Medizinmetropole Berlin : Die Diagnose lautet: Zukunft

Die Gesundheitsbranche ist in Berlin traditionell stark. Wir geben einen Überblick über die Kliniklandschaft, ausgewählte Forschungseinrichtungen oder Pharmafirmen.

Das ab 1977 errichtete Bettenhaus der Charité wurde 2016 saniert und umgebaut.
Das ab 1977 errichtete Bettenhaus der Charité wurde 2016 saniert und umgebaut.Foto: imago images / Schöning

Berlins Geschichte gleicht einer Achterbahnfahrt. Von den drei großen Ms, die die Stadt einst haben wachsen lassen (Monarchie, Militär, Maschinen), ist nach den verheerenden Kriegen des 20. Jahrhunderts nichts mehr übrig. Und was sich nach dem Mauerfall als mögliche ökonomische Basis herausgeschält hat, also Tourismus, Kunst, Kultur, Party – das hat sich mit den neuartigen Abstandsregeln in der Coronakrise, mit der verloren gegangenen Selbstverständlichkeit körperlicher Nähe, ebenfalls als ziemlich brüchig erwiesen.

Ebenjene Krise hat aber auch die Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und eines gut ausgebauten Gesundheitssystems erneut unterstrichen. Und hier ist Berlin nach wie vor stark und ganz vorne mit dabei – nicht nur bundesweit: „Die deutsche Hauptstadt ist international einer der führenden Standorte in Gesundheitswirtschaft, Gesundheitsversorgung und den Life Sciences“, schreibt die vom Land mitgetragene Innovationsagentur Berlin Partner. 2018 haben demzufolge rund 383 000 Beschäftigte in der Gesundheitswirtschaft gearbeitet, in diesem Bereich werden jährlich rund 28 Milliarden Euro Umsatz erzielt. 34 Pharmaunternehmen sind in Berlin vertreten, es gibt rund 35 000 Krankenhausbetten, über 70 Reha-Einrichtungen, 800 Pflegeheime und acht Technologieparks. Dazu kommen rund 40 wissenschaftliche Einrichtungen mit Life-Science-Bezug, von denen zwei (das Berlin Institute of Health und das Max-Delbrück- Centrum) im großen Text auf dieser Seite näher vorgestellt werden. Auch Robert-Koch-Institut, Deutsches Herzzentrum und Fraunhofer-, Helmholtz-, Leibniz- und Max-Planck-Institute gehören dazu.

Keine kräftigen Äste ohne kräftige Wurzeln

Im Folgenden stellen wir Berlin als Medizinmetropole vor. Die Dichte der Einrichtungen führt – dem Vorbild Boston folgend – zu weiterer Vernetzung. Keine kräftigen Äste ohne Wurzeln: Die ambulante Versorgung durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bildet die Basis eines funktionierenden Gesundheitssystems. In der Wissenschaftsstadt Adlershof entsteht Technik für die Medizin von morgen. Und ein Blick in die Geschichte seit dem 18. Jahrhundert belegt die große Rolle, die Medizin an der Spree immer schon gespielt hat.

KLINIKLANDSCHAFT

Natürlich, die Charité: Berlins ältestes Krankenhaus ist heute auch sein bedeutendstes, und ein Überblick über Berlin als Medizinmetropole könnte kaum mit etwas anderem beginnen. Neben dem historischen Gelände in Mitte gehören heute drei weitere Standorte zum Verbund der Charité: Virchow-Klinikum, Klinikum Benjamin Franklin und Campus Buch. Herausragend ist die Stellung der Charité innerhalb der Stadt, weil sie zugleich Universitätsklinikum ist: die medizinischen Fakultäten von Humboldt- und Freier Universität wurden 2003 zusammengelegt. Über 8000 Studierende (Stand 2019) werden hier zu Ärztinnen und Ärzten ausgebildet, viele deutsche Medizinnobelpreisträger haben an der Charité gearbeitet. Das 1982 eröffnete Bettenhochhaus an der Luisenstraße prägt die Stadtsilhouette.

Ebenso wichtig für das medizinische Gefüge der Stadt ist aber auch der landeseigene Vivantes-Konzert, übrigens größter Krankenhausbetreiber in Deutschland. Er stellt die Versorgung in den Bezirken sicher, mit 600 000 Patientinnen und Patienten pro Jahr werden hier mehr Menschen behandelt als an der Charité, auch die Bettenzahl ist mit 6000 doppelt so hoch. Neun Häuser gehören zu Vivantes, dazu 17 Pflegeheime. Nach einer vom Senat 2019 eingesetzten Komission sollen Charité und Vivantes künftig noch viel enger unter einer gemeinsamen Dachgesellschaft zusammenarbeiten.

