• Missbrauchsprozess in Cottbus: Journalist belastet angeklagte Mutter und Lebensgefährten

Missbrauchsprozess in Cottbus : Journalist belastet angeklagte Mutter und Lebensgefährten

Im Prozess um den sexuellen Missbrauch und das monatelange Verstecken eines damals 13-jährigen Mädchens zeigt ein Boulevardjournalist aufgenommene Handyvideos.

Die Mutter und ihr damaliger Lebenspartner stehen in Brandenburg vor Gericht.
Die Mutter und ihr damaliger Lebenspartner stehen in Brandenburg vor Gericht.Foto: Patrick Pleul/dpa

Im Prozess um den sexuellen Missbrauch und das monatelange Verstecken eines damals 13-jährigen Mädchens hat ein Berliner Boulevardjournalist mit seinen Aussagen die beiden Angeklagten schwer belastet.

Der Journalist hatte die Mutter des Mädchens nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft aufgesucht und interviewt. Dabei entstanden Handyvideos, in denen die damals 52-jährige Frau den sexuellen Missbrauch ihrer Tochter freimütig zugab. Die Videosequenzen wurden am Donnerstag vor dem Cottbuser Landgericht abgespielt. Darin berichtet die Mutter Details der Handlungen, die in erster Linie von ihrem 46-jährigen Lebensgefährten, dem Hauptangeklagten im Prozess, vorgenommen wurden.

Ob die Videos als Beweismittel dienen können, ist fraglich – für die Prozessbeteiligten zeigten sie ein erschreckendes Bild von der mit der Situation überforderten Mutter und den schlimmen häuslichen Verhältnissen.

Der Hauptangeklagte nahm die Aufnahmen sichtlich ungerührt, fast fasziniert zur Kenntnis. Nach Aussagen von Bekannten hat er sich früher im Gefängnis als Schauspieler betätigt.

Mutter und Stiefvater hielten das Kind in ihren Wohnungen versteckt

Auch, als er im Oktober den Boulevardjournalisten anrief und ihm von seiner „verschwundenen Stieftochter“ berichtete, spielte er nur eine Rolle: die des besorgten Familienvaters. Traurig hielten seine Lebensgefährtin und er die Fotos ihrer Tochter in die Kameras - einen Brief legten sie vor, den Franziska angeblich geschrieben haben soll.

Darin teilte das Mädchen, das seit Jahren in einer Kindereinrichtung lebte, angeblich mit, dass es nicht mehr ins Heim wolle, und deshalb weglaufe und erst mit 18 zurückkäme.

In Wahrheit hielten Mutter und Stiefvater das Kind in ihren Wohnungen in Groß Schacksdorf versteckt. Wenn die Polizei kam, so erzählte die Mutter im Video, musste Franziska in den Couchkasten klettern. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter und dem Lebensgefährten „schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes in mehr als 90 Fällen sowie Entziehung eines Minderjährigen“ vor.

Der im Dezember vergangenen Jahres begonnene Prozess wird sich voraussichtlich noch mehrere Wochen hinziehen. Zu Beginn hatte das Gericht zum Entsetzen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage auf der Ladung des Kindes in den Gerichtssaal – in Anwesenheit von Mutter und Stiefvater – bestanden.

Wichtige Zeugenaussagen

„Das war eine große Belastung für Franziska“, sagte ihre Anwältin Claudia Napieralski. Das Mädchen hatte zuvor mitteilen lassen, dass es nur gegen den Angeklagten, aber nicht gegen seine Mutter aussagen wolle. In ihrer Aufregung machte sie dann aber vor Gericht nicht nur vom Zeugnisverweigerungsrecht gegenüber ihrer Mutter Gebrauch, sondern widersprach auch der Verwertung ihrer im Vorfeld bei Polizei und Staatsanwaltschaft getätigten Aussagen.

Da fast alle angeklagten Taten von Mutter und Lebensgefährten gemeinschaftlich begangen wurden, würde so auch der Angeklagte nicht von ihr belastet werden.

Umso wichtiger sind nach Meinungen von Prozessbeobachtern die Zeugenaussagen. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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