Modelabel Blutsgeschwister in Kreuzberg : Gute-Laune-Kleidung statt Berliner Coolness

Das Label Blutsgeschwister zog aus Stuttgart nach Berlin und hat mit farbenfroher Mode Erfolg - obwohl der Name polarisiert.

Karin Ziegler hat das Modelabel gegründet. Bereits 2001 gab es einen Onlineshop.
Karin Ziegler hat das Modelabel gegründet. Bereits 2001 gab es einen Onlineshop.Foto: promo

Die Chefin sinnt hinter einer rotweiß gewürfelten Picknickdecke über ihre Stoff-Designs. Der kleine Besprechungsraum hat eine Außenwand mit einem riesigen durchsichtigen Herz, und auf den Tapeten blühen bunte Blumensträuße, Singvögel oder rosa Flamingos. Nein, typisch Berlin denkt man wirklich nicht bei diesem Kreuzberger Loft im Victoriapark-Kiez, in dem einst eine Milchkuranstalt mit angeschlossenem Kuhstall untergebracht war. Zu bunt wirkt es, zu fröhlich, zu verspielt. Zu uncool? Das kommt auf die Perspektive an.

Wer viel mit Kindern zu tun hat, mit dem Begriff „Heimat“ etwas anfangen kann, über gute Vorräte an Lebensfreude verfügt und der Welt eher optimistisch begegnet, wird sich im Hauptquartier des Modelabels „Blutsgeschwister“ auf Anhieb wohlfühlen. Über der Rezeption schwebt eine riesige Weltkugel, Reminiszenz an einen selbstentworfenen Stoff namens „Fly me to the Moon“, der vor einigen Jahren unter den Fans Furore machte. Und überall blickt man auf das Logo des Labels: Kreuz, Herz und Anker, was für Glaube, Liebe, Hoffnung steht.

In Süddeutschland ist es noch immer ungewöhnlich, als Mutter zu arbeiten

Im letzten Jahr hat das in Stuttgart gegründete Unternehmen 16 Millionen Euro Umsatz gemacht. Vor elf Jahren hat sich die Gründerin der Marke, Karin Ziegler, einen Wunsch erfüllt und ist zunächst teilweise nach Berlin gezogen. 2016 verlegte sie das Unternehmen ganz hierher. In Süddeutschland sei es immer noch ungewöhnlich, als Mutter auch zu arbeiten. „Hier ist es ganz selbstverständlich“, sagt sie. Eine Erleichterung.

Und dass sie das Freigeistige an Berlin schätze. In dieser Stadt kann man schließlich alles haben, auch traumhafte Shooting-Orte. In ihrem Sommerkatalog spielt der Kiez die Rolle der Heimat. Auch Schlösser mietet sie gelegentlich im Umland. Als Geschäftsführer kam 2010 Stephan Künz ins Unternehmen. Der Südtiroler hat den Ruf eines Genies, das sich in der Psychologie so heimisch fühlt wie in der Mathematik und die Zahlen in Ordnung halten kann.

Alle Wetter. Die Softshell-Jacken sind eines der beliebtesten Stücke.
Alle Wetter. Die Softshell-Jacken sind eines der beliebtesten Stücke.Foto: promo

In der Kreuzberger Etage entwirft Karin Ziegler zusammen mit zwei Mitarbeitern die farbenfrohen Stoffe, aus denen die Kollektionen gefertigt werden. Die 43-jährige Mutter von zwei Töchtern trägt eine Bluse mit kleinen Kakteen drauf aus ihrer Sommerkollektion. Ihr ist es wichtig, immer eine Geschichte zu erzählen. Jede Erzählung zielt auf bestimmte Kundinnen ab. Davon gibt es im Wesentlichen vier Grundtypen, weiß Marketing-Managerin Sara Lemmens.

