Muslimische Pflegebedürftige : Jede Blume braucht ihr eigenes Wasser

In Deutschland leben immer mehr muslimische Pflegebedürftige. Die Anbieter versuchen, mehr oder weniger auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ein Besuch in Spandau.

Floris Kiezebrink
Noch einmal das Mittelmeer sehen. Burhan Sengüler hat türkische Wurzeln und wohnt in dem Spandauer Pflegeheim.
Noch einmal das Mittelmeer sehen. Burhan Sengüler hat türkische Wurzeln und wohnt in dem Spandauer Pflegeheim.Foto: Mike Wolff

Murmelnd schlürft ein älterer Herr vorbei. Sein Blick ist starr auf den Boden gerichtet. In der Ecke schläft eine ältere Frau mit Kopftuch in einem Sessel. Plötzlich klingt ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer. Keine Reaktion. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Burhan Sengüler. Er sitzt entspannt auf einem Stuhl und schaut sich gerade eine türkische Sendung im Fernsehen an. Seit acht Jahren wohnt er in diesem Gebäude in Spandau, in dem der ambulante Pflegedienst Dosteli die Versorgung einer Demenz-WG übernommen hat. Hier wohnen ausschließlich Senioren mit türkischen Wurzeln.

Heute Abend gibt es „Güveç“, einen türkischen Eintopf. Der 72-Jährige freut sich besonders, denn er hat beim Gemüseschnippeln mitgeholfen. Dafür benutzt er ein spezielles Schneidebrett, mit dem er die Obst- oder Gemüsestücke fixieren kann. Das hilft ihm, weil er nur seine rechte Hand einsetzen kann. Seine linke Hand ist gelähmt. Trotzdem ist er immer gerne beim Kochen dabei. Es verbessert nicht nur seine Koordination, sondern erinnert ihn auch an seine Heimat.

Früher führte Sengüler in seiner Geburtsstadt Mersin – an der Südküste der Türkei – einen Herrenfriseurladen mit drei Mitarbeitern. Er liebt die Natur und geht oft ans Mittelmeer. Doch irgendwann packt den jungen Mann die Abenteuerlust. Er verkauft sein Geschäft und zieht 1975 ganz alleine nach Berlin. Deutschland und seine Kultur interessierten ihn schon länger, sagt er heute. Hier will er ein neues Leben aufbauen. 18 Jahre hat der ausgebildete Friseur als Hilfskraft in einer Berliner Druckerei gearbeitet. In dieser Zeit lernt er seine Frau kennen, bekommt mit ihr einen Sohn und zwei Töchter. Er führt ein glückliches Leben. Doch 1993 schlägt das Schicksal zu: Sengüler erleidet einen Schlaganfall. Wegen langjährigen Bluthochdrucks sind seine Blutgefäße so verengt, dass ein Blutgerinnsel eine Minderdurchblutung in der rechten Hirnhälfte verursacht. Die Folge: Seine linke Körperhälfte ist gelähmt.

Von einem Moment zum anderen war er auf Hilfe angewiesen

Wenn der weißhaarige Mann heute davon erzählt, lässt sich der tief sitzende Schmerz immer noch an seinen Augen ablesen. „Entschuldigung, dass ich das so sage, aber es ist einfach scheiße“, sagt er. „Es hat mein Leben komplett zerstört.“ Von einem Moment zum anderen war er auf Hilfe angewiesen. Viele Körperfunktionen musste er neu erlernen. Heute kann er mithilfe eines Gehstocks wieder alleine laufen. Auch das Sprechen hat sich verbessert. Trotzdem braucht er noch viel Unterstützung. Burhan Sengüler hat Pflegegrad 4.

Nach seiner Rehabilitation gab es keine andere Möglichkeit, als ins Pflegeheim zu ziehen. Er braucht rund um die Uhr Betreuung. „Natürlich vermisse ich meine Kinder, aber ich möchte nicht klagen“, sagt Sengüler. „Ich fühle mich wohl hier.“ Er gehört eher zu einer Minderheit, denn die meisten Muslime werden immer noch zu Hause von ihrer Familie umsorgt. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Angehörigen finden es eher beschämend, ein älteres Familienmitglied im Heim unterzubringen. Außerdem reicht das Geld oft nicht aus, um die hohen Eigenanteile aufzubringen.

Zwar zahlt die Pflegekasse jedem die gleichen Summen aus, doch sind die ehemaligen Gastarbeiter durchschnittlich ärmer und können sich trotz Versicherung oft keine Pflegekraft leisten. Und schließlich fehlten den Betroffenen häufig die Informationen über mögliche Pflegeangebote. „Wir versuchen, die türkischen Menschen zum Beispiel über Moscheen zu erreichen, nach dem Freitagsgebet“, sagt Safiye Ergün, die Geschäftsführerin des Pflegedienstes Dosteli. Zudem sei mehrsprachiges Informationsmaterial in Krankenhäusern oder hausärztlichen Praxen wichtig, um auch die pflegebedürftigen Muslime zu erreichen.

Laut einer Prognose des statistischen Landesamtes Berlin-Brandenburg wird sich die Zahl der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund bis 2020 im Vergleich zu 2017 fast verdoppeln, auf rund 140 000. Viele davon haben türkische Wurzeln. Sie kamen als Arbeitsmigranten, Studierende, Unternehmer, Aussiedler oder auch als Ehepartner hierher. Andere flüchteten vor Krieg und politischer Verfolgung. Häufig haben sie geplant, später wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren – und blieben dann doch. Unter ihnen sind viele pflegebedürftige Muslime. Auch bei ihnen lösen sich die traditionellen Familienstrukturen zunehmend auf. Immer häufiger können Familienangehörige etwa aufgrund ihrer Arbeit, der Wohnumstände oder physischen und psychischen Belastbarkeit ihre Verwandten nicht mehr pflegen.

Die Sensibilität sollte sich in der Praxis niederschlagen

Was bedeutet das für die Pflege? Auf diese Frage hatte Dosteli-Geschäftsführerin Safiye Ergün schon