Missbrauch in der Schule : Bildungssenatorin Scheeres wurde sexuell belästigt

Wie gehen Lehrer am besten mit Missbrauch um? Sandra Scheeres stellt eine Initiative gegen sexuelle Gewalt vor und erzählt von ihrem Erlebnis als Schülerin.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).Foto: Monika Skolimowska/dpa

Sie waren zu viert, pubertierende Schüler, aggressiv genug, dass sie eine Achtklässlerin in einen Keller zerrten. Dort umklammerten sie ihre Hände, das Mädchen war damit hilflos, ausgeliefert den Tätern. Die begrapschten dann die Mitschülerin. Der Name des jungen Opfers: Sandra Scheeres (SPD).

Viele Jahre später ist Sandra Scheeres Bildungssenatorin in Berlin, SPD-Mitglied, aber diese Geschichte im Keller hat sie nie vergessen. „Deshalb bin ich beim Thema sexueller Missbrauch so sensibilisiert“, sagt sie.
Anderen Schülern und Schülerinnen soll es nicht so gehen wie ihr, deshalb ist sie auch hochzufrieden, dass sie am Mittwoch den Beginn der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ verkünden kann. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sitzen in jeder Schulklasse mindestens ein oder zwei Kinder, die Opfer von Missbrauch wurden oder immer noch sind.

Schule soll ein Schutzraum sein für Kinder und Jugendliche, die missbraucht werden oder wurden, so wünscht es sich Sandra Scheeres, aber auch Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Rörig stellt mit der Senatorin die Initiative vor.

Wie erkennt man frühzeitig die Signale?

Alle Schulen in Berlin werden jetzt mit umfangreichem Informationsmaterial ausgestattet. Es geht um Antworten auf wichtige Fragen: An wen kann ich mich als Fachkraft wenden, wenn ich von Missbrauch erfahren oder einen entsprechenden Verdacht habe? Wie geht man überhaupt mit dem Thema angemessen um? Wie erkenne ich Signale eines Missbrauchs?

„Es wäre fatal, wenn ein Lehrer Signale nicht erkennen sollte, die ein Schüler aussendet“, sagt Scheeres. Es gibt ja erschreckende Statistiken: Ein Kind, das von Missbrauch betroffen ist, muss im Schnitt sieben Erwachsene ansprechen, bevor es eine Vertrauensperson findet.

Es geht aber auch um solche Punkte: Wie viel Nähe ist zwischen Pädagogen und Schülern wann angemessen? Gleichzeitig erfahren Pädagogen und andere Fachkräfte, wer sie unterstützt, wen sie hinzuziehen können, wenn sie mit Missbrauch konfrontiert werden. Am Mittwoch wurde auch das Online-Fachportal „Schule gegen sexuelle Gewalt“ freigeschaltet. Die Initiative ist Teil eines bundesweiten Projekts; bis Jahresende sollen rund 30.000 Schulen in Deutschland mit dem Informationsmaterial ausgestattet werden. Scheeres will zudem im Berliner Schulgesetz verankern, dass jede Schule verbindlich ein Krisenteam einrichtet, das sich um Schutzkonzepte kümmert. Das Gesetz muss noch vom Parlament verabschiedet werden. Unterdessen gibt es auch erfahrene Berliner Hilfeprojekte, die Präventionskurse für Schulen anbieten sowie Betroffene, Pädagogen und Angehörige beraten.

Mehr Geld für Kinder- und Jugendhilfe

Doch Informationsmaterial allein genügt dem Bundesbeauftragten Rörig nicht. Er fordert, „dass an der Kinder- und Jugendhilfe nicht gespart werden darf“. Die Bildungssenatorin ist da ganz auf seiner Linie. „Es muss mehr Geld ins System.“

Sandra Scheeres hatte damals das Glück, dass ein Lehrer aufmerksam und richtig reagierte, nachdem er von dem Vorfall im Keller erfahren hatte. Er verschob eine Klassenarbeit und redete stattdessen mit der ganzen Klasse über die Dimension der Attacke.

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