Medikamente für Kinder : Die richtige Dosis

Gar nicht so einfach: Wenn Kinder Medikamente bekommen, muss man einiges beachten. Weniger ist nicht automatisch besser.

Claudia Füssler
Kunst der Dosis: Viele Eltern sind schon froh, wenn der Nachwuchs überhaupt die Medizin schluckt.
Kunst der Dosis: Viele Eltern sind schon froh, wenn der Nachwuchs überhaupt die Medizin schluckt.Foto: mauritius images

Es ist später Sonntagabend, der Fünfjährige fiebert, die Packung mit den Zäpfchen ist alle, und die Dienst habende Apotheke liegt am anderen Ende der Stadt. Zum Glück schlummern im Medikamentenschrank noch ein paar Fieberzäpfchen der großen Schwester, die ist erst elf, was soll da schon schiefgehen?

Eine ganze Menge, sagen Experten, und raten dringend davon ab, Kindern Medikamente zu geben, die nicht für ihr Alter zugelassen sind. Der kindliche Organismus ist im Wachstum. Organe entwickeln sich: Die Leber muss sich erst auf ihre lebenslange Aufgabe einstellen, auch die Niere ist in den ersten Jahren noch mit Feinjustierung beschäftigt. Immunsystem und Stoffwechselkreisläufe funktionieren noch nicht wie bei einem Erwachsenen. Und in der Pubertät kommt ein chaotischer Mix aus Hormonen hinzu. All das, betont Dirk Mentzer vom Paul-Ehrlich-Institut, dem deutschen Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, spielt eine Rolle dabei, wie eine Substanz auf den Körper wirkt.

„Erst seit etwa zwanzig Jahren gibt es umfangreichere Untersuchungen dazu, welchen Einfluss Medikamente auf den kindlichen Organismus haben“, sagt der Kinderarzt. So habe man etwa herausgefunden, dass die Menge bestimmter Enzyme, die in der Leber für den Abbau der Arzneimittel zuständig sind, altersabhängig stark schwankt. Deshalb müssen Kinder unter zwei Jahren mitunter die doppelte Dosis dessen nehmen, was für Erwachsene empfohlen wird. In anderen Fällen wiederum wäre das hoch gefährlich. Eine einfache Faustregel, wie Dosen von Erwachsenen auf Kinder heruntergerechnet werden können, gibt es nicht. „Im Alter zwischen drei und zehn Jahren wachsen Kinder, werden aber nicht dicker. Hier kann ich also nicht exponentiell rechnen, sondern muss das sich verändernde Verhältnis von Körpergröße zu Gewicht beachten“, erklärt Mentzer. Und das für jede Substanz individuell.

40 Prozent aller zugelassenen Medikamente sind für Kinder freigegeben

Damit Eltern sicher sein können, dass ein Medikament ihrem Kind nicht schadet, verpflichten die europäischen Arzneimittelbehörden die Hersteller von Medikamenten seit zehn Jahren dazu, die Wirkstoffe auch für die Verwendung bei Kindern zu untersuchen. Dabei wird in fünf Subgruppen unterschieden: Frühgeborener, Säugling (0 bis 2 Jahre), Kleinkind (2 bis 6 Jahre), Kind (6 bis 11 Jahre) und Jugendlicher (11 bis 18 Jahre). Ob diese Untersuchung stattgefunden hat und das Medikament für Kinder zugelassen ist, steht im Beipackzettel unter Indikationen und Anwendungsgebiete. „Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, es kann also durchaus sein, dass sich bei manchen Medikamenten noch kein Hinweis auf die Zulassung für Kinder findet“, sagt Mentzer. Das bedeute dann nicht automatisch, dass das Medikament ungeeignet sei, doch hier empfiehlt es sich auf jeden Fall, mit dem Arzt Rücksprache zu halten.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind in Deutschland derzeit rund 103 000 Medikamente zugelassen – 40 Prozent davon sind auch für Kinder freigegeben.

Dirk Mentzer warnt vor gut gemeinten Medikamentengaben. Sie können schnell zu einer Überdosierung führen. Ein Klassiker sind Heuschnupfentropfen, sogenannte Antihistaminika. „Das Kind leidet an der Allergie, die Eltern haben die frei verkäuflichen Tropfen zu Hause rumstehen und geben sie ihm. Das ist eigentlich ungefährlich. Doch dann geben die Eltern die Tropfen nochmals, weil sie irgendwie nicht zu wirken scheinen - so wird rasch eine Überdosierung erreicht, die zum Atemstillstand führen kann“, erklärt Mentzer. Es hat bereits Todesfälle nach solchen versehentlichen Überdosierungen gegeben. Das Gleiche gilt für Sprays, die viele Kinder gegen Asthma verschrieben bekommen, sogenannte Betamimetika. Wenn die einmalige Anwendung keine Wirkung zeigt, wird gerne wiederholt gesprüht – das kann zu Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und damit zum Tod führen. „Die wichtigste Regel lautet hier, keine Versuche mit einer Selbstmedikation zu unternehmen, sondern sich genau daran zu halten, was der Arzt gesagt hat und im Zweifel Rücksprache mit ihm oder einem Apotheker zu halten“, sagt Mentzer.

