Meine Woche (118) : Urteil

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er,wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dal
Newcomer Ahmad Al-Dali.
Newcomer Ahmad Al-Dali.Photo: Georg Moritz

Ahmad, Sie haben vor einigen Wochen eine Mail bekommen, in der ein Leser sich darüber beschwert, dass Sie nach zwei Jahren endlich auf eigenen Füßen stehen und nicht nur reisen sollten…

Eigentlich wollte ich gerne eine längere Antwort veröffentlichen, aber ich habe beim Schreiben gemerkt, dass das gar nicht so leicht ist. Es widerstrebt mir, mich zu verteidigen, indem ich als Antwort ganz detailliert veröffentliche, was ich die vergangenen zwei Jahre getan habe. Ich gebe hier viel Persönliches preis. Trotzdem kennen die Leser nicht jedes Detail meines Lebens, und ich will mich nicht für jeden Schritt der zwei Jahre in Deutschland rechtfertigen müssen. Ich erinnere mich noch gut an einen Brief, als ich in der Kolumne sagte, dass ich Skateboard fahren lernen will – und mir ein Leser schrieb, ich sollte mir lieber einen Job suchen. Natürlich lässt sich das nicht ganz vergleichen, vor allem, weil ich die Kritik dieser neuen Mail durchaus nachvollziehen kann. Deswegen war ich zunächst auch sehr getroffen. Ich habe mich in den letzten Wochen oft selbst gefragt, was ich in den zwei Jahren eigentlich zustande gebracht habe. Es tat weh, das von einer fremden Person zu lesen. Aber ich habe mich selbst in diese Situation gebracht, dass Fremde über mich urteilen. Und ich versuche, jeden Tag etwas zu tun, das mich voranbringt.

Der Leser kritisiert auch Ihre Äußerungen über das deutsche Gesundheitssystem.

Ich sage das ja nicht, weil ich alles hier blöd finde. Das sind Erfahrungen, die nicht nur ich, sondern auch Freunde von mir gemacht haben. Die Ärzte hier haben einfach zu wenig Zeit für ihre Patienten.

Wie sind denn jetzt Ihre Pläne?

Ich habe ein neues Praktikum, will so bald wie möglich einen Programmierkurs starten und stehe mit dem Jobcenter in Kontakt wegen einer Umschulung zum Fachinformatiker.

Welches Wort geben Sie uns mit?

Urteil heißt auf Arabisch Mohakameh.

Die Fragen stellte Helena Wittlich.

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