Meine Woche (136) : Mitgefühl

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali
Newcomer Ahmad Al-Dali.
Newcomer Ahmad Al-Dali.Photo: Georg Moritz

Ahmad, diese Woche hat Italien ein Rettungsboot mit Flüchtlingen abgewiesen, das daraufhin Richtung Spanien fahren musste.

Ja, das habe ich in den Nachrichten gesehen. Das muss man sich mal vorstellen: Jetzt feiert sich die italienische Regierung dafür, dass sie ein Boot mit hilfsbedürftigen Menschen abgewiesen hat. Dabei sollte Italien lieber versuchen, das Problem mit den anderen EU-Ländern gemeinsam zu lösen. Man kann ja die Leute direkt in der EU verteilen, wenn sie in Italien ankommen. Aber man darf nicht mit dem Leben dieser Leute spielen. Es sterben so viele im Mittelmeer.

Können Sie sich noch an Ihre eigene Überfahrt erinnern?

Klar! Das war so gruselig. Ich musste mich die ganze Zeit übergeben und wusste nicht, ob wir es überhaupt schaffen. Dabei dauerte die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland nur eineinhalb Stunden. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das für Leute ist, die mehrere Tage auf so einem Boot verbringen. Ein Freund von mir hatte Glück: Der konnte für 2500 Dollar mit einem Jetski rüberfahren.

Wie sind Sie damals überhaupt auf dieses Boot gekommen?

Ich habe einem Schlepper 1200 Dollar bezahlt. Wir wurden zuerst zu einem Kornfeld gefahren, wo wir uns verstecken mussten. Da waren Männer mit AK47-Gewehren und ich dachte schon: Jetzt bringen sie uns einfach um und behalten das Geld. Dann wurden wir in einen Tiertransporter gepfercht, wie Schafe, und sind sieben Stunden ins Nirgendwo gefahren. Und dann auf dieses Schlauchboot, das viel zu klein war. Aber als sich die Leute beschweren wollten, hat ein Typ in die Luft geschossen. So etwas will ich in meinem Leben nie wieder erleben. Deshalb tun mir auch die Menschen auf diesem Boot vor Italien so leid.

Welches Wort geben Sie uns heute mit?

Mitgefühl, das heißt taatof auf Arabisch.

Die Fragen stellte Maria Fiedler.

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