Doch Berlins Kliniklandschaft ist überaus vielfältig. Aktuell gibt es in der Stadt nach Auskunft des Verbands der Ersatzkassen 52 Krankenhäuser. Wichtige Betreiber sind auch DRK und die Kirchen (Alexianer Verbund oder die kürzlich in Johannesstift Diakonie umbenannte Paul Gerhardt Diakonie). Daneben existieren „Einzelkämpfer“ wie das anthroposophisch orientierte Klinikum Havelhöhe, das Jüdische Krankenhaus oder das berufsgenossenschaftlich organisierte Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn.

Vor Ort. Vivantes betreibt in Berlin neun Kliniken, hier die in Kaulsdorf.
Vor Ort. Vivantes betreibt in Berlin neun Kliniken, hier die in Kaulsdorf.Foto: Werner Popp

MAX-DELBRÜCK-CENTRUM

Medizinische Versorgung ist das eine, aber zu einer Gesundheitsmetropole gehört natürlich auch Forschung. Die findet etwa am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Buch und Mitte statt. Über 1200 Menschen sind hier beschäftigt, darunter rund 350 Promovierende. Sie betreiben molekulare, genetische und zellbiologische Grundlagenforschung, die dann, so die Mission, möglichst zügig Patientinnen und Patienten zugutekommen soll. Das MDC wurde 1992 gegründet, das Vorläuferinstitut gehörte zur Akademie der Wissenschaften der DDR. Es ist heute Teil der Helmholtz-Gemeinschaft, 90 Prozent des jährlichen Budgets von 94 Millionen Euro kommen vom Bund, der Rest vom Land Berlin.

Bisher hat sich die Forschung in Buch vor allem auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Nervensystem konzentriert, doch künftig will das MDC einen neuen Ansatz verfolgen: „Wir unterteilen nicht länger in Krankheitskategorien, sondern untersuchen Prozesse wie Entzündungen, Stoffwechsel- oder Gefäßerkrankungen organübergreifend, um das gewonnene Wissen in die jeweilige Therapie rückführen zu können“, erklärt Norbert Hübner vom wissenschaftlichen Vorstand. Krankheitsprozesse sollen so früh wie möglich verstanden und unterbunden werden. Dazu ist das MDC 2019 mit dem Berliner Institut für Medizinische Systembiologie nach Mitte expandiert.

Die Erkentnisse sollen möglichst rasch klinisch angewendet werden

Die Translation, also die möglichst rasche klinische Anwendung der Erkenntnisse, erfolgt in enger Kooperation mit der Charité über das Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem BIH (siehe weiter unten), aber auch mit Kliniken in Leipzig und Heidelberg. Firmenausgründungen wie Omeicos, ein Hersteller von chemischen Omega-3-Fettsäuren, dienen ebenfalls dem Ziel praktischer Anwendung. Anfang 2020 hat das MCD ein neues präklinisches Forschungszentrum eröffnet. Der Begriff „präklinisch“ verweist darauf, dass hier – auch – Tierversuche stattfinden. „Wir stehen Diskussionen über Tierversuchen offen gegenüber und sind ständig bemüht, Alternativen zu entwickeln, die sie ersetzen“, so Hübner, „aber in vielen Bereichen den Biomedizin sind sie weiterhin unverzichtbar.“

BERLIN INSTITUTE OF HEALTH

Translation – die hat sich auch das Berlin Institute of Health (BIH) auf die Fahnen geschrieben, das 2013 als eine Kooperation von Charité und Max-Delbrück-Centrum gegründet wurde. Das Institut ist quasi entscheidendes Bindeglied zwischen diesen beiden Institutionen. Wissenschaftliche Grundlagenforschung und neue Erkenntnisse sollen hier in konkrete Medizin zum Wohl der Patientinnen und Patienten überführt werden. Axel Pries, aktuell Interims-Vorstandsvorsitzender, nennt zwei Beispiele: Bei einer Transplantation muss der Körper immunsupprimiert werden, damit er das neue Organ nicht sofort abstößt. Dank der Forschung an Charité und BIH ist es jetzt möglich, dass dazu nicht mehr 20 Tabletten am Tag, sondern nur noch eine verabreicht werden muss. Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Diagnose von Krebserkrankungen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Ein digitales Bildanalysesystem hilft, mikroskopische Aufnahmen von Gewebeschnitten zu beurteilen und entsprechende Behandlungen einzuleiten. Zur Umsetzung der Idee wurde inzwischen ein Start-up-Unternehmen ausgegründet.

Ähnlich wie das Max-Delbrück-Centrum arbeitet auch das BIH nicht an konkreten Erkrankungen, sondern an organübergreifenden Phänomenen. Und: „Wir sind außerdem Rollenmodell für die Zusammenarbeit von Bund und Land auf Forschungsebene“, so Axel Pries. Der Jahresetat des Instituts beträgt 80 Millionen Euro, es hat über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bisher waren sie im Berliner Stadtgebiet weit verstreut, künftig werden sie sich an drei Neubau-Standorten konzentrieren, in Buch, am Virchow- Klinikum und auf dem Campus Mitte der Charité direkt neben dem Bettenhochhaus. Das passt, denn ab 2021 wird das BIH der Charité eingegliedert und dann deren dritte Säule neben medizinischer Versorgung und Forschung bilden.

