Missbrauchsprozess in Cottbus : Im Fall Franziska ist ein Ende in Sicht

Seit einem Jahr läuft der Prozess um das Verschwinden und den Missbrauch der Zwölfjährigen. Angeklagt sind ihre Mutter und deren Lebensgefährte – der unermüdlich Anträge im Verfahren stellt.

Lange auf der Anklagebank. Im Prozess gegen Franziskas Mutter und deren Lebensgefährten ist nun ein Ende in Sicht.
Lange auf der Anklagebank. Im Prozess gegen Franziskas Mutter und deren Lebensgefährten ist nun ein Ende in Sicht.Foto: Patrick Pleul/dpa

Der Angeklagte strotzt vor Selbstbewusstsein. Während eine Hand abwechselnd durch die dünnen langen Haare und den ebenso dünnen und langen Vollbart streicht, blättert die andere in den Gerichtsakten. Seine Augen fixieren angriffslustig den Gutachter, dem er unzählige Fragen stellt. Und dabei scheint er offenbar zu vergessen, dass eigentlich er auf der Anklagebank sitzt.

Vor allem solche „Auftritte“ wie bei dem Verhandlungstag am Mittwoch sind der Grund, dass der Prozess am Landgericht Cottbus nun schon ein Jahr lang läuft. Immerhin scheint ein Ende in Sicht, jedenfalls wurden jetzt die Gutachten über die beiden Angeklagten verlesen.

Im Oktober 2017 verschwand die Tochter aus einem Kinderheim

Wie berichtet wird einer 53-jährigen Frau aus Groß Schacksdorf bei Cottbus und ihrem aus Berlin stammenden 48-jährigen Lebensgefährten schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes und Entziehung einer Minderjährigen vorgeworfen. Bei dem Opfer handelt es sich um die Tochter der 53-Jährigen, die im Oktober 2017 aus einem Kinderheim in Cottbus verschwand.

Alles nur gelogen

Sechs Monate lang suchte die Polizei nach der damals zwölfjährigen Franziska. Sechs Monate lang berichteten die Medien darüber, zeigten auch die Mutter des Mädchens, vor allem aber ihren Lebensgefährten. Der bezeichnet sich selbst als Schauspieler und Drehbuchautor und präsentierte sich gern vor der Kamera – gab sich traurig, verzweifelt, hilflos. Dann stellte sich heraus: Es war alles gelogen, alles ein makabres Schauspiel.

2018 fand die Polizei das Mädchen

Im März 2018 fand die Polizei bei einer unangekündigten Wohnungsdurchsuchung in Groß Schacksdorf das Mädchen. Der Fall produzierte bundesweit Schlagzeilen – auch, weil er auf den ersten Blick an die Geschichte der Österreicherin Natascha Kampusch erinnerte, die als Kind entführt und mehr als acht Jahre in einem Haus gefangen gehalten wurde.

Mutter äußert sich zu Vorwürfen vor Gericht nicht

Bei Franziska verfestigte sich schnell der Verdacht, dass der Lebensgefährte das Kind sexuell missbraucht haben könnte – mal mit, mal ohne Wissen und Beteiligung ihrer Mutter. Diese hat sich während des laufenden Prozesses nicht zu den Vorwürfen geäußert, zuvor bei Vernehmungen durch Polizei und Staatsanwaltschaft allerdings schon. Selbst in diversen Medien erzählte sie von den Taten und davon, dass ihre Tochter „das ja selbst gewollt habe“.

Lebensgefährte scheint Verhandlungstage zu genießen

Ihr Lebensgefährte streitet bisher alles ab und scheint ansonsten die Verhandlungstage regelrecht zu genießen. Er stellt unermüdlich Anträge – egal ob sinnvoll oder nicht, er liefert sich Wortgefechte mit dem Gericht und zeigt keine Spur von Reue. Dafür berichtet er von seiner schlimmen Kindheit und erzählt abenteuerliche Geschichten, um handfeste Beweise für den sexuellen Missbrauch zu entkräften. Es verbietet sich an dieser Stelle – schon aus Rücksicht auf das Opfer –, auf Details einzugehen. Laut Anklageschrift soll Franziska jedenfalls in mindestens 90 Fällen sexuell missbraucht worden und beim ersten Mal erst zwölf Jahre alt gewesen sein.

Mädchen muss Anhörung ertragen

Trotzdem ersparte ihr das Cottbuser Gericht im Frühjahr dieses Jahres nicht die Anhörung im Beisein von Mutter und Lebensgefährten. Anwältin Claudia Napieralski, die Franziskas Interessen als Nebenklägerin vertritt, hatte das stark kritisiert. Für das Mädchen sei es schon schlimm gewesen, überhaupt im Gericht aussagen zu müssen, sagte sie. Vor dem Angeklagten habe Franziska regelrecht Angst gehabt, und die Mutter tue ihr leid. „Es bleibt doch die Mutter und die meisten Kinder, die missbraucht, geschlagen und gedemütigt werden, lieben ihre Eltern dennoch“, sagte Napieralski.

Lebensgefährte hat kriminelle Karriere

Franziskas Mutter, eine verhärmt wirkende, unscheinbare Frau, war nach kurzer Untersuchungshaft wieder freigekommen, ihr Lebensgefährte befindet sich nach wie vor im Gefängnis. Der am gestrigen Mittwoch im Gericht verlesene Auszug aus dem Bundeszentralregister bescheinigt ihm eine kriminelle Karriere, die Mitte der 1990er Jahre erstmals am Amtsgericht Tiergarten in Berlin zu einer Verurteilung führte. Von Diebstahl und Unterschlagung bis zu vorsätzlicher Körperverletzung reichen die Delikte, was ihm letztlich fünf Jahre Gefängnis einbrachte.

Danach, so sagt der Angeklagte, habe er Berlin den Rücken kehren und in Groß Schacksdorf ein neues Leben beginnen wollen.

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