Mehrlingsschwangerschaften : Familie hoch drei

Aus drei mach sechs: Die Geburt von Drillingen hat das Leben von Familie Lohse schlagartig verändert. Und bei den Eltern ungeahnte Kräfte geweckt- Ein Besuch in Bernau.

Hauke Hohensee
Full House. Vater Karsten und Mutter Sina mit ihren Drillingen und der älteren Tochter Mara (r.).
Full House. Vater Karsten und Mutter Sina mit ihren Drillingen und der älteren Tochter Mara (r.).Foto: Thilo Rückeis

Überall wuselt es im Wohnzimmer. Unter dem Tisch krabbelt der kleine Jonathan, in der Spielecke wirbelt Mara umher, und auf dem Schoß von Mama und Papa kreischen Max und Johanna gerade um die Wette. Nein, hier hat keines der vier anwesenden Kleinkinder zur Geburtstagsparty geladen. Es ist bloß ein ganz normaler Mittwochnachmittag bei Familie Lohse.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr veränderte sich das Leben der Familie auf einen Schlag vollkommen: An einem Tag im Juli 2018 erblickten die Drillinge Johanna, Max und Jonathan das Licht der Welt und machten aus der dreiköpfigen Kleinfamilie plötzlich eine Großfamilie.

Mit diesem Ereignis war die Lebensplanung von Sina und Karsten, die erst ein Jahr vor der Drillingsgeburt mit ihrer damals sechs Monate alten Tochter Mara aus Berlin ins beschauliche Bernau nordöstlich der Hauptstadt gezogen waren, über den Haufen geworfen. „Als wir erfahren haben, dass meine Frau schwanger ist, dachten wir uns zuerst, dass ein zweites Kind doch gut passt“, sagt Karsten Lohse. „Beim ersten Ultraschall hieß es dann, wir bekommen zweieiige Zwillinge. Aber beim nächsten Termin schwirrten dann in der einen Blase, die etwas größer war als die andere, schon zwei Gummibärchen herum.“ Eine der zwei befruchteten Eizellen hatte sich also geteilt, Drillinge waren im Anmarsch. „Das war schon ein Schock“, sagt Sina Lohse rückblickend. „Und ich habe erst mal einen Schnaps getrunken“, fügt Karsten lachend hinzu.

"Die Erfahrungen der anderen Eltern haben mich total entspannt"

Im Internet und über ein regionales Netzwerk hat Sina schon vor der Geburt den Kontakt zu anderen Drillingsmüttern gesucht, um sich auf die neue, unerwartete Situation einzustellen. Gefunden hat sie unter anderem eine Facebook- Gruppe, in der sich Eltern von Mehrlingen über die kleinen und großen Herausforderungen austauschen: „Das war großartig. Die Erfahrungen der anderen Eltern zu lesen, hat mich total entspannt.“

Heute, ein Jahr nach der Geburt, ist bei Familie Lohse wieder weitestgehend Normalität eingekehrt. Wenn man es denn so nennen möchte. Neben den vier Kindern und den Eltern sind an diesem Nachmittag auch Sinas Mutter, eine Betreuungshilfe vom Jugendamt und zwei Nachbarinnen im Haus. Die Aufpasser haben alle Hände voll zu tun, den vielbeschäftigten Eltern für eine Stunde den Rücken freizuhalten. „Das Leben mit vier kleinen Kindern ist vollkommen anders. Ich bin eigentlich immer noch dabei, mich daran zu gewöhnen“, sagt Sina. „In der ersten Zeit war es völlig unreal. Aber irgendwann wird man zur Chaos-Meisterin.“ Damit das überhaupt funktionieren kann, „ist unser Tag minutiös durchgeplant“, ergänzt ihr Mann.

Karsten Lohse arbeitet als Polizeibeamter in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau steht er unter der Woche spätestens um 5.30 Uhr auf, damit sich beide mit vereinten Kräften um die Bedürfnisse der Kleinen kümmern können. Kurz nach sieben bricht er auf zum Dienst, am späten Nachmittag pendelt er wieder nach Bernau. Auf dem Hinweg bringt er noch seine älteste Tochter Mara, die mittlerweile zweieinhalb Jahre alt ist, in den Kindergarten, auf der Rückfahrt holt er sie wieder ab.

