Berlin : Mein Hunger auf weniger

Von wegen Bikinifigur… Vor drei Jahren noch wog unsere Autorin drei Zentner und dachte: Wenn du jetzt nichts unternimmst, gehst du drauf. 60 Kilo hat sie mittlerweile abgenommen. Übers Durchhalten, Pulvernahrung und die Wiederentdeckung der Taille – ein Diät-Report

Anonyma

Mein anderes Leben begann im Frühjahr 2004. Mit einem Urteil, und ich selbst hatte es gefällt: Das ist deine letzte Chance. Ich war 47. Ich musste abnehmen. Viel, schnell. Meine innere Stimme sagte, wenn du jetzt nichts unternimmst, gehst du drauf. Ich war nicht wirklich krank. Ein paar Rückenschmerzen – haben viele. Eine chronisch entzündete Achillesferse – gibt es bei Sportlern ja auch. Nur: Jeder Infekt kostete mich Wochen, ehe ich mich erholte. Und: Ich hätte weinen können, jeden Tag. Spätestens, wenn ich mich im Spiegel sah. Meine Seele verkümmerte unter einem Panzer aus Fett. Ich wog etwa drei Zentner bei 1,76 Meter.

Ich habe seither rund 60 Kilo abgenommen. Wenn man so will: einen ganzen Menschen. Und es ist immer noch so viel übrig. Ich bin lange nicht am Ziel. Wie man das durchhält? Man muss verstehen lernen, wie der eigene Körper auf Nahrung reagiert. Man muss sich seinen Diätweg suchen. Man muss akzeptieren, dass man nie wird essen dürfen wie Normalgewichtige. Und man muss verzweifelt genug sein. Genau dann hält man durch.

Wie habe ich mich in meiner schwersten Zeit empfunden? Nicht so dick, wie ich war. Man sieht sich ja nicht von hinten. Man lässt sich nicht mehr fotografieren. Außerdem und um das Klischee zu bemühen: Ich war dick, aber schick. Guter Haarschnitt, geschminkt, mein rundes Gesicht war präsentabel. Mein Volumen kaschierten fließende Schnitte. Exzentrische Designerklamotten habe ich immer gefunden. Kein Laden, in dem man mich schief angeschaut oder nicht bedient hätte. Ich war nicht ungepflegt, es schwabbelte nicht rund um mich. In meinem bisschen Freizeit und meinen Urlauben habe ich mich bewegt, bin geschwommen, habe Exkursionen bei tropischer Hitze mitgemacht und Bergwanderungen auf dem Sinai. Bis zur Erschöpfung. Bloß nicht zeigen, dass man es kaum schafft. Meine damalige Ärztin hat gesagt: „Gott sei Dank hast du ein Herz wie ein Ochs.“

Die letzten 15, 20 Kilo schleichen sich beinahe unmerklich drauf. Die lockeren Kleider lassen ja Platz. Ich habe versucht auszublenden, wie ich immer unbeweglicher wurde. Sich auf hartem Untergrund hinknien, sich auf eine Wiese setzen, das geht kaum noch. Und wenn: Wie kommt man wieder hoch? Beim Duschen reicht man auch nicht mehr überall so gut ran.

Im Flugzeug bucht man den Sitz am Flur, da ist wenigstens für einen Arm Bewegungsfreiheit. Die Lehnen, die auf die Hintern Normalgewichtiger ausgerichtet sind, schneiden ein. Ich habe das ausgehalten, mit zusammengebissenen Zähnen, die Druckstellen gingen ja wieder weg. Der Kampf ums Anschnallen war schlimmer. Wenn ich die Stewardess heranwinken musste, hatte ich kapituliert. Meine Bitte brachte ich leise vor: „Hätten Sie einen Verlängerungsgurt?“ Und dachte: Jetzt schaut jeder her.

Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis: Ich gehe nach dem Dienst über den Parkplatz zum Auto. Meine weit geschnittene Lederhose ist schon wieder nach oben gerutscht, ich zerre sie wütend nach unten. Beim Weitergehen wird mir das erste Mal klar, dass meine Oberschenkel kaum noch aneinander vorbei passen.

