• Mo Asumang über Rassismus in Berlin: „In Kreuzberg sagt man: Populist, was hast du da erzählt?“

Mo Asumang über Rassismus in Berlin : „In Kreuzberg sagt man: Populist, was hast du da erzählt?“

Wie erlebt man Berlin als Schwarze Frau? Und wie kann man rassistische Strukturen aufbrechen? Ein Gespräch mit der Dokumentarfilmerin und Autorin Mo Asumang

Zu Gast im Tagesspiegel Checkpoint-Podcast: Mo Asumang
Zu Gast im Tagesspiegel Checkpoint-Podcast: Mo AsumangFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Dieses Interview ist ein Auszug aus der vierten Folge des "Tagesspiegel Checkpoint"-Podcasts "Eine Runde Berlin". Einmal im Monat nimmt sich Redakteurin Ann-Kathrin Hipp ein Thema vor, einen Gast mit und fährt eine Runde Ringbahn. Die aktuelle Folge (60 Minuten) gibt's jetzt auf Spotify, Apple Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.


Frau Asumang, Sie haben sich die Hermannstraße in Neukölln als Start für unsere Tour ausgesucht. Warum?

Ich habe kurz nach dem Mauerfall hier in der Nähe gewohnt und damals etwas Absurdes erlebt, an das ich mich bis heute erinnere. Deutschland hatte gerade die WM gewonnen, alle waren total happy und haben sich gefreut. Ich war mittendrin und auch voller Freude. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich nicht richtig dazugehöre, weil es Leute gab, die mir wirklich böse Worte an den Kopf geknallt haben. Ich bin dann nach Hause gegangen und habe auf dem Balkon eine Piratenflagge geschwenkt, während unten die Autokorsos mit Deutschlandflaggen vorbeigefahren sind und gehupt haben. Zwei Stockwerke tiefer stand meine Nachbarin, guckte zu mir hoch und sagte: Aber das deutsche Brot fressen.

Wie haben Sie reagiert?
Ich wusste erst mal gar nicht, was ich sagen soll und habe dann ganz leise gefragt: Was soll ich denn sonst essen? Situationen wie diese zeigen: Als Afrodeutsche ist es einfach anders, in Deutschland zu leben. Heute noch. Im Moment bekomme ich viele Mails, in denen steht, dass ich beim nächsten Rassenkrieg vernichtet werde.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Berlin sei „so eine bunte, vielfältige Stadt – da kann man gar kein Rassismus-Gespenst einpflanzen“ – die Aussage dann aber gleich im nächsten Satz wieder korrigiert.
Ich glaube, man muss differenzieren. Es kommt schon auch darauf an, in welchem Bezirk man unterwegs ist. In Kreuzberg ist es schwierig, das Virus Rassismus einzupflanzen, weil dort die unterschiedlichsten Leute miteinander arbeiten, spielen, leben. Populisten erzählen den Menschen ja immer, dass die anderen böse sind und ihnen etwas wegnehmen wollen. Das glauben die Leute vor allem dann, wenn sie es nicht besser wissen. In Kreuzberg sagt man: Mensch Populist, was hast du da gerade erzählt? Bei meinem Nachbarn, Herrn Öztürk, hole ich mir immer Salz oder Milch, wenn ich keine zu Hause habe. Der ist total dufte. Oder: Ich habe einen persischen Arzt hier ums Eck, der ist spitze. Ich habe Freunde, die sind Deutsch-Türken oder Afrodeutsche oder haben einen koreanischen Background.

Am 7. Juni haben auf dem Alexanderplatz mehr als 15.000 Menschen dem in den USA durch Polizeigewalt getöteten George Floyd gedacht und gegen Rassismus demonstriert. Waren Sie auch da?
Ich war da, habe mich aber wegen des Coronavirus nur am Rand bewegt. Da waren so viele, die sich solidarisch gezeigt haben mit George Floyd, dass ich fast heulen könnte, weil mich das so wahnsinnig freut. Dass diese Menschen einfach zusammenkommen und Offenheit zeigen, hat mich wirklich sehr berührt.

