Berlin : Mit dem Fernrohr auf Zeitreise durch Berlin

Firmen entwickelten für die Stadt das „Timescope“, in dem sich Vergangenheit und Zukunft spiegeln

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Eine große Chlorodont-Zahnpasta-Reklame auf dem Dach des U-Bahnhofs Wittenbergplatz? Die Gedächtniskirche mit Spitze und das KaDeWe mit einem Flachdach? Das ist Jahrzehnte her. Vielleicht stehen bald an vielen Stellen der Stadt merkwürdige Geräte, die wie futuristische Fernrohre aussehen. Gerichtet auf interessante Motive. Wer hineinschaut, sieht allerdings nicht nur die Gegenwart. Er wird sich per Tastendruck auf eine Zeitreise begeben, aus derselben Perspektive die Vergangenheit, möglicherweise auch die Zukunft erblicken.

Das Fernrohr mit der Tauentzienstraße im Blick steht – nicht ganz so verkehrsgünstig – auf dem Dach des Hauses, in dem dieFirma Art + Com ihren Sitz hat. Das Fernrohr lässt sich schwenken, im Winkel von bis zu 120 Grad durch Epochen navigieren. Gerät und Software sind von der Stadtmöbelfirma Wall und von Art + Com, Spezialisten für interaktive mediale Projekte, als „Timescope“ entwickelt und jetzt den Berliner Bezirken angeboten worden; auch anderen großen Städten in Deutschland. Auf die Resonanz wartet das Unternehmen jetzt.

Die Tauentzienstraße mit der Gedächtniskirche ist eine der ersten fertigen Zeitreise-Stationen, ein Vorzeigeprojekt. Oder auch der Schloßplatz. Die Einsatzmöglichkeiten scheinen unbegrenzt, wie die Firmen versichern. Es gibt genügend alte Fotos, die verarbeitet und gegebenenfalls virtuell ergänzt werden können. Auf dem Schloßplatz, so Wall-Sprecherin Beate Stoffers, könnte das erste kostenlose Pilotprojekt im Stadtraum gestartet werden. Das Angebot liegt dem Bezirk vor, von Bezirksbürgermeister Christian Hanke war dazu vor dem Wochenende keine Stellungnahme zu erhalten. Auch der Potsdamer Platz bietet sich an, per Timescope an alte Zeiten und den Mauerverlauf zu erinnern. Oder der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor. Am Alexander- und Breitscheidplatz ließen sich beim Blick durchs Fernrohr die geplanten Hochhäuser herbeizaubern. „Das Projekt ist ein Eingriff in den öffentlichen Raum, aber hier lässt sich die Information über Stadtgeschichte eben auch am besten vermitteln“, sagt Beate Stoffers, die in diesem Zusammenhang an die Erfolge der Info-Box am Leipziger Platz erinnert. Firmenchef Daniel Wall hat in seinem Unternehmenssitz an der Friedrichstraße ein Vorzeige-Timescope installiert, und wer hineinblickt, sieht auf dem Haus gegenüber ein Gerüst, das dort längst nicht mehr steht.

Das Modell hat einen Schlitz für eine 50-Cent-Münze – dezenter Hinweis darauf, dass der Spaß der Zeitreise nicht ganz gratis und vielleicht jeweils nur auf fünf Minuten begrenzt ist. Alles in allem soll ein Gerät dieser Art rund 14 000 Euro wert sein. Wall will es „vandalismussicher“ herstellen.

Andreas Wiek und Sebastian Peichl, im Vorstand von Art + Com, erzählen, dass die Idee für das Timescope aus den neunziger Jahren stammt. Da sei der Wunsch entstanden, die großen äußerlichen Veränderungen Berlins plastisch darzustellen. Beide Firmen fanden zusammen, bis 2003 wurde schon ein Prototyp hergestellt: ein Zeit-Fernrohr für den öffentlichen Raum. „Zwei innovative Firmen haben sich getroffen“, sagen die Beteiligten. Sie hoffen, dass sich die Idee nicht nur in Berlin durchsetzt.

Auch in Museen soll sich das Zeitreisesystem bewähren. Wenn im Sommer das Naturkundemuseum an der Invalidenstraße nach seinem Umbau wieder den großen Sauriersaal eröffnet, dann wird dort ein Fernrohr stehen. Art + Com nennt es „Jurascope“, und den Beobachtern werden beim Blick durch die Gläser vermutlich leichte Schauer über den Rücken laufen. Dann entwickeln sich aus starren Saurierskeletten ganz plötzlich Wesen aus Fleisch und Blut mit furchterregendem Bewegungsdrang. C. v. L.

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