Marktschreier der alten Schule : Blumenverkäufer Rudi, the Voice, ist tot

Was dieser Kerl aus sich rausdrückte: Er war laut, barsch - und hatte zahllose Fans. Nun ist Blumenverkäufer Rudi gestorben. Ein Nachruf.

Bettina Rust
„Ich hasssse Rosen“: Blumenverkäufer Rudi war ein Berliner Marktschreier der alten Schule.
„Ich hasssse Rosen“: Blumenverkäufer Rudi war ein Berliner Marktschreier der alten Schule.Foto: IMAGO

Gott, was für ein Lärm. Kam der von diesem Blumenverkäufer? Einem scharfen Tapeziermesser gleich schnitt seine laute, barsche Stimme genug Platz für ein „Zeeeeeehnerle“ in die Luft, Töne, die klangen, als würden sie sich mit Wut durch ein verbogenes Megaphon drängen, dabei kamen sie aus der Kehle dieses Mannes.

Wer versuchte, Rudi nachzumachen, der würgte und hustete oder hustete und würgte und musste sich ein paar Minuten im Anschluss räuspern, so mitgenommen waren die Stimmbänder von dem, was dieser Kerl aus sich rausdrückte. „Was soll der Geiz“, skandierte Rudi, „alles mitnehm’n jetzt hier“, einen riesengroßen, leicht aufgeblühten Strauß Lilien schwenkte er in die Höhe, „alles mitnehm’n jetzt hier für’n Zeeeehnerle“.

Rudi, Schnauzbart, kräftige Statur, rosiges Gesicht, war Blumenverkäufer auf ein paar Berliner Wochenmärkten, was soft klingt, nach bunten Blüten und zartem Duft, aber es ist ein hartes Geschäft. Ganz früh geht es los, bei Wind und Wetter, verderbliche Ware, alles muss verkauft werden, „allllllleeeeeeesssssss“ muss im Idealfall schnellstmöglich rein ins Wasser, rein in die Töpfe, der Job also war rau und Rudi war ein harter Kerl, ein Marktschreier der alten Schule.

Der Blumenverkäufer sagt: „Ich hasssse Rosen“

Zu meinem Entsetzen wurden wir Freunde, dieser laute Mann und ich, und zwar an einem Tag, an dem er der einzige Blumenhändler auf dem Markt war. Ich brauchte einen Geburtstagsstrauß, irgendwas, eine Geste, gut, dann eben bei dem Schreier. Ich ging auf ihn zu und rief so laut ich konnte „Was sollllll der Geiiiiz“. „Gennnnnnau, Engelchen“ rief er schneidend zurück, „nimm mit hier, für’n Fünfwerle kannste die alle haben. Ich hasssse Rosen“. Das war der Moment, in dem Rudi für immer eine Vase in meinem Herzen bekam.

Wie alle anderen Engelchen auch bekam ich stets Sonderpreise, Rudis pflanzliches Portfolio bestand quasi ausschließlich aus Sonderangeboten, ganz so wie der Sushi-Laden bei mir um die Ecke, der mit einem Schild wirbt „Happy Hour, alles zur Hälfte von 11-23h“. Rohen Fisch isst man vor 11h vielleicht nach einer durchzechten Nacht auf dem Hamburger Fischmarkt, aber apropos Markt - es gab auch einen Markt, auf dem Rudi vor vielen Jahren Hausverbot bekam, Marktverbot, Auftrittsverbot, es hieß: Klappe halten oder weg mit dir. Rudi konnte oder wollte seine Klappe nicht halten, dazu saß ihm auch der Schalk zu tief im Nacken.

Und obgleich er seine ruhigen Momente hatte, in denen er ein gutmütiger, tiefgründiger und hochsensibler Gesprächspartner war, dauerte es nie lange, bis er wieder lospolterte, verschmitzt und vergnügt, es lag in seiner DNA. Wer nicht genervt den Kopf schüttelte oder das Gesicht verzog, lachte über diesen großen Jungen.

Rudi hatte zahllose Fans - die Hunde im Kiez

Er hatte zahllose Fans, einige von ihnen hießen Ella, Elli, Franzl - die Hunde im Kiez spitzten an den Markttagen die Ohren, wenn Rudis Organ für Menschen noch nicht vernehmbar um die Häuserzeilen hallte und jedes Tier drängte an der Leine zu seinem Stand, um genau zu beobachten, wie er unter großer Freude über jeden Hund zu einem kleinen Rollwagen ging, auf dessen mittlerem Regalbrett zuverlässig eine Tüte mit Leckerlis lag. „Für meinen Hund nur einen bitte, Rudi.“ „Ach, Engelchen, die Kleene kann das doch ab. Los, zwei kannse haben, ja? Komm her, Elli, hier, fein machtse das. Nee, jetz is Schluss. Nächstet Mal wieder.“

[Geschichten aus Ihrem Kiez: immer in unseren Tagesspiegel-Newslettern für jeden Berliner Bezirk. Einmal pro Woche, unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de]

Rudi, es wird kein nächstes Mal geben und mir schießen die Tränen in die Augen, wenn ich das schreibe. Rudi, heute bist Du gestorben, krank warste, die Vorsorgeuntersuchungen haste schleifen lassen, nee, machick später, ja, dett wird schon, ach Rudi, wärste doch, hättste man.

Ich habe dich noch einmal angerufen, vor einer Woche war das. Leise sprechen ging nicht. Und damit meine ich: nicht mal leise sprechen konntest Du, Du, the Voice, konntest nur noch flüstern. Hast Du Schmerzen? Ja. Rudi, Du fehlst uns allen. Ja. Rudi, gibt es jemanden, der sich um dich kümmert? Ja. Kommst Du wieder auf die Beine? Rudi? Da gab’s schon keine Antwort mehr.

Rudi, es gibt so viele Menschen. Wunderbare Leute mit tollen Charakteren, mit lustigen Gedanken und großen Herzen. Ich kenne einige von ihnen. Du gehörtest immer dazu und ich kann Dir versprechen: Du wirst mir und zahllosen Menschen fehlen, Du verschmitzter, frecher Herzensbrecher.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!