Meisterschaften in Berlin : Mit dem Rollstuhl durch den Skatepark

Es sieht spektakulär aus und stählt für den Alltag: Rollstuhlskaten ist was für Mutige. Ein Trainingsbesuch vor den German Championships.

Rebecca Gürnth
Angstfrei. Ronja Holze gilt auf dem Skateplatz an der Warschauer Brücke als „Wheelie-Königin“.
Angstfrei. Ronja Holze gilt auf dem Skateplatz an der Warschauer Brücke als „Wheelie-Königin“.Foto: Fabienne Karmann

Wenn Ronja Holze sich weit zurücklehnt, auf zwei Rädern balanciert, in die Rampe kippt und nur auf ihren Hinterreifen ganz lässig weiterfährt, schauen die anderen Skater auf dem Friedrichshainer Skateplatz „Dog Shit Spot“ nahe der Warschauer Brücke gespannt zu. Nicht nur der perfekt gefahrene Trick weckt ihre Aufmerksamkeit, sondern vor allem die Tatsache, dass Holze ihn im Rollstuhl macht.

Blaue Flecken können sie nicht stoppen

Die 18-Jährige ist eine der wenigen Frauen, die im Wheel Chair Moto Cross (WCMX) in Deutschland aktiv sind. Mehrmals in der Woche trainiert sie, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, dem Gefühl, dass es keine Grenzen gibt, solange man nur mutig genug ist. Von übertriebener Vorsicht hält sie nichts: „Die meisten Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass ein Rollstuhlfahrer diese extremen Dinge macht. Oft heißt es, die sitzt doch im Rollstuhl, das geht doch nicht oder oh nein, sie könnte sich verletzen.“

Die Aussicht auf blaue Flecken kann Ronja nicht stoppen. Nicht umsonst gilt sie als „Wheelie-Königin“. Beim Fahren auf zwei Rädern ist sie als Frau in der Rollstuhlskate-Szene unschlagbar.

Ein Wachstumsfehler der Bänder sowie Belastungsstörungen, die mit ihrer Epilepsie einhergehen, können Ronja Holze nicht davon abhalten, sich selbst immer wieder aufs Neue herauszufordern. So war sie schon immer. Wenn jemand zu ihr sagt, dass sie etwas aufgrund ihres Handicaps nicht schafft, versucht sie es erst recht. Die Ärzte prognostizieren ihr eine Lebenserwartung von 34 Jahren. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liebt sie das Risiko. Was soll schon passieren? Vielleicht wird sie die Krankheit frühzeitig das Leben kosten, das Skaten sicher nicht.

Ständig unterwegs – trotz Hindernissen

So gestaltet sie ihr Leben nach dem Motto, dass man all seine Träume leben kann, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen und Neues zu auszuprobieren. Ständig ist sie auf Achse, ihr Terminkalender ist prall gefüllt, denn Ronja ist nicht nur passionierte Skaterin, sondern als Rollstuhlbasketballerin auch im Team stark. Hauptsache schnell, aufregend und ohne angezogene Bremse, so lebt sie jeden Tag und lässt dabei kein Hindernis aus.

Und davon gibt es für Rollstuhlfahrer im Alltag genug. Treppen, Gehwege und U-Bahn-Stationen sind nur einige der Hürden, die bewältigt werden müssen. Im Hinblick darauf verspricht das Rollstuhlskaten nicht nur jede Menge Adrenalin in der Skatehalle, sondern ermöglicht die Unabhängigkeit von unwägbaren Strecken, Umwegen, Fußgängern.

Die Rollstuhlskater erschaffen ihre eigene Barrierefreiheit. Mehr noch als eine Sportart ist es auch Mittel zur Selbstermächtigung. So schätzt auch Ronja den Stellenwert für ihr eigenes Leben ein. „Wenn du auf dem Skateplatz einen Trick schaffst, dann willst du mehr davon, weiterkommen und neue Ziele erreichen. Das nimmt man auch mit in den Alltag.“

Neue Lobby notwendig

Trotzdem ist das Rollstuhlskaten noch ein Nischensport. Doch das könnte sich ändern, wenn einige Voraussetzungen erfüllt werden: Die Hindernisse, die man auf vielen Skateplätzen findet, entsprechen weitgehend noch nicht den Bedürfnissen der Sportler. Es sollte möglich sein, ohne Schwellen und Absätze in den Park einzufahren, die Rampen der Plattformen sollten eine Mindestgröße von 1,5 Quadratmetern haben.

„Insofern ist es nötig, dass sich eine eigene Lobby bildet, um langfristig die Bedürfnisse der Rollstuhlskater umsetzten zu können“, sagt Linda Ritterhoff, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins Drop In, der sich für interkulturelle und politische Bildung stark- macht. Dazu gehört auch das Engagement dafür, dass Rollstuhlskater in Berlin eine geeignete Infrastruktur finden.

Unterstützung beim Einstieg

Weiterhin bauen Organisatoren und Aktive des Vereins mobile Elemente selbst, um die Gestaltung der Hallen und Parks für das Skaten im Rollstuhl attraktiver zu machen. Monatlich findet ein offenes Training in der Skatehalle Friedrichshain statt. Ob Profiskater, Neueinsteiger oder Fußgänger, alle sind willkommen.

Damit der Einstieg in den Sport gelingt, stehen bei den Trainings spezielle Aktivrollstühle zur Verfügung. Die sind wichtig, damit Amateure den Sport testen können. Rollstühle, die von der Krankenkasse übernommen werden, sind als Hilfsmittel für den täglichen Gebrauch gedacht, nicht für Tricks im Skatepark. Dafür sind sie zu sperrig und schwer. Profimodelle sind wiederum sehr teuer und werden nicht bezuschusst.

Trotz eines immer stärkeren Engagements gibt es noch viel zu tun, bis sich das Rollstuhlskaten etabliert und den gleichen Stellenwert wie in den USA hat. Dort gibt es mehr Anhänger, Skateplätze mit entsprechender Infrastruktur und zahlreiche Wettkämpfe, bei denen Skater ihr Können zeigen. Eine Koryphäe der Szene ist Aaron „Wheelz“ Fotheringham, der in seinem Rollstuhl einen doppelten Salto rückwärts landet.

Szene-Event in Berlin

In Berlin finden nun die 2. International WCMX German Championships statt, organisiert vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband und Drop In. Nach dem Auftakt in Hamburg im vergangenen Jahr werden in der Skatehalle Friedrichshain nun unter anderem die Deutschen Meister ermittelt. Rundherum gibt es vom heutigen Freitag an drei Tage Programm mit Workshops, Skateplatztour und After-Show-Party. Die Schirmherrschaft übernimmt Ex-Eiskunstläuferin Katharina Witt, deren gleichnamige Stiftung die Sparte Rollstuhlskating bei Drop In schon länger unterstützt. Am Sonnabend sind Zuschauer willkommen, bei den Wettkämpfen mitzufiebern und auch Ronja Holze in Aktion zu erleben.

Championships in der Skatehalle Friedrichshain, Revaler Straße 99, diesen Sonnabend von 9 bis 20 Uhr. Das offene Training findet am selben Ort statt, jeden zweiten Montag im Monat von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Weitere Informationen: www.dropin-ev.de und www.wcmxgermany.de.

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