Egal, ob mir das einer glaubt: Ich habe auch zu der Zeit nicht Massen gefressen, nicht mal besonders ungesund. Ich wusste alles über Diäten. Die hatte ich mein Leben lang gemacht. Das Gewicht war immer ein leidiges Thema in unserer Familie. Meine Mutter hat mich Moppelkind, das schon dick zur Welt gekommen war, das die Oma dann noch rund gemästet hatte, auf Dauer-Schmalkost gesetzt und zu jedem erdenklichen Sport geschickt. „Damit du nicht fett wirst.“

Fett habe ich mich trotzdem gefühlt, selbst als relativ schlanker Teenager. Immer wieder habe ich es geschafft abzunehmen. 20 Kilo mit Weight Watchers, 15 Kilo mit Trennkost. Spätestens nach einem halben Jahr fehlte mir die Energie weiterzumachen. Ich aß wie vorher, nahm wieder zu. Die Intervalle zur nächsten Diät wurden größer, das Ausgangsgewicht war jedes Mal viel höher.

Mein Job ist stressig. Gegen die Anspannung half eines immer: sie wegzukauen. Das tat gut. Essen musste sein, vor allem spät abends. Am liebsten Brot. Ich bin ein sinnlicher Mensch, ich schlemme gerne. Aber mein Stoffwechsel arbeitet gerne nur auf Sparflamme. Bürojob, kaum Bewegung, da reichen vier Mahlzeiten am Tag, um aufzugehen wie ein Hefekloß.

Am dicken Ende, Anfang 2004, stand zwar der Entschluss abzunehmen, aber wie bloß? Aus dem Dilemma holt einen keiner raus. Denn, zum Mitschreiben: Für schwer Übergewichtige gibt es nicht genügend empfohlene ambulante Hilfsangebote. Keiner, auch die meisten Hausärzte nicht, hilft dem guten Futterverwerter, das Futtern zu lassen und schnell und effektiv gegenzusteuern.

Ich hatte meine Eingebung beim Fernsehen. Das RBB-Gesundheitsmagazin Quivive brachte eine Sendung zum Thema Übergewicht und empfahl „Optifast“, ein ambulantes Einjahresprogramm, das in Berlin an drei privaten Krankenhäusern angeboten wird. Drei Monate Formula-Diät, also modifiziertes Fasten mit Pulvernahrung, danach Ernährungsumstellung, begleitend Sport, ärztliche Kontrolle, Gruppentreffen. Einen Teil der Kosten übernimmt die Krankenkasse. Erfolgsquote: angeblich 60 Prozent. Mich überzeugte nur eines: In einem Jahr kann man bis zu 30 Kilogramm abnehmen. Ich wusste, ich würde mein Ziel nur erreichen, wenn ich am Anfang schnell viel Gewicht verliere. Die nächste Gruppe sollte im April starten, die meisten Plätze waren vorab vergeben. Der Infoabend in der Klinik war nicht zu Ende, da rannte ich zur Anmeldung. Ich habe zur Leiterin gesagt: „Ich muss in diese Gruppe. Ich kann nicht länger warten. Bitte, helfen Sie mir!“ Die Frau sah mich erstaunt an, schob das Formular rüber und sagte: „Ausfüllen.“ Und dann: „Sie sind drin.“

Das Programm hatte seine Schwächen, aber es war der Auslöser für meine Kehrtwende. Drei Monate mit nichts als Pulvershakes und -suppen, das war mit Betreuung und im Kreise von Leidensgenossen zu schaffen. Der Gruppendruck half. Wenn jemand einen Misserfolg beichtete, machte mich das nur stärker.

Während des Programms lernt man, die Ernährung umzustellen: vor allem Gemüse essen, dazu Reis, Hirse, Nudeln, Kartoffeln, wenig Fleisch, Fisch und Milchprodukte, regelmäßig Obst. Außerdem: viel Wasser trinken. Das Programm setzt auf eine kohlehydratreiche Ernährung, das funktioniert nur zusammen mit viel regelmäßiger Bewegung. Zur gleichen Zeit kam die „Glyx-Diät“ auf den Markt, ernährungstechnisch die Gegenbewegung: keine Kohlehydrate, sondern eiweißreiche Kost. Meine Verunsicherung war groß: Wäre das der bessere Weg für mich? Meine Gewichtskurve bewegte sich irgendwann nur noch träge nach unten. Die Gruppensitzungen nervten, der Sport war mir zu lahm, die ärztliche Betreuung ein Witz. Aber immerhin: Am Ende waren 29,5 Kilo geschafft.

Erstaunlich ist ja: Erst mal merkt keiner außer einem selbst was. Die ersten zehn Kilo Gewichtsverlust registriert kein Mensch. Dabei könnte man Zuspruch gebrauchen. Nach 20 Kilo fragten mich die Kollegen vorsichtig, ob es sein könne, dass ich anders aussehe. Vielen war es peinlich, mich aufs Abnehmen anzusprechen. Da dachte ich plötzlich, kannst froh sein, dass deine besten Freunde immer zu dir gehalten haben. Dass sich keiner geschämt hat, sich mit dir zu zeigen. Aber: Hatte sich wirklich nie einer geschämt?