Eine gesunde Vorsicht ist also angebracht, übertriebene Angst vor Medikamenten kann jedoch ebenso Probleme verursachen. „Wir erleben es häufig, dass Schmerzmittel in der akuten Therapie oder auch Antibiotika aus Sorge eher zu niedrig als zu hoch dosiert werden“, sagt Wolfgang Rascher, Direktor der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Erlangen und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Dabei ist die richtige Dosis genauso wichtig wie das richtige Medikament.“ Mit einer permanenten Unterdosierung werde der gewünschte Behandlungserfolg nicht erreicht. Die Rechnung, weniger Wirkstoff mache automatisch weniger Nebenwirkungen, ist falsch. Dafür nehmen Eltern in Kauf, dass die Therapie nicht wirkt. „Sie haben oft Angst, dass Medikamente von den Kindern nicht vertragen werden“, sagt Rascher. Doch in solchen seltenen Fällen könne meist zügig mit guten Alternativen reagiert werden.

Banal, aber wahr: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Um beispielsweise Über- oder Unterdosierungen bei der Verabreichung von in der Pädiatrie oft eingesetzten Lösungen und Sirupen möglichst zu vermeiden, sollte die nötige Medikamentenmenge so genau wie möglich abgemessen werden. Die gerade bei Säften mitgelieferten Löffel können zu einer ungenauen Dosierung führen. Besser sind Oralspritzen, mit denen das Mittel exakt aufgezogen werden kann. Einige Apotheken tauschen bei Medikamenten die zugehörigen Löffel daher gegen eine solche Spritze aus.

Generell gilt: Ein Kind, das Medikamente bekommt, sollte unter besonderer elterlicher Beobachtung stehen. So ist sichergestellt, dass eine etwaige Überdosierung, eine allergische Reaktion oder andere Nebenwirkungen schnell erkannt werden. Die in einem Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen sind oft Studien mit Erwachsenen entnommen. Die Substanz kann jedoch auf einen kindlichen Körper ganz anders wirken und vielleicht Nebenwirkungen verursachen, die bei Erwachsenen gar nicht beobachtet wurden. Sind sich Eltern nicht sicher, ob eine möglicherweise gefährliche Situation vorliegt, können sie sich an den Giftnotruf der Charité wenden, dort gibt es rund um die Uhr Rat von Experten.

„Es klingt immer so trivial, aber der Satz, Kinder seien keine kleinen Erwachsenen, hat in der Pharmakologie eine große Bedeutung“, sagt Christof Schaefer, Professor am Pharmakovigilanzzentrum Embryonaltoxikologie der Charité- Universitätsmedizin Berlin.

Jeder neue Wirkstoff wird akribisch untersucht und sein Wirkspektrum beobachtet, bevor er für Kinder zugelassen wird. Das führt zwangsweise dazu, dass es für zahlreiche schwer erkrankte Kinder keine zugelassenen Medikamente gibt. „In solch einem Fall wird oft ein sogenannter Off-Label-Use notwendig, man gibt dem Kind also einen Wirkstoff, der für diese Therapie eigentlich nicht offiziell zugelassen ist“, sagt Schaefer. In einem solchen Fall solle man das am besten erprobte nicht zugelassene Medikament wählen.

Für die üblichen Erkrankungen wie Erkältungen brauchen Kinder eigentlich kaum Medikamente, sagt Christof Schaefer. „Wir stellen leider immer wieder fest, dass Eltern denken, ein Arzt sei nur dann gut, wenn er ein Medikament verschreibt.“ Dabei verschafften viele Hausmittel gute Linderung, nicht immer sei ein abschwellendes Nasenspray, ein Schmerzmittel oder ein Antibiotikum nötig. „Solche Medikamente sollten schwer kranken Kindern wie einem hoch fiebernden Säugling oder auch chronisch kranken Kindern vorbehalten sein“, sagt Schaefer. Ist wirklich ein Medikament nötig, empfiehlt er auch hier, ein erprobtes zu wählen und nicht solche, die gerade neu auf dem Markt sind. „Damit kann ich ausschließen, dass ich vielleicht hektisch auf einen anderen Wirkstoff umstellen muss, weil der neue nicht wirkt oder nicht vertragen wird, zudem sind die bewährten Mittel sicher und in der Regel auch billiger.“

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