• Massive Einbrüche bei Fahrdiensten in Coronakrise: Berliner Taxigewerbe in sozialer Not

Massive Einbrüche bei Fahrdiensten in Coronakrise : Berliner Taxigewerbe in sozialer Not

Bis zu 95 Prozent weniger Umsatz verzeichnet die Taxibranche in Berlin. Einige Betriebe geben schon auf.

Warten auf bessere Zeiten. Die Taxibranche war durch Billiganbieter wie Uber und andere Fahrdienstanbieter ohnehin schon gebeutelt. Nun kommt Corona dazu.
Warten auf bessere Zeiten. Die Taxibranche war durch Billiganbieter wie Uber und andere Fahrdienstanbieter ohnehin schon...Foto: imago images / Rolf Kremming

Nach sechs Wochen Coronakrise sieht Bernd Stumpf, Teilhaber und Gründer des Unternehmens „Taxiflott GmbH“ keinen anderen Ausweg mehr: „Im Mai werden wir unsere Geschäftstätigkeit einstellen.“ Der 68-Jährige formuliert die bittere Lage etwas versachlichend. Der Laden wird dicht gemacht. Seit 1988 existiert der Betrieb mit Büro in Charlottenburg, 20 Mitarbeiter arbeiten dort.

Stumpf sei traurig, aber wegen der immensen Umsatzeinbußen aufgrund der Pandemie „sind wir mit unserem Unternehmen gescheitert“. Seit Ende März seien alle fest angestellten Mitarbeiter auf „Kurzarbeit Null“ gesetzt, das Geld reiche aber nicht auf Dauer. Die „Soforthilfe V“ des Senats, die für Unternehmen ab zehn Mitarbeitern gedacht ist, komme für ihn nicht in Frage.

Da es sich um Kredite und nicht um Zuschüsse handelt. Und da er nicht wisse, wann er überhaupt wieder Fahrer auf die Straße schicken könne, wisse er auch nicht, ob er später die Kredite bedienen kann. „Wir müssen die Leute nun entlassen“, sagt er. Bitter sei das, denn der Betrieb habe immer legal gearbeitet.

Hätte er das nicht gemacht, wie etliche in der Branche, „dann hätten wir jetzt genügend Rücklagen durch das Schwarzarbeitsgeld“.

Auch Schwarzarbeit spielt laut Verdi eine große Rolle

Stumpf und sein Unternehmen sind kein Einzelfall. Kürzlich warnte die Gewerkschaft Verdi, dass aufgrund der Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie das Taxigewerbe massiv betroffen ist.

Die Umsätze seien im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 95 Prozent eingebrochen. Viele Fahrer stünden vor dem Nichts, weil die Firmen, für die sie tätig sind, teilweise „keinen formgerechten schriftlichen Arbeitsvertrag haben“, heißt es in einem Verdi-Schreiben. Löhne würden oft individuell verhandelt und orientierten sich am eingefahrenen Umsatz, auch Schwarzarbeit spiele eine große Rolle. „Wenn Unternehmen Kurzarbeit beantragen wollen, müssen jedoch Zahlen der Vormonate vorgelegt werden, um die Ansprüche zu errechnen.“ Wenn aber an den Sozialsystemen vorbei in die eigene Tasche gewirtschaftet wurde, „können keine plausiblen Vergleichszahlen vorgelegt werden“, heißt es bei Verdi.


Bernd Stumpf, Teilhaber von "Taxiflott" muss sein Unternehmen aufgeben, sagt er.
Bernd Stumpf, Teilhaber von "Taxiflott" muss sein Unternehmen aufgeben, sagt er.Foto: Privat


Um nicht in den Fokus der Finanzkontrolle und der Sozialversicherungsträger zu geraten, stellten die Firmeninhaber lieber keinen Antrag auf Kurzarbeit bei der Arbeitsagentur – zum Nachteil der Fahrer.

Auch der Vorsitzende der „Innung des Berliner Taxigewerbes“, Leszek Nadolski, geht von aktuellen Umsatzeinbrüchen von 80 bis 90 Prozent bei den Fahrdiensten aus. Laut der Statistik des Landesamtes für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo) gibt es derzeit rund 3200 Taxiunternehmen in Berlin und rund 8000 Taxis. Zirka 2500 Fahrer sind als Soloselbstständige oder Kleinstunternehmer in den Wagen in Beige unterwegs, das heißt, sie konnten auf die Soforthilfe II des Landes Berlin zugreifen, die Zuschüsse in Höhe von bis zu 15000 Euro gewährt. Auch Nadolski, der zu dieser Gruppe gehört und sein eigener „Chef, Vorstand und Fahrer“ ist, habe die Zuschüsse des Landes „ganz schnell bekommen“.

