Gospel in der Marienkirche: "Let my people go"

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Martin Luther King zu Besuch in Berlin : Ohne Pass in den Osten

Der war inoffiziell, bei den DDR-Behörden nicht angekündigt – aber die hätten es wissen müssen: Auch der Tagesspiegel hatte am selben Tag berichtet, dass King, eingeladen von Probst Heinrich Grüber, in der Kirche predigen wolle. Trotzdem waren die Grenzer am Checkpoint Charlie völlig perplex, als King am Abend plötzlich Einlass begehrte. Dazu ohne Pass, den ihm die US-Behörden, denen die Ost-Visite gar nicht recht war, abgenommen hatten. Aber man erkannte ihn, und nach einer halbstündigen Verzögerung, in der die Grenzer sich erst an höherer Stelle absicherten, durfte King in den Osten. Er müsse sich nur irgendwie ausweisen, forderte man. Das tat der Besucher: mit seiner American-Express-Kreditkarte.

Mauerpanoramen
Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner und Arwed Messmer. Die Bildunterschriften beziehen sich auf Protokolle der DDRGrenzregimenter zu Mauer-Rufen aus dem Westen. Grenzübergang Chausseestraße. Ein 35- bis 40-jähriger Westberliner legt in Höhe Sicherungslinie einen Brief und zwei Zigaretten auf das Geländer und ruft dem Posten zu: "An Walter Ulbricht weiterleiten!" Der Posten gibt zwei Warnschüsse ab, der Mann täuscht ein Getroffensein vor und krümmt sich mit den Worten zusammen: "Ich sterbe für Deutschland."Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: BArch-DVH 60 Bild-GR33-03-063 bis 073, o. Angabe, Rekonstruktion und Interpretation Arwed Messmer
02.08.2011 13:33Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner...

Er werde in seiner Predigt nicht auf die politische Situation eingehen, hatte King am Vortag auf der Pressekonferenz gesagt. Direkt tat er das auch nicht, hatte ohnehin keine neue Rede vorbereitet, sondern hielt die aus der Waldbühne fast wörtlich noch einmal. Aber es war doch leicht, seine Worte politisch zu verstehen, zumal nach der Begrüßung in der Marienkirche der Chor mit dem Spiritual „Go down Moses“ und der immer wieder gesungenen Zeile „Let my people go“ einsetzte. Es sei „eine Ehre, in dieser Stadt zu sein, die ein Symbol der Trennung von Menschen auf der Erde ist“, sagte King. „Auf beiden Seiten der Mauer sind Gottes Kinder, und keine von Menschen gemachte Absperrung kann diese Tatsache auslöschen.“ Einen Rat hatte er nicht zu bieten: „Ich bin nicht lange genug hier, um Gottes Plan für euch und seinen Ruf an euch zu erkennen. Aber ich würde gerne mit euch den Geist teilen, der uns in unserem Freiheitskampf im Süden der Vereinigten Staaten bewegt.“

Die Staatsorgane halten sich zurück

Mehr als 4000 Zuhörer, darunter auffallend viele Jugendliche, hätten den Worten Kings in Ost-Berlin gelauscht, schrieb danach der Tagesspiegel. Für den Bürgerrechtler war der Tag im Evangelischen Hospiz an der Albrechtstraße 8, Ecke Marienstraße in Mitte ausgeklungen, dem heutigen, nahe dem Bahnhof Friedrichstraße gelegenen Hotel Albrechtshof. Es gab Wein, einen Imbiss und Gespräche mit den Ost-Berliner Kirchenleuten. Kurz vor Mitternacht ging es über den Checkpoint Charlie zurück in den Westen, die Grenzer machten keine Probleme. Schon bei den Gottesdiensten, so erinnert sich Hans-Joachim Kolpin, hatten sich die Staatsorgane zurückgehalten. Kein Vopo, nirgends.

Fast ein Wunder.

Die Stadt Berlin erinnert mit zahlreichen Veranstaltungen an den Besuch von Martin Luther King vor 50 Jahren - hier stellen wir einige vor.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...
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