Mobbing in Berliner Schulen : „Was bei WhatsApp passiert, kümmert keinen“

Wir haben unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, von persönlichen Erfahrungen mit Mobbing zu erzählen. Eine Auswahl von Lehrern und Schülern.

Julia Kopatzki Stefanie Borowsky
Nicht immer muss Mobbing auch mit körperlicher Gewalt einhergehen.
Nicht immer muss Mobbing auch mit körperlicher Gewalt einhergehen.Foto: Oliver Berg/dpa

„Es gibt Pausenaufsichten, aber niemand kümmert sich darum, was nach der Schule bei WhatsApp, Instagram, Snapchat oder bei Facebook passiert. Da stehen dann Bemerkungen wie ‘Na, die hat doch noch nie was getaugt‘, ‘Ja hoffentlich bringt sie sich bald um‘, ‘Dann wären wir ihren Gestank los‘. Als Lehrer muss ich wissen, dass diese Chats existieren, ich muss mit den Schülern über Umgangsformen und Gefahren dort sprechen, bei jüngeren Schülern sollte ich verlangen, dass sie mich hinzufügen. Nur eines darf man nicht: Als Eltern und Lehrer die Augen davor verschließen, dass die Welt sich geändert hat, und dass wir hinsehen müssen.“

„Die Schule, in der das Mobbing auftrat, ist eine evangelische Schule. Während der ersten Andacht im Schuljahr, die auch die Eltern besuchen durften, hieß es: ‘Alle haben hier einen Platz; wir gehen respektvoll miteinander um; alle sind willkommen.‘ Kaum war die Andacht beendet, ging das Mobbing los. Das Heucheln macht das Mobbing noch schlimmer, vielleicht weniger für das betroffene Kind, aber für die Eltern, die den Unterschied zwischen ‘Schein‘ und ‘Sein‘ schmerzhaft erfahren müssen, gerade wenn sie ihr Kind an einer Schule angemeldet haben, an der bestimmte Werte offiziell hochgehalten werden.“

"Die Erzieherin hat einzelne Kinder gemobbt"

„Unsere 13-jährige Tochter wird seit einiger Zeit von einem Mitschüler erst verbal, dann tätlich angegriffen. Wir hatten von Anfang an Kontakt mit der Schulleitung und dem Sozialpädagogen der Schule, aber es geschah nichts. Nach dem Angriff mussten wir uns noch anhören, dass unsere Tochter ja irgendwas gemacht haben müsse, dass er sie schlug.“

„Ich war Lehrerin in einer Willkommensklasse für geflüchtete Kinder: Dort hat die Erzieherin einzelne Kinder gemobbt. Die, die sie nicht mochte, wurden von ihr öffentlich heruntergeputzt, so dass sie auch von den anderen Schülern zu Außenseitern gemacht wurden. Ein Gespräch mit ihr war nicht möglich, aber inzwischen arbeitet sie nicht mehr dort.“

"Uns wurde Dummheit und Faulheit unterstellt"

„Auf der Geburtstagsfeier meiner Tochter eskalierte das Mobbing. Mehrere Mädchen ihrer Klassen sprengten ihre Party, behandelten sie gemein. Ich schrieb daraufhin die Eltern an und beschwerte mich. Besonders die Tochter der Elternsprecherin war ausfallend geworden. Die Elternsprecherin und ihre Tochter fühlten sich zu Unrecht angegriffen und anstatt mit mir zu reden, setzte nun eine regelrechte Hetze gegen mich und meine Tochter via Klassenchat ein. Die Klassenlehrerin beteiligte sich ebenfalls daran. In Gesprächen wurden meine Tochter und ich herablassend behandelt, uns wurden Dummheit und Faulheit unterstellt.“

„Insgesamt wird das Thema eher verniedlicht immer mit dem Hinweis darauf, welch senatlich abgesegneten Methoden und Maßnahmen die Schule denn anwendet. Aus dem Opfer wird so schnell der ‘Störer‘ und der ‘Nörgler‘. Damit verdrehen sich schnell Ursache und Wirkung. Mein Eindruck ist, dass die Schulverwaltung völlig überfordert ist damit und ihrerseits keine übergreifende Unterstützung erhält. Da die Kinder nun in das Alter kommen, in dem eine Strafmündigkeit hergeleitet werden könnte, habe ich mich dazu entschlossen, in Zukunft in Fällen von Gewalt gegen mein Kind Strafanzeige zu stellen – sowohl gegen das Kind als auch gegen die Schule.“

"Er wolle sie töten"

„Meine Tochter bekam in der 3. Klasse einen Brief von einem Mitschüler, in dem stand, er wolle sie töten. Ich ging zu den Lehrern, die wollten darüber reden – nichts passierte. Dann wurde meine Tochter körperlich angegriffen. Der Schulleiter sagte, da niemand den Vorfall gesehen habe, könne er nicht reagieren. Nach über einem Jahr ist meine Tochter jetzt an einer anderen Schule, in der präventiv und sofort auf Mobbing reagiert wird.“

Weiterhin berichten Anrufer von Lehrern, die Mobbingfälle herunterspielten, und wünschen sich Fortbildungen für Pädagogen zum Thema Mobbing. Auch eine umfassende Aufklärung der Eltern über Mobbing und ein Anti-Mobbing-Gesetz forderten mehrere Leser. Eine ehemalige Lehrerin einer Grundschule hat gute Erfahrungen damit gemacht, direkt eine Gesprächsrunde mit den Eltern der betroffenen Kinder einzuberufen, wenn ein Kind gemobbt wird. Wichtig sei, das Problem im kleinen Kreis zu besprechen, nicht bei einem großen Elternabend. In einem Fall konnten die Lehrerin und der Schulleiter schnell das Mobbing einer Sechstklässlerin beenden, die von Mitschülerinnen in sozialen Netzwerken wegen ihrer Figur beleidigt worden war.

Wer bietet Betroffenen Rat und Hilfe?

In jedem Bezirk gibt es ein Schulpsychologisches und InklusionspädagogischesBeratungszentrumEltern, Schüler und Lehrkräfte können sich beim Zentrum des Bezirks beraten lassen, in dem die Schule des Kindes liegt.Die Adressen und Telefonnummern findet man unter hier

Für Probleme, die sich mit der Schule nicht klären lassen, ist die Schulaufsicht die nächsthöhere Instanz. Adressen und Telefonnummern gibt es hier

Saraya Gomis, Antidiskriminierungsbeauftragte der Bildungsverwaltung und Ansprechpartnerin für Eltern, Schüler und Lehrkräftebei Problemen mit Diskriminierungen jeder Art. Kontakt: saraya.gomis@senbjf.berlin.de oder Tel. 90227-5817

Adas (Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen) des VereinsLife e.V.: www.adas-berlin.de, Tel. 0800-7245067.

Mehr zum Thema

Bei antisemitischen Vorfällen hilft das Kompetenzzentrum der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. beratung@zwst-kompetenzzentrum.de, Tel. 61080458.

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