Sina befindet sich derweil noch in Elternzeit und kümmert sich zu Hause um das Wohl der Drillinge. Unterstützung erhält sie unter anderem vom Jugendamt, das täglich für einige Stunden eine Betreuungshelferin vorbeischickt. „Wir haben von Anfang an Familienhilfe bekommen. Das Jugendamt ist uns da sehr entgegengekommen. Ich habe keine Ahnung, wie wir es sonst geschafft hätte“, sagt sie. „Dinge wie Wäschewaschen oder Kochen – vieles wäre liegen geblieben.“

Hilfe bekommt die Familie darüber hinaus auch aus dem privaten Umfeld. „Die Nachbarschaft hier ist grandios! Alle sind super hilfsbereit, Familie und Nachbarn springen immer ein, wenn etwas ist“, sagt Sina. In wenigen Monaten, wenn die Eingewöhnung der Kleinen in der Kita vorüber ist, wird dann auch die 41-Jährige wieder ihre Tätigkeit als Sozialarbeiterin im knapp 30 Kilometer entfernten Oranienburg aufnehmen. Schon aus finanziellen Gründen sei das auf Dauer gar nicht anders denkbar, sagen beide.

Die vielen Anschaffungen gehen ganz schön ins Geld

Apropos Finanzen: Egal ob Lebensmittel, Windeln, neue Autositze oder der extra große Drillings-Kinderwagen – die vielen Anschaffungen gehen ganz schön ins Geld. Und sie sind nicht die einzige Belastung. „Es gibt Leute, die sagen: Ich weiß gar nicht, was du hast, du bekommst doch fast 1000 Euro Kindergeld im Monat“, sagt Karsten Lohse. „Das stimmt auch, aber allein die Kita kostet ab September 1500 Euro monatlich.“ Sein Fazit lautet daher: „Kinder bekommen ist absolut kein Geschäftsmodell.“

„Wir verbrauchen einfach sehr viel mehr“, sagt Sina Lohse. „Letztes Wochenende etwa haben wir elf Liter Suppe gekocht. Darum haben wir uns mittlerweile extra größere Töpfe angeschafft.“ Auch beim wöchentlichen Großeinkauf reicht ein Einkaufswagen kaum mehr aus. Und dann war da noch das Problem mit der Milch: „Ging ich in den Drogeriemarkt und packte dort mehr als drei Pakete mit Milchpulver ein, hieß es jedes Mal: ,Nee, gibt’s nicht, nur in haushaltsüblichen Mengen’“, sagt Vater Karsten. Aber was sind schon haushaltsübliche Mengen, wenn man daheim vier hungrige Kleinkinder hat?

Die Milchpulverpackungen sind in Deutschland schon seit einigen Jahren rationiert. Hintergrund dieser ungewöhnlichen Maßnahme ist die große Nachfrage vor allem von in Deutschland lebenden Chinesen. Viele von ihnen kauften in der Vergangenheit das Milchpulver auf Vorrat, um es anschließend nach Fernost an Angehörige zu verschicken. Den dortigen Herstellern vertrauen viele Chinesen nicht mehr, nachdem 2008 herauskam, dass einheimische Hersteller ihr Milchpulver unzulässigerweise mit Melamin gestreckt hatten, einer Substanz, die eigentlich für die industrielle Herstellung von Klebstoffen genutzt wird. Hunderttausende Säuglinge bekamen damals Nierenprobleme. Um infolge des Kaufrauschs leere Regale zu vermeiden, gibt es also vorübergehend – und das nun schon seit mehreren Jahren – höchstens drei Pakete Milchpulver pro Kunde. Als Nachweis für seinen tatsächlich sehr hohen Bedarf trägt Karsten Lohse seither immer ein Bild seiner Drillinge bei sich. Meistens aber nützte ihm auch das nichts, sodass er schon nach wenigen Tagen wieder in der Drogerie vorstellig werden muss, um die nächste Ration einzukaufen.