"Bezahlbarer Luxus"

Die romantische Kundin liebt Blumenmotive, die Rockabilly-Kundin Muster, die an die 60er Jahre erinnern, wie zum Beispiel den Kirschenmantel. Erdige Töne sind für Frauen, die Ethnovaganz mögen, und natürlich gibt es auch sportliche Teile für den Typ, der sich mit „casual“, also lässig, beschreiben lässt. „Meine Mode versucht zu unterstreichen, wer man ist“, sagt die Designerin. Sie habe immer Sachen machen wollen, „die man liebt und nicht einfach nur konsumiert“. „Bezahlbaren Luxus“ will sie anbieten zwischen 14,95 Euro für ein Haarband und 319 Euro für einen Wintermantel. Jerseykleider kosten ab 69 Euro.

Das bunte Comic-Kleid für den kommenden Herbst ist aus der neuen Serie „Super“ wie „Superwoman“, „Supermarkt“, „Supernova“ oder auch „Supernatural“. Allwetter-Softshell-Jacken in Gelb mit blauen Vögeln drauf oder rot mit weißen Punkten wie ein Fliegenpilz gehören zu den oft kopierten Rennern des Labels. Auch zum Thema „Princess Charming“ gab es schon eine Kollektion, in der Kleider aus Webstoffen mit modern interpretierten Märchenmotiven eine Hauptrolle spielten.

Für Männer gibt es derzeit nur zwei verschiedene Hemden. Vor allem Mütter im Alter von 30 bis 55 Jahren lieben diese Mode, tragen sie gern auch mal mit ihren Töchtern im Partnerlook, denn Kinderkleidung gibt es ebenfalls. Auch Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen sind anfällig für die farbenfrohe Heimat-Mode. Sara Lemmens weiß das, denn sie fährt gelegentlich zu den Partys des Labels, das übers ganze Bundesgebiet verteilt 15 Geschäfte hat. Da tauschen die Fans Kleidungsstücke aus, probieren selbstgebackene Plätzchen und geben jede Menge Feedback. Die meisten Neukunden kommen in Berlin in die Geschäfte am Hackeschen Markt und im Bikini-Haus, weil die bunten Kleidungsstücke auch Touristen anziehen.

Seelenverwandtschaft mit den Kundinnen

Der Name „Blutsgeschwister“ ist nicht unumstritten unter den Kundinnen. Er polarisiert, wie Sara Lemmens sagt. Das sei damals eine spontane Idee gewesen. Karin Ziegler wünschte sich so etwas wie Seelenverwandtschaft mit den Kundinnen. Sie dachte auch an Blutsbrüder, wie Karl-May-Leser sie kennen.

In einer Zeit, da die Branche heimgesucht wird von Hiobsbotschaften, von Insolvenzen, ist ihr der Erfolg treu geblieben. „Wir wachsen nicht über unsere Verhältnisse“, ist aus ihrer Sicht eine Erklärung dafür. Dass sie 2001 mit einem Online-Shop begonnen hat und zu den Pionieren des digitalen Modemarketings zählte, trägt wohl auch dazu bei. Das Lager befindet sich derzeit noch in der Nähe von München. Aber sie hofft, dass der Partner, mit dem sie zusammenarbeitet, in Brandenburg geeignete Räume findet: „Das wäre ein Traum“.

Zum langsamen Wachstum kommt die Strategie, dass man erst produzieren lässt, wenn die Bestellungen eingegangen sind, also Überschüsse, die dann doch nur vernichtet würden, möglichst vermeidet. Fertigen lässt sie in Indien und China. Wichtig sind für Ziegler faire Produktionsbedingungen, Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit. Gerade prüft sie, ob Portugal und Italien, wegen der einfacheren Erreichbarkeit, gute Produktionsländer wären.

Coole Mode, wie man sie in Berlin erwarten würde, will sie gar nicht unbedingt machen. Zwar gab es einen Umsatzsprung, als sie in den Läden nicht mehr Muster zu Muster kombinierte, sondern auch einfarbige Teile dazwischen schob. Ansonsten sollen sich „Frauen, die bei sich angekommen sind“, einfach wohlfühlen in ihrer bunt gemusterten Gute-Laune-Kleidung. Und der Erfolg gibt ihr recht: „Berlin ist grenzenlos.“

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