Missbrauch eines sozialen Impulses : Teilen war mal schön!

Wir sollen jetzt immer alles teilen. Aber man würde gerne selbst entscheiden, mit wem. Ein Kommentar

Reicht doch für alle, oder?
Reicht doch für alle, oder?Foto: Daniel Naupold, picture alliance / dpa

Wir haben uns ja längst daran gewöhnt: Dass es beim Teilen, das jetzt „Sharing Economy“ heißt, eher um den Gewinn der anderen geht. Dass das Teilen von Feriendomizilen nur für die Entwickler ein Geschäft ist, weiß man schon lange. Dass Car-Sharing in Wahrheit bloß die Vermietung eines Autos meint – geschenkt. Dass das Teilen eines Artikels in den sozialen Medien vor allem deren Macher mit Daten versorgt, ist ohnehin klar. Aber zuletzt gewann das Konzept in einem israelischen Restaurant in Mitte eine neue Dimension. Der Laden brummte. Zu viert ergatterten wir noch eine Ecke des Tresens. Ob wir schon ihr Konzept kennen würden? Alle würden alles immer teilen! Deshalb müsse man natürlich mehr Portionen bestellen, damit für alle genug da sei. Munter drauflos, sozusagen. Ob es auch ein kleines Glas Wein gebe, fragten wir den Kellner. Leider nein, sagte er bedauernd. Gehört nicht zum Konzept. Ausgerechnet Wein war leider unteilbar. Und als sei man nicht in der Lage, selbst ein fesselndes Gespräch zu führen, gab er dann den Entertainer. Wir hatten gerade zu reden begonnen, da bog er strahlend mit Schnapsgläschen um die Ecke, um mit uns anzustoßen. Wir hatten ihn soeben zum ersten Mal gesehen, aber er wollte es so gerne. Es gehöre zum Konzept, erklärte er. Alle zusammen sollten hier einen netten Abend verbringen.

Es war klar, er würde jetzt in eine mittelschwere persönliche Krise stürzen, wenn wir uns weigerten. Gepackt von unserem sozialen Impuls, wollten wir ihn nicht ausschließen. Einem Kellner die Laune verderben heißt, sich selbst die Laune verderben. Irgendwann dämmerte uns: Sie hatten das schöne Wort teilen für eine Art Nötigung missbraucht. Es war in Wahrheit die vollkommene Umkehr des Kellner-Gast-Verhältnisses. Wir bemühten uns, einen wild entschlossenen Kellner mit labiler Stimmung bei Laune zu halten. Er war der Master of Ceremony. Wir teilten unser Essen untereinander und unsere Aufmerksamkeit mit ihm. Die Hauptperson des Abends wollte ständig mit uns anstoßen. Teilen ist großartig, Essen, Aufmerksamkeit, was auch immer. Aber man würde gerne selbst entscheiden, mit wem.

Teilen war hier originell interpretiert. Es bedeutete, dass der Kellner den Inhalt unserer Portemonnaies verteilte. Wir zahlten schneller als gedacht eine happige Rechnung und standen noch lange vor dem Restaurant im Hof, weil man da ungestört reden konnte. Wir hofften inständig, dass der Kellner einen schönen Abend gehabt hatte.

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