Warum war Jusef El-A. am Tatort?

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Messerattacke in Neukölln : Polizei sieht Rachegefahr
Christopher Henrichs

Doch aus welchem Grund war Jusef El-A., der offenbar nicht bei der Schlägerei zuvor am Bolzplatz dabei war, am Tatort? In seiner Funktion als Jugendbeirat im Quartiersmanagement, der sich für ein friedliches und besseres Miteinander im Kiez einsetzt? Wollte er den Streit schlichten? Oder war er von den Kumpels zur Verstärkung gerufen worden?

Diese Fragen beschäftigen derzeit auch das Quartiersmanagement (QM). Die Mitarbeiter können sich nicht vorstellen, dass Jusef El-A. Streit gesucht oder gar zur Eskalation beigetragen haben könnte. Hier gilt er als engagierter und besonnener Kiezarbeiter.

Fest steht jedoch, dass sowohl Opfer als auch Täter schon vor dem Gewaltausbruch bei der Polizei bekannt waren. Jusef El-A. wegen schweren Diebstahls. Und der Tatverdächtige Sven N. als Gewalttäter – er wurde wegen einer gefährlichen Körperverletzung im Jahr 2006 zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Sven N. kennt den Kiez gut. Lange Zeit hat er in der Nähe der Fritzi-Massary-Straße gewohnt, bis heute besucht er hier regelmäßig deutsche und arabische Freunde. Doch nicht bei allen aus der Siedlung ist er beliebt. Aufgefallen sei er durch lautes und aggressives Verhalten, berichtet eine Anwohnerin. „Ein Wort reichte, und er tickte völlig aus.“ Auch Sabine Gottschalk, die schon seit 28 Jahren hier wohnt, kennt Sven N. Den Kontakt habe sie aber stets gemieden. „Er machte auf mich immer einen brutalen Eindruck“, sagt die 55-Jährige.

Ob Sven N. in die Gegend zurückkehren wird, ist derzeit noch nicht klar. „Ich würde ihm raten hier nicht mehr so schnell aufzutauchen“, sagt Burak K. „Wenn ich umgekommen wäre, wären meine Jungs sofort unterwegs, um denjenigen, der das getan hat, fertig zu machen.“ So funktioniere es hier unter Freunden, erzählt der junge Mann. Wenn einer der Kumpels Streit habe, würden die anderen bedingungslos hinter ihm stehen. Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppen, die sich meistens nach Nationalitäten sortieren, sei sehr stark. Ein Anruf und alle Kumpels seien sofort zur Stelle. Der Grund für einen Streit spiele dabei eine nachgeordnete Rolle. Töne, die auch im Bezirksamt Neukölln Sorge auslösen. Anwohner diskutieren über Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der bereits zur Ruhe mahnte, um eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern. Für den Tagesspiegel war Buschkowsky aber nicht zu sprechen.

An Ort und Stelle kümmern sich derzeit das Quatiersmanagement der „Weißen Siedlung“ um die Jugendlichen. Auch hier kennt man die Gefahr einer Vergeltungsaktion, die zu weiterer Gewalt führen könnte. Anzeichen gebe es bislang allerdings nicht, versichert Mitarbeiterin Cindy Gill. Es gehe momentan darum, die Jugendlichen in ihrer Trauer aufzufangen. Es müsse ihnen ein Ort gegeben werden, wo sie sprechen und ihre Trauer verarbeiten können. Sozialarbeiter und  Streetworker arbeiten im Jugendzentrum derzeit an Strategien, die der Deeskalation dienen sollen.

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