Missbrauchskandal : Aus der Bahn geworfen

Eine dieser Aufarbeitungsgeschichten der betroffenen Mitarbeiter geht so: Fünf Ausbilder und Stationsvorsteher fahren auf ein Wochenendseminar. Sie übernachten in einem Zimmer, aber einer kann nicht schlafen. Er wälzt sich herum, die anderen sind genervt und fragen, was los sei. Er antwortet: „Ich kann nicht schlafen, ich habe Angst, dass einer kommt, der Sex mit mir will.“

Die anderen, heute alle Anfang bis Mitte 20, reagieren anders als der Mann gedacht hat, sie sind nicht geschockt, denn sie haben alle das Gleiche erlebt. Alle sind unabhängig voneinander sexuell missbraucht worden.

Die sechs weiteren Verdächtigen aus der Parkeisenbahn, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt, sind nach Angaben Heumanns kurz nach der Wende in die Wuhlheide gekommen. Für die Justiz ist noch nicht geklärt, wie weit die Taten zurückgehen, bisher konzentrierte sich alles auf die Jahre zwischen 2000 bis 2010. Da die Tatverdächtigen bisher nicht reden würden, sei es für die Staatsanwälte schwer, herauszufinden, ob systematisch missbraucht worden sei und wie lange dieser Missbrauch schon andauert.

Aber es gab auch schon in den 90er Jahren Vorfälle von sexueller Belästigung oder sexuellen Missbrauchsversuchen, die allerdings nicht zur Anzeige kamen. Heumann selbst spricht von zwei bis drei Fällen, „kleinere Sachen“, wie er sagt, in denen man sich schnell von den Mitarbeitern getrennt habe. Einmal ging es ums Anfassen und Begrabschen eines Jungen, ein anderes Mal wurde einer der Mitarbeiter nackt in einem Raum gesehen, dann soll im nahe gelegenen Schwimmbad ein Kind von einem Eisenbahner sexuell belästigt worden sein.

Neben den Gebäudekomplexen auf dem riesigen Gelände, in denen Mitarbeiter an Wochenenden oder in den Ferien ungestört mit ihren potenziellen Opfern zusammen sein konnten, boten nach Angaben Heumanns vor allem die Ferienfahrten und Ausflüge Gelegenheit für sexuelle Übergriffe auf die Schutzbefohlenen. 2007 kam es zu einem solchen Übergriff auf einen Jungen, die Mutter beschwerte sich, Heumann bat den Mitarbeiter um eine Stellungnahme. Aber die reichte ihm nicht, er entließ den Mann und suchte nach eigenen Worten erstmals in der Geschichte des Vereins nach der Wende einen pädagogischen Mitarbeiter. Als im Sommer 2010 die Männer vom Landeskriminalamt auftauchten, gehörte dann aber dieser Mitarbeiter zum Entsetzen Heumanns zu den Beschuldigten.

Der Freizeitpark Wuhlheide mit seinen Grünanlagen, den Spielplätzen und der Schmalspureisenbahn ist nicht nur grüne Oase am Rande der Großstadt, er ist seit Jahrzehnten ein Anziehungspunkt für die Menschen, die hier wohnen. Genau genommen ist die Parkeisenbahn wie das gesamte Freizeit- und Erholungszentrum und die Entwicklung der Wuhlheide an sich eine großartige Erfolgsgeschichte. Schon 1921 kaufte das Land Berlin das 525 Hektar große Areal in Köpenick und gründete die Stiftung „Park. Spiel und Sport“. 1952 war die Arbeitsgemeinschaft „Junge Eisenbahner“ die Keimzelle für den späteren Bau der Pioniereisenbahn. Viele Jungen, die hierher kommen, stammen aus sozial schwachen oder, wie es ein Pädagoge ausdrückt, der dort gearbeitet hat, aus „emotional schwierigen Verhältnissen“. Oftmals fehlt ein Elternteil als Bezugsperson, meist ist es der Vater. Die Faszination der Anlage gepaart mit dem hierarchischen Aufbau ist aus Sicht des Pädagogen ein geradezu „idealtypischer Ort für pädophile Neigungen“.

"Man kann auch von einer Kultur oder Tradition des Missbrauchs sprechen", sagt der Experte. Lesen Sie weiter auf Seite drei.

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