Viele hoffen nach jahrelangen Rassismus-Debatten auf strukturellen Wandel.
Die Tochter von George Floyd hat gerufen: ‚Mein Daddy hat die Welt verändert.’ Und das stimmt. Ich glaube, dass in diesem Fall tatsächlich auch das Video entscheidend war, auf dem man den ganzen Sadismus gesehen hat. Das ruft bei Menschen Empathie hervor und Empathie ist eine große Kraft, aus der wirklich etwas erwachsen kann.

Sie sind als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen in Kassel geboren. Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass Sie Schwarz sind und aufgrund Ihrer Hautfarbe Nachteile erfahren?
Ich weiß es nicht. Irgendwann habe ich wahrscheinlich in den Spiegel geguckt und gedacht: So, ich bin schwarz. Ich kann mich aber an eine Situation erinnern, da war ich auf dem Spielplatz, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, und Kinder haben mir das N-Wort hinterhergerufen. Ich bin dann nach Hause zu meiner Oma gegangen und habe ihr das erzählt. Sie hat kurz überlegt und gesagt: Dann sag du doch Kalkeimer.

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Ihre Großmutter hat im Dritten Reich als Schreibkraft für die SS gearbeitet.
Das war ein Geheimnis in unserer Familie. Meine Mutter hat irgendwann mal alte Unterlagen rausgekramt und dabei dann einen Ausweis gefunden: Charlotte Henschke aus Dresden, Jahrgang 1908 war Schreibkraft, oder genau genommen 1A-Schreiberin und hat geheime Dokumente verfasst. Ich habe das aber erst nach ihrem Tod erfahren. Und das ist auch gut so. Wenn ich das damals gewusst hätte, hätte ich meine Großmutter – die mich großgezogen, für mich Essen gekocht und mich in die Schule gebracht hat – wahrscheinlich irgendwie abgelehnt. Und das hätte echt was kaputtgemacht. Denn was man ja sieht, ist, dass diese Frau, die früher bei der SS gearbeitet hat, dieses schwarze Kind großgezogen hat. Da muss ja was passiert sein. Sie hat sich offensichtlich verändert. Und das ist etwas, was wir heutzutage wirklich lernen und begreifen müssen: Selbst wenn es jetzt Leute gibt, die im rechten Spektrum sind, müssen wir an sie glauben. Wenn wir sie aufgeben, sind sie verloren.

Weil diese Menschen sich von selbst nicht ändern werden?
Die sind in ihrer Blase. Die holen morgens ihr Handy raus und das Erste, was sie sehen sind ihre Twitter- und Facebook-Accounts und Blogs, auf denen Sie rauf und runter mit Hass bespielt werden. Wir können nicht von Rassisten erwarten, dass sie auf uns zukommen und um Hilfe bitten, weil sie keine Rassisten mehr sein wollen. Das wird nicht passieren. Die Aufgabe liegt bei der Gesellschaft – bei denen, die demokratisch denken und offen sind. Aber das verstehen viele nicht.

Kann man Menschen mit rechten und rassistischen Ansichten mithilfe von Argumenten überzeugen?
Es geht nicht um Argumente. Das hat nichts mit dem Intellekt zu tun, sondern ist eine rein emotionale Sache. Deshalb glaube ich, dass sich die Menschen begegnen müssen. Und die Politik muss das kapieren.

60 Minuten Fahrtzeit - von Hermanstraße bis Hermanstraße.
60 Minuten Fahrtzeit - von Hermanstraße bis Hermanstraße.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Die weiteren Folgen von "Eine Runde Berlin":

Folge 1: Eine Runde Berlin mit Jens Bisky - Journalist und Autor des Bestsellers "Berlin: Biographie einer großen Stadt"

Folge 2: Eine Runde Berlin mit Katleen Kirsch - Cheftresenfrau in der Berliner Kultkneipe "Zum Hecht"

Folge 3: Eine Runde Berlin mit Matthias Rohde - Frontmann der Berliner Band "Von Wegen Lisbeth"

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