte schauen, ob sie das schafft, ob sie einen Draht aufbauen konnte, schließlich ist das hier keine einfache Klientel“, sagt der Sozialarbeiter. Ein ruhiger, bedachter Typ. Kurze, knappe Antworten. Viel Schweigen dazwischen. Im Lauf der Jahre seien Marion und er wie Geschwister geworden.

Marion hatte keine Ausbildung, gar nichts, was sie in irgendeiner Form qualifizierte. Sie hat sich einfach auf die Kinder eingelassen, ihnen zugehört, hat sich Zeit gelassen, hat sie in ihr Herz geschlossen. Und weil sie keine Offizielle war, keine Sozialarbeiterin, nicht von der Schule oder vom Jugendamt, konnte sie ganz leicht auf die Eltern zugehen und Probleme ansprechen. Duzte alle, nannte die Eltern Vati oder Mutti, egal ob sie türkischer oder arabischer Herkunft waren, ob Sinti, Roma oder Ur-Berliner.

Das Kochtheater war ihre Idee. Jeden Freitag und jeden Samstag kamen die Kinder. Sie planten das Essen, schrieben die Zutaten auf, berechneten die Mengen und die Preise, gingen einkaufen, kochten dann, bereiteten den Esstisch vor und aßen alle zusammen. Die Kinder liebten es, weil sie direkt sehen und schmecken konnten, was sie selbst geschaffen hatten. Oder sie kümmerten sich ums Catering bei den Ausstellungseröffnungen in der Kiez-Galerie. Schicker Dress, rotes Tuch überm Arm, die Kinder bedienten. Oder sie luden die Eltern zur großen Weihnachtsfeier ein. Die Kinder kochten, die Kinder machten alles schön. Jedes Jahr fuhr Marion für ein paar Tage mit ihnen auf einen Bauernhof. Für viele war es das erste Mal, dass sie aus dem Kiez rauskamen. Es gab Regeln: Wer krank ist, meldet sich ab. Wer zu spät kommt, zahlt ein kleines Strafgeld. Wer stört oder Unsinn macht, muss aussetzen.

Einmal gewann Marion einen Preis für ihr Engagement. Sie rief sofort alle Kinder zusammen und setzte einen Teil des Preisgeldes in Eis um. Wenn Marion durch den Kiez ging, hatte sie schnell einen oder mehrere ihrer Schützlinge an ihrer Seite.

Marions Kindheit

Die Kinder, die Kinder, immer ging es um die Kinder. Welche Sorgen der eine hatte, welche Noten in der Schule die andere. Warum waren ihr die Kinder nur so wichtig?

Ihre Tante steht an Marions Grab, acht Minuten von ihrer alten Wohnung weg. Ein kleines Urnengrab, über und über mit Blumen bedeckt, viele buntbemalte Steine dazwischen. „Es sieht aus wie ein Grab für Kinder“, sagt die Tante, so bunt und liebevoll. Sie erzählt von Marions Kindheit, die so schrecklich war, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören und was man davon überhaupt weitererzählen soll. Deswegen wird hier nur sehr wenig davon stehen. Viele Tage und Wochen verbrachte Marion in der Kneipe ihres Vaters, musste die verdreckten Herrenklos säubern, die Kotze wegmachen und Bier und Schnaps ausschenken. Schule war nicht so wichtig. Auch nicht, dass Kinder ein Recht auf Unversehrtheit haben.

Bei ihren Großeltern ging es ihr gut. Oder wenn die Tante sie mit an den Wannsee nahm. Buddelsachen, Badehose, Sand zwischen den Zehen. Ein kurzes Glück. Als junge Erwachsene brach Marion mit ihrer Familie. Nie wieder wollte sie was mit denen zu tun haben. Bekam eine Tochter und lebte mit ihr und ihrem Freund und dem Gefühl, dass alles gut werden könnte. Aber die Beziehung ging schnell in die Brüche, die junge Mutter war völlig überfordert. Wer bringt einer, die so aufgewachsen ist wie sie, das Muttersein denn bei? Viel Weinen, viel Widerstand, viel schlechtes Gewissen – dann gab sie ihre kleine Tochter erst zu Pflegeeltern und schließlich zur Adoption frei.

Wie Marion starb, ist unklar. Ihrem Lieblingsbäcker, gleich gegenüber von der Feuerwehr, fiel als Erstes auf, dass Marion nicht mehr auftauchte. Man fand sie tot in ihrem Bett. Eine verschleppte Lungenentzündung? Das Asthma? Medikamente nahm sie ja keine. Die hätte sie selbst bezahlen müssen.

Zu ihrer Beerdigung kamen hundert Menschen oder mehr. Viele Kinder. Viele weinten. Die Tante sprach mit einer der Mütter, die sagte ihr: „Ich habe Marion immer geliebt, liebe sie und werden sie für immer lieben.“

Neu: Tagesspiegel Plus jetzt gratis testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar