Von einer Anzeige gegen den Sohn bis zu Anschuldigungen gegen die Frau

Seite 2 von 2
Mord an Steuerberater in Berlin-Westend : Indizien sind da, doch die Beweise fehlen

Die Eltern des Opfers wollten nicht mit den Journalisten reden, aber sie wollten dringend etwas loswerden. Deshalb haben sie ein zweiseitiges Schreiben aufgesetzt, eine Pressemitteilung sozusagen, ihre Anwältin hat sie verschickt. Die Anschuldigungen darin klingen drastisch: Ingo W. sei von seiner Frau terrorisiert worden, sie habe „immer nur Geld gefordert“, um ein aufwendiges Leben führen zu können. Genau daran sei die Ehe zerbrochen.

Ingo W. zeigte seinen Sohn wegen Nötigung an

Doch Ingo W. war nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit den Söhnen zerstritten. Im Mai eskalierte die Situation: Nach einem Wortgefecht habe sich der Jüngere vor Ingo W.s Auto gestellt, um ihn am Wegfahren zu hindern. Der habe trotzdem Gas gegeben, dabei angeblich seinen Sohn gestreift. Die Polizei wurde gerufen. Ingo W. wandte sich ebenfalls an die Polizei – und zeigte den Sohn wegen Nötigung an.

Ingo W.s Eltern behaupten in ihrem Schreiben, ihr Sohn habe seine Kinder geliebt und gehofft, dass sich das Verhältnis zueinander bald wieder verbessern werde. Leider habe er sich nie mit ihnen aussprechen können: „Seine Ehefrau verhinderte wiederholt, dass ein Gespräch des Vaters mit seinen Söhnen ohne ihre Beteiligung stattfinden konnte.“

Zum Zeitpunkt des Mordes befanden sich drei Angestellte in der Kanzlei, allerdings im Nebenzimmer. Eine sagte anschließend vor der Polizei aus, sie habe nach den Schüssen einen jungen Mann flüchten sehen. Erkannt habe sie ihn aber nicht. Als die Polizei eine halbe Stunde nach der Tat an der Wohnung der W.s im Nachbarhaus klingelte, traf sie die Frau und beide Söhne an. Klaus Misch, der Hauswart, sah zu, wie die Söhne runter auf die Straße gebracht wurden und in den Streifenwagen stiegen.

Nach einem Tag wurden sie freigelassen, schon da hieß es: keine Beweise. Zudem bestehe keine Fluchtgefahr. Seither gleicht das Leben der Söhne in der Leistikowstraße einem Spießrutenlauf: Wenn sie einkaufen gehen oder wenn der Jüngere von der Mutter zum Cello-Unterricht gebracht wird, immer ist mindestens ein Fotograf zur Stelle.

Die Tatwaffe wird noch immer gesucht

Als seine Frau Ingo W. im Dezember 2011 aus der Wohnung warf, zog er in eine Gartenlaube. Das Grundstück befindet sich in der Kolonie Ruhwald, sechs Minuten Autofahrt von der Kanzlei entfernt. Parzelle 163. Es ist von einer hohen Hecke umgeben, nur das Eingangstor gewährt Durchblick. Gepflegt sieht es aus, eine riesige Grautanne überragt die Laube, eine Satellitenschüssel steht auf dem Dach. Vier Tage nach dem Mord ist die Polizei hier gewesen, sie hat die Tatwaffe gesucht, eine Neun-Millimeter-Pistole. Gefunden hat sie die Waffe bis heute nicht.

Schräg gegenüber von W.s Parzelle steht am Hang das Vereinshaus der Kolonie. Es gibt darin einen geräumigen Versammlungssaal mit Theke, Schallplatten hängen von der Decke. Im Nebenraum sitzt Christel Hübner, die Vereinsvorsitzende, hinter ihrem Schreibtisch. Sie hat das Opfer gut gekannt, Ingo W. war bei den Sitzungen anwesend, er hat geholfen, die neue Vereinssatzung auszuarbeiten. In den Monaten, in denen er hier wohnte, haben sie sich öfter getroffen, sie lud ihn zum Abendessen ein, es gab Eisbein. In seiner Laube waren sie nie. Das war doch eine Junggesellenwohnung, sagt sie und versucht ein Lachen. Eigentlich weint sie mehr.

Ingo W. - ein Mann, der Harmonie suchte

Was Ingo W. für ein Mensch war? Ein uneitler und bescheidener, sagt Christel Hübner. Einer, dem man wünschte, irgendwie glücklich zu sein. Ganz besonders aber einer, der Harmonie liebte. Ingo W. hat sich in den Schlichtungsausschuss des Vereins wählen lassen. Wenn zwei Mitglieder in Streit gerieten, etwa weil ein Baum das Grundstück des anderen in Schatten legte, konnten sie Ingo W. das Problem schildern, und dann haben sie gemeinsam nach einer Lösung gesucht. Chronisch überarbeitet war er übrigens auch, sagt Christel Hübner. Sie hat ihn oft mit aufgeschlagenen Akten in der Kolonie gesehen.

Im Juni ist er aus seiner Laube wieder ausgezogen. Er hatte eine neue Frau kennengelernt, und sie waren zufrieden, sagt Christel Hübner. Sie sagt auch, Ingo W. habe ihr Dinge über seine Ehefrau anvertraut, die sie nicht weitererzählen möchte. Weil sie nicht wisse, ob das im Sinne des Opfers wäre. Nur so viel: „Die hat ihn wirklich gequält.“

Das Gutachten, in das die Ermittler der fünften Mordkommission ihre Hoffnung gelegt hatten, sollte zeigen, ob sich an den Körpern oder der Kleidung der Söhne Schmauchspuren befanden. Die entstehen bei jedem Schuss, weil neben der Kugel immer auch eine Wolke mikroskopisch kleiner Partikel aus der Mündung gestoßen wird, Abfallprodukte der Verbrennung. Diese Partikel verteilen sich in der Umgebung und bleiben auch an demjenigen kleben, der die Waffe führt. Weil beide Söhne kurz nach der Tat festgenommen wurden, glaubte man, an ihnen eine Menge Partikel zu finden. Das war nicht der Fall – jedenfalls nicht in ausreichender Menge. Eine Boulevardzeitung vermeldete das Gerücht, es seien sehr wohl Teilchen gefunden worden, allerdings nicht nur bei einem Sohn, sondern gleich bei beiden und auch der Mutter. Die Polizei kommentiert das nicht.

Rund 100 Menschen werden jedes Jahr in Berlin von anderen Menschen getötet. Neun von zehn Fällen können aufgeklärt werden. Es könnte passieren, dass ausgerechnet ein Mord am helllichten Tag, an einem Ort mit Augenzeugen, erkennbar amateurhaft ausgeführt, niemals aufgeklärt wird. Es könnte sein, dass ausgerechnet ein mutmaßlicher Stümper mit seiner Tat durchkommt. Es wäre wirklich unvorstellbar.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

34 Kommentare

Neuester Kommentar