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Missbrauchskandal : Aus der Bahn geworfen

Und so ist es nicht verwunderlich, dass zu den mutmaßlichen und überführten Tätern leitende Angestellte gehören. Alle Täter waren in der Lage, sich aufgrund ihrer Stellung ungefragt und unkontrolliert an ruhige Orte, wie etwa zu den Stellwerken oder in die Ausbildungsstätten, zurückzuziehen, um sich dort Kinder, die zu ihnen aufschauten und für die sie „Vorbilder und Freunde“ waren, wie Heumann sagt, gefügig zu machen.

Wolfgang Werner kennt sich in diesen Systemen von Belohnung und Hierarchie aus. Seit Jahren arbeitet der Diplom-Pädagoge in der Prävention von sexueller Gewalt gegen Jungen und gehört zu den Gründern des Vereins „Hilfe-für-Jungs“.

Werner, 52, begleitet seit dem Winter 2010 die Aufarbeitungs- und Präventionsarbeit der Parkeisenbahn. Er sagt: „Die Parkeisenbahn war lange Zeit eine Einrichtung, bei der sich Mitarbeiter ohne Kontrolle bestimmte Freiräume schaffen konnten, deshalb mussten die Täter keine Angst haben aufzufliegen. Man kann auch von einer Kultur oder Tradition des Missbrauchs sprechen.“

Laut Werner haben die Parkeisenbahn und ihr Geschäftsführer alle Präventionsmaßnahmen und Schulungen konsequent und glaubwürdig verfolgt. Es gibt nun ein sexualpädagogisches Konzept, es gibt feste Ansprechpartner, jeder Mitarbeiter hat ein polizeiliches Führungszeugnis, und es gibt überhaupt ein Bewusstsein für die Gefahren und die Verantwortung gegenüber Kindern.

Der Verein hat damit Glaubwürdigkeit zurückgewonnen, aber die Vergangenheit ist mit diesen Maßnahmen noch längst nicht erledigt. Im Gegenteil, bisher weiß man wenig über die Opfer, die zum großen Teil alle jugendliche Mitarbeiter waren. Oder Kinder. Und so spricht Werner von einer „traumatisierten Institution“, der auch geholfen werden müsse. Was Werner meint, ist an der Person des gelernten Bauingenieurs Ernst Heumann abzulesen. Er kümmert sich um die Aufklärung, gleichzeitig hat er Angst davor, dass ein Lebenswerk zerbricht.

Heumann sitzt nun wieder an seinem Schreibtisch im Zimmer des Betriebsleiters und versucht, seine Leidenschaft für die Bahn zu erklären. Aber er kann es nicht in Worte fassen. Er war ein kleiner Junge, als die Bahn in den 50er, 60er Jahren noch ihren „Pfiff-Klub“ hatte, der Interessierte für die Bahn und ihre Technik begeistern sollte. Heutzutage, sagt Heumann bitter, habe die Bahn nur ihren Profit im Kopf.

Als die Wende kam, engagierte Heumann sich schon lange für die Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth bei Gütersloh, die in den 80er Jahren Wagenkästen der Pioniereisenbahn über die „Kunst und Antiquitäten GmbH“ des damaligen DDR-Devisenhändlers Alexander Schalck-Golodkowski kaufte – und heute einer der Gesellschafter der Parkeisenbahn ist, wofür Heumann sich 1991 persönlich und nach eigenen Angaben auch finanziell eingesetzt hat. Das war der Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in Berlin. Er hatte sich damals indirekt einen Kindheitstraum erfüllt: eine eigene Eisenbahn.

Vor der Wende hatte der Betrieb mehr als 30 hauptamtliche Mitarbeiter, danach waren es sehr bald nur noch drei. Heumann und die anderen haben hier etwas geschaffen, was ihr Leben ausfüllt. Der Skandal hat Heumann nun in eine Art Trancezustand versetzt. Er ist höflich, er versucht, alle Fragen zu beantworten, aber manchmal hört er die Fragen gar nicht mehr, sondern sagt einen Satz, der sehr hilflos klingt: „Wir hatten doch nie was mit Pädagogik zu tun.“ Er guckt verlegen. Es könne sein, dass da noch vieles hochkomme.

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