Das Geld, das nicht zurückgezahlt werden muss, könne Selbstständigen wie ihm ein paar Monate helfen, über die Runden zu kommen. Doch von den knapp 8000 Taxis in Berlin sind laut Nadolski derzeit nur 3000 bis 4000 auf den Straßen im Einsatz. Die Fahrer erwirtschafteten gerade einmal 30 bis 50 Euro am Tag bei einer Schicht von zehn Stunden. „Das ist nicht einmal das Minimum, das nötig ist“, sagt er. Zum Vergleich: Um wirtschaftlich zu arbeiten, müsse ein Fahrer zirka 23 bis 26 Euro pro Stunde einfahren, wenn das Unternehmen den Mindestlohn von 9,35 Euro zahlt. Das aber sei, wie auch Verdi anprangert, bei Weitem nicht überall der Fall.

Die Leute bleiben zu Hause und erledigen das Nötigste per Rad oder zu Fuß

Dass die Leute aus Angst vor dem Virus die öffentlichen Verkehrsmittel meiden und stattdessen lieber Taxi fahren, sei eine Fehlannahme gewesen. „Das ist so nicht eingetroffen“, sagt Nadolski. Allenfalls einige Menschen, die sich zum Arzt oder zur Apotheke bringen lassen, nutzen gezielt das Taxi. Aber die Fahrten zu und von Feiern, Partys, Clubs, Großveranstaltungen entfallen komplett. Reisende sind kaum noch an den Flughäfen.

Vielmehr mache sich bemerkbar, dass die Leute wegen des Shutdowns zu Hause bleiben und nur die nötigsten Wege – dann zu Fuß oder per Rad – erledigten. Zwar habe die Branche reagiert, in den meisten Taxis befindet sich ein Spritzschutz wie an den Supermarktkassen, die Fahrer trügen Mundschutz und die Wagen werden gründlich desinfiziert, aber das alles helfe nicht gegen die massiven Einbrüche im Gewerbe. „Wir bieten auch kleine Pauschalfahrten, also Einkaufsfahrten an: Zum Supermarkt, bisschen was einkaufen für Leute, die nicht aus dem Haus dürfen oder wollen. Das ist dann meist das Nötigste, das wir ihnen mitbringen: Brot, Butter oder etwas aus der Apotheke“, schildert Nadolski. Der Innungschef schätzt, dass es in Zukunft mindestens 2000 Taxis weniger auf dem Berliner Markt geben wird, wenn sich die Lage in der Stadt irgendwann wieder einpendeln wird.

Klaus Meier ist bei Verdi in der „AG Taxi“ organisiert, selbst Fahrer und arbeitet als Taxi-Soziallotse mit der Aufgabe, „zu beraten und Wege aus der prekären Lage“ für Taxifahrer zu finden.

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Mit einem Flyer, auf dem Hinweise zu seinen Beratungsangeboten stehen, gehe er regelmäßig an die Taxihaltestellen und spricht die Kollegen an. Meier weist ebenso wie Nadolski darauf hin, dass Taxis den gleichen Status wie der Öffentliche Nahverkehr haben – aber den Individualverkehr bedienen. Schon lange vor der Coronakrise hatten die klassischen Taxifirmen bereits mit den Fahrdienstanbietern wie Uber, Free Now und Clevershuttle zu kämpfen: Die Anbieter, die „Mietwagen mit Fahrer“ auf die Straßen schicken haben laut Taxibranche mit Dumpingpreisen den Markt kaputt gemacht.

Seit der Pandemie fragen sich viele Taxiunternehmer, warum der Vorschlag, dass das Taxi-Gewerbe auch systemrelevante Berufsgruppen – wie Ärztinnen, Pfleger oder medizinische Fachangestellte und Rettungskräfte zum Nulltarif befördern könnte, nicht angenommen wurde. Auch diese Kosten könnten ihrer Ansicht nach von dem Landeshaushalt finanziert werden.


Berlkönig. Wie geht es im Mai weiter mit dem Fahrdienst der BVG?
Berlkönig. Wie geht es im Mai weiter mit dem Fahrdienst der BVG?Foto: dpa

Stattdessen blieb dies dem BVG-Fahrservice Berlkönig vorbehalten. Das US-Unternehmen ViaVan und die BVG betreiben den Shuttle-Service seit September 2018. Ende April soll der Vertrag auslaufen. Bislang gibt es keine Angaben, wie es ab kommender Woche weiter geht. Der Senat wollte eine Verlängerung des Angebots nicht subventionieren. Seit dem 25. März fährt der Berlkönig medizinisches Pflegepersonal in den Nachtstunden kostenlos zu ihrer Arbeitsstelle und zurück: Die Fahrtbuchung erfolgt per App online. Taxi-Innungschef Nadolski kritisiert das Berlkönig-Konzept scharf: „Das Geld aus dem Landeshaushalt kann sinnvoller verwendet werden als einen weiteren Taxi-Konkurrenten künstlich mit Steuergeldern zu subventionieren und so am Leben zu halten“, sagt er. Die Branche sei gespannt, wie es kommende Woche überhaupt mit dem Berlkönig-Konzept weiter geht.

Bernd Stumpf, der sein Unternehmen stilllegen muss, sucht derweil nach Alternativen. „Ich bin zwar Rentner, aber ich will nicht nur zu Hause sitzen und nichts tun“, sagt er. „Aber das betrifft jetzt ganz viele Leute aus allen möglichen Branchen, die sich neu orientieren müssen“, sagt Stumpf. Verzweifelt klingt er nicht.


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