• Mobbing in Berlin : Schulleiterin Daniela Walter: „Die Schülerin war kein Mobbingopfer“

Mobbing in Berlin : Schulleiterin Daniela Walter: „Die Schülerin war kein Mobbingopfer“

Nach dem Suizid einer Elfjährigen debattierte der Schulausschuss des Parlaments. Auch die Schulleiterin der betroffenen Schule kam dabei zu Wort.

Werner van Bebber
Die Hausotter-Grundschule in Berlin-Reinickendorf.
Die Hausotter-Grundschule in Berlin-Reinickendorf.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Plötzlich wurde es still im parlamentarischen Schulausschuss. Es war der Moment, als die Schulleiterin der Hausotter- Grundschule, Daniela Walter, sagte: „Die Schülerin war kein Mobbingopfer.“ Und als sie schilderte, wie negativ sich die Berichterstattung über den vermeintlichen Mobbing-Suizid auf die Lehrer und Schüler ihrer Schule ausgewirkt hätten.

Wenige Tage nach dem Tod des Mädchens hatte Schulleiterin Walter allerdings noch bestätigt, dass es für das Kind ein Mobbing-Problem an der Schule gegeben habe. Bei einer Trauerkundgebung vor der Schule Anfang Februar sprach sie von massiven Konflikten mit anderen Mädchen. Diese seien aus der Klasse genommen worden. Der Vorfall liege allerdings schon etwa ein Jahr zurück. Der Widerspruch zwischen den beiden Aussagen ließ sich am Donnerstag nicht aufklären. Zudem wiederholte ein Vater der Schule am Donnerstag gegenüber dem Tagesspiegel seine Behauptung, dass die Schülerin noch vor kurz vor ihrem Tod massiv gemobbt worden sei.

Am Donnerstag wurde das Mädchen beigesetzt

Daniela Walter war aus ihrer Reinickendorfer Grundschule ins Abgeordnetenhaus gekommen, weil es dort eine von CDU und FDP initiierte Anhörung zum Thema „Mobbing“ gab. Anlass war der Todesfall an der Hausotter-Schule. „Heute war die Beisetzung“, sagte Walter, bevor sie schilderte, dass es sie „unglaublich wütend macht, was über die Schule gesagt wird“. Es gebe zwar Mobbingfälle, aber nicht mehr als an anderen Schulen „Bis zum 1. Februar wusste ich gar nicht, dass meine Schule eine Mobbingschule ist“, fügte sie hinzu.

Im übrigen stünden die Eltern des Mädchens, dessen jüngere Schwester die Hausotter-Schule weiterhin besucht, „tagtäglich mit uns in Kontakt“. Über die tatsächlichen Motive für den Freitod hätten die Eltern ihr gegenüber „nichts gesagt“. Wie berichtet, hatte die Hausotter-Schule ein von der Schulinspektion dokumentiertes schweres Mobbing-Problem, bevor die jetzige Schulleiterin den Posten 2017/18 übernahm.

Auch wenn durch Walters Ausführungen der eigentliche Anlass für die Anhörung im Schulausschuss nicht mehr bestand. Einig waren sich alle: Unabhängig vom konkreten Einzelfall ist das Thema wichtig und drängend. Fünf Sachverständige hatten ihre Expertise mitgebracht. Auf Interesse stieß besonders Anti-Mobbing- Experte Herbert Scheithauer. Der FU-Professor berät die Hausotter-Schule in ihrer aktuellen Situation und soll helfen, die Wogen zu glätten, zumal sich die Lage dort noch nicht beruhigt hat. Einige Eltern waren denn auch zur Anhörung gekommen, um erfahren, welche Ratschläge die Experten geben.

Eine Kommission soll die Mobbing-Statistik erörtern

Auf die Frage, was denn Schulen helfen könne, sagte Scheithauer, dass „kurzfristige Maßnahmen nichts bringen“. Man brauche Zeit und müsse genau analysieren, welche von einer „Handvoll Maßnahmen“ für die jeweilige Schule und zum konkreten Fall passe. Da es sich bei Mobbing um einen „Gruppenprozess“ handele, sei es schwer, es in den Griff zu bekommen.

Scheithauer berichtete, dass das Thema auch in der Lehrerausbildung eine Rolle spiele. Die entsprechenden Seminare seien „komplett ausgebucht“.
Landesschülersprecherin Eileen Hager mahnte, „dass sich die Atmosphäre an den Schulen geändert hat – ins Negative“. Die Hemmschwelle für Mobbing sei gesunken, und Opfer wüssten oft nicht wohin. Daher fordere der Landesschülerausschuss verpflichtende Anti-Mobbing-Projekte. Wie berichtet, hat das Gremium eine Crowdfunding-Inititiative gestartet, um gute Ansätze fördern zu können.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Gewaltstatistik reformieren - seit drei Jahren.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Gewaltstatistik reformieren - seit drei Jahren.Foto: picture alliance / Paul Zinken

Eine weitere Frage die auftauchte, war die nach der Gewalt- und Mobbing-Statistik. Wie berichtet, wird sie nicht veröffentlicht, weil die Bildungsverwaltung seit 2016 damit beschäftigt ist, die jetzige Form der Erhebung zu evaluieren. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigte im Ausschuss an, dass sich eine Kommission damit beschäftigen werde, die Evaluationsergebnisse umzusetzen. Der Kommission sollen unter anderem Vertreter der Polizei und der Landeskommission gegen Gewalt angehören. In Bezug auf die zunehmende Mobbing-Problematik hatte die Senatorin im Tagesspiegel bekannt gegeben, dass sie erstmals die Stelle eines Antimobbingbeauftragten schaffen wolle.

Hamburg erfasst leichte Gewalttaten nicht

Am Rande des Ausschusses hieß es aus Scheeres’ Umfeld, dass Berlin sich unter Umständen an Hamburg orientieren werde: Die dortige Schulbehörde übernimmt die Daten der Polizei, deren Meldeverfahren belastbarer sei. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Schulleiter höchst unterschiedliche Maßstäbe bei ihren Gewaltmeldungen anlegten. Seit 2016 finden nur noch die von der Polizei anerkannten und bestätigten Straftaten Eingang in die Statistik zur Schülergewalt. Leichte Gewalttaten werden in Hamburg nicht mehr erfasst. Dass Berlin Hamburger Regelungen übernimmt, kommt immer häufiger vor.

Scheithauer bestätigte, dass die Angaben der Schulen nicht voll belastbar seien. Man benötige „Dunkelfeldbefragungen, um zuverlässige Daten zu bekommen“.

Zwölf Newsletter, zwölf Bezirke: Unsere Leute-Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!