Mai 2005: Und jetzt, wie weiter? Eine junge Frau aus der Gruppe war übers Jahr zur Freundin geworden. Wir waren trotzig, wir sagten uns: Schaffen wir auch alleine – am besten wieder mit Pulvernahrung. Die gab es, unter anderem Namen, frei verkäuflich in der Apotheke. Ein weiteres Vierteljahr Pulver, außerdem Sport machen. Ab sofort fuhr ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Und ich buchte Aqua-Fitness. Kein Seniorenprogramm, sondern hartes Workout. Sieht doof aus, macht aber Spaß, belastet die Gelenke nicht, trainiert Herz und Kreislauf, baut Muskelmasse auf, wenn man richtig mitmacht. Meine Trainerin Deana ist Weltklasse: eine Schleiferin. Eine nette Schleiferin.

Minus 15 Kilo später konnte ich kein Pulver mehr sehen. Ich aß kontrolliert, aber mein Körper kontrollierte mich: Er verbrannte nur auf Sparflamme. Ich kam kaum noch vorwärts, jeden Tag versuchte ich, noch weniger zu essen, es brachte nichts. Der Stoffwechsel ist darauf programmiert, Gewicht zu halten. Mein hungernder Körper reduzierte einfach seinen Grundumsatz und hielt fest, was an Reserven festzuhalten war.

Ich brauchte Hilfe. Ich fragte meinen Hausarzt, er hatte eine Lösung: eine homöopathische Therapie, die über Monate hinweg den Stoffwechsel sanft ankurbelt und den Appetit dämpft – mit Spritzen, naturheilkundlichen Arzneien, Ohrakupunktur. Zwischendurch knallharte Diätpläne: Gemüse, Suppe, Obst, Reis. Danach kaum Fleisch, kaum Fisch, keine Milchprodukte. Vor allem: kein Brot. Weg von den Kohlehydraten. Das ist hart, bringt aber wirklich die schnellste Gewichtsabnahme. Eiweißreiche Kost killt in erster Linie das Fett und nicht die Muskelmasse.

Ich bin nicht immer vernünftig. Manchmal habe ich Phasen, in denen ich kaum etwas esse. Das fühlt sich irgendwie gut an, da rutscht die Hose, die man sich gerade gekauft hat, schon zwei Wochen später von den Hüften. Oft habe ich über mehr als eine Woche außer Flüssigkeit nichts zu mir genommen, konnte bei Einladungen nur noch einen Anstandsbissen schlucken. Essen zu müssen, war dann schlimmer als jede Diät. Keine gute Erfahrung, auch das machte Angst.

Andererseits ist es mir zur Gewohnheit geworden, meinen Körper auszutricksen. Der ist immer in Lauerstellung. Wenn ich wirklich Appetit habe, schaltet er sofort auf Essbereitschaft um. Dann habe ich keine Mühe, mir auch ohne Hunger ein bisschen was Leckeres, Verbotenes einzuverleiben: Braten, Kartoffelsalat, Pasta, Nachtisch. Und schon am Tag drauf funkt das Lustzentrum: „Na, wollen wir’s noch mal tun? Und noch ein wenig ausgiebiger?“ Dann sag’ ich ihm, das läuft nicht. In der ganzen Zeit habe ich wirklich nie wieder auch nur ein Kilo zugenommen. Stagnation war schon der größte Misserfolg.

Ich wage jetzt wieder hinzusehen, wenn ich mich im Schaufenster spiegle. Neulich, in der Umkleidekabine, hat mich nicht mal mehr meine Rückenansicht gestört. Ich greife immer noch versehentlich nach der zu großen Größe. Die Angst, etwas könnte zu klein sein, gibt sich nicht so schnell. Aber ich bin eine anderer Typ geworden. Ich zeige Taille, ich trage hohe Schuhe. Mein Spiegelbild sagt jetzt immer öfter: gar nicht mal so schlecht. Und es hat immer mehr gute Tage. Dann lächelt es mich an.

Die Leute sagen: Du kannst stolz darauf sein, was du erreicht hast. Ich fühle nicht so. Ich finde es schlimmer, dass ich es so weit habe kommen lassen. Das kapiert doch keiner: Wie kann man denn nur so fett werden? Neulich habe ich im Internet meinen BMI ausgerechnet. Das Ergebnis: „Adipositas I“. Jetzt, zwei Wochen später, steht da nur noch: „Übergewicht“. Na, wenn das kein Fest ist?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!