Untersuchung der Zellen von Covid-19-Patienten am Berlin Institute of Health.
Untersuchung der Zellen von Covid-19-Patienten am Berlin Institute of Health.Foto: Johannes Liebig

START-UP-FIRMEN

Rund um das Thema Digitale Medizin hat sich in Berlin eine Start-up-Szene entwickelt, die recht einzigartig in Deutschland ist. Über 50 dieser jungen Firmen zählt das Stadtgebiet inzwischen, viele sind in Mitte angesiedelt und haben meist zwischen 20 und 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie entwickeln etwa Apps für Patienten und Patientinnen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes und Migräne. „Diese nennen wir neudeutsch ,Companion Apps‘, weil sie die Betroffenen im Alltag begleiten“, sagt Lina Behrens, Geschäftsführerin von Flying Health und stellvertretende Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Startups. Die Migräne-App der Firma M-Sense ist ein Beispiel dafür, die App von Cara Care soll Menschen mit Verdauungsschwierigkeiten helfen. Daneben werden auch Apps programmiert, deren Anwendung an sich die Therapie darstellt. Die Firma HelloBetter bietet eine evidenzbasierte Online-Psychotherapie an, Selfapy eine digitale Therapie bei Depression, Burn-out oder Essstörungen. Die Firma Vara wiederum hat eine Software entwickelt, die Ärztinnen und Ärzten bei der Diagnose von Brustkrebs unterstützt. Im November 2019 hat der Bundestag das Digitale-Versorgung- Gesetz verabschiedet, sei Sommer können die Start-up-Firmen einen Antrag stellen, in die Regelversorgung aufgenommen zu werden. Was bedeutet: Dann zahlen die Krankenkassen für die App.

PHARMAFIRMEN

„Prägnant zusammengefasst: In Berlin rauchen mehr Köpfe als Schlote“, sagt Kai Uwe Bindseil, Abteilungsleiter Gesundheitswirtschaft bei der Innovationsagentur Berlin Partner. Inzwischen sind rund 30 Pharmafirmen an der Spree vertreten, oft als Deutschlandzentrale. Was natürlich mit dem Status Berlins als Hauptstadt, aber auch mit der Nähe zu Wissenschaft und Dienstleisterfirmen zu tun hat. In Berlin stehen Marketing, Vertrieb und der Zulassungsprozess von Arzneimitteln im Vordergrund, zunehmend aber auch Forschung und Entwicklung. Die Pharmaproduktion, die in Deutschland ihren traditionellen Schwerpunkt im Rhein-Main- Gebiet hat und in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker nach Asien verlegt wurde, soll künftig in Berlin wachsen. Platzhirsch ist, wenig verwunderlich, die Bayer Pharma AG in Wedding mit über 4000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die 2006 nach Fusion mit der Schering AG entstanden ist – ein Name, der inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden ist. „Das globale Pharmageschäft des Konzerns wird von hier aus gemanagt“, sagt Bindseil. Auf Platz zwei steht die Berlin Chemie in Adlershof, die nach der Wende vom italienischen Menarini-Konzern übernommen wurde und stark aufs Osteuropageschäft ausgerichtet ist. Auch Sanofi und Pfizer haben ihre Deutschlandzentralen in Berlin am Potsdamer Platz. Takeda ist mit einem Geschäftssitz in Berlin vertreten – und mit einer Produktionsstätte in Oranienburg, die Tabletten, Kapseln und Verpackungen herstellt. Ein paar Schlote rauchen in der Region eben doch.

WORLD HEALTH SUMMIT

Wissenschaft und Politik leben vom Austausch – eine der wichtigsten Plattformen dafür ist der World Health Summit (Weltgesundheitsgipfel) in Berlin. 2009 wurde er zum 300. Charité-Geburtstag erstmals veranstaltet. Ziel ist, globale Gesundheitsprobleme durch Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu lösen. 2020 bedeutet das natürlich: der Kampf gegen die Covid- 19-Pandemie. Prominente Sprecher wie der Charité-Cirologe Christian Drosten, WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, Gesundheitsminister Jens Spahn und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sind angekündigt. In einem „normalen“ Jahr treffen sich rund 2500 Experten und Expertinnen im früheren Kino Kosmos in Friedrichshain, das sich seit einigen Jahren als regelmäßiger Konferenzstandort herauskristallisiert hat. 2020 wird der Rahmen kleiner sein, der Summit findet aber real statt und soll zusätzlich live gestreamt werden.

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