Doch auch wenn der größte Teil ihres Einkommens für die Kinder draufgeht und die Zeit für sich selbst knapp geworden ist, wissen Sina und Karsten um ihr großes Glück. Nicht immer gehen Mehrlingsgeburten so problemlos über die Bühne wie in ihrem Fall. Schon gut drei Wochen nach der Geburt, und damit mehrere Wochen früher als geplant, konnte Sina mit den neuen Familienmitgliedern nach Hause kommen.

Eine Frage von Leben und Tod

Dass Mehrlingsschwangerschaften immer mit einem erhöhten Risiko für Mutter und Kinder einhergehen, wussten beide Eltern. Und auch Sina und Karsten standen in der Schwangerschaft vor der Entscheidung, ob sie nicht lieber einen der drei Föten noch im Mutterleib abtöten lassen sollten, um das Risiko für die schwangere Sina zu verringern. In der Medizin wird dieses Vorgehen, das bei höhergradigen Mehrlingsschwangerschaften nicht unüblich ist, mit dem – wenig einfühlsamen – Begriff „Reduktion“ beschrieben.

Oft wird eine solche Reduktion vorgenommen, um die Überlebenschancen der verbleibenden Föten zu verbessern, wenn sich schon während der Schwangerschaft gesundheitliche Risiken bei den Ungeborenen andeuten. In Sinas Fall war das Hauptproblem jedoch ein anderes: Aus ihrer ersten Schwangerschaft mit Mara hatte sie eine Kaiserschnittnarbe am Bauch. Die Ärzte fürchteten, dass diese aufgrund der großen Spannung zum Ende der Schwangerschaft reißen könnte. Daran hätte Sina im schlimmsten Fall verbluten können.

[Diesen Artikel und weitere interessante Texte rund um die Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt und Familie finden Sie im aktuellen Gesundheitsratgeber „Tagesspiegel Eltern & Kind“. Aus dem Inhalt: Warum ein neues Gesetz zu Ultraschall für Unsicherheit sorgt – Babyklappen als letzter Ausweg – Alles über Tragetücher – Babys bloß nicht schütteln! – die wichtigsten Impfungen im Überblick – Sperma-Check. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520.]

Aber welches der drei Ungeborenen wählt man aus, wenn man als werdende Eltern über Leben und Tod entscheiden soll? Diese Frage konnten und wollten beide nicht beantworten. „Da werden Probleme angesprochen, über die man am liebsten gar nicht nachdenken möchte“, sagt Karsten und berichtet von Abwägungen der Ärzte, die ihnen genau erklärten, welcher Fötus sich wie und mit welchen Risiken entfernen ließe.

Die Entscheidung gegen die Abtreibung war nach einigen unruhigen Nächten bald gefällt. „Der Riss einer Kaiserschnittnarbe ist wohl nicht sehr häufig. Das hat mir mit der Zeit die Angst genommen. Auch meine Hebamme und unser Arzt Lars Hellmeyer konnten mich dahingehend sehr beruhigen“, sagt Sina. „Ich habe allerdings auch Freunde gehabt, die gesagt haben: Lass’ lieber eins töten, das ist doch ziemlich stressig mit so vielen Kindern.“ Für diese Sichtweise hat sie bis heute kein Verständnis: „Mein Leben stand auf dem Spiel. Das war für mich das einzige Argument.“ Heute, da sich die Drillinge kerngesund mit ihrer Schwester im Wohnzimmer vergnügen, fällt der Blick zurück auf diese schwierige Zeit vergleichsweise leicht. Auch wenn das Leben mit so vielen Kindern oft anstrengend und belastend für das Paar ist, überwiegt doch eindeutig die Freude.

Damit das so bleibt, sorgt die Familie bereits vor: Schon bald sollen dort, wo heute Beistelltisch, Couch, Fernseher und Wickeltisch ihren Platz finden, drei kleine Kinderzimmer entstehen. Für sechs Personen war die Wohnfläche ja eigentlich nie gedacht. Deshalb laufen auch die Planungen für einen Anbau bereits auf Hochtouren. Zurzeit arbeitet eine Architektin im Detail aus, wie man den vorhandenen Raum im Eigenheim am besten nutzen und mit möglichst geringem Aufwand zusätzlichen Platz schaffen kann, damit sich alle wohlfühlen. Und in noch mehr Zimmern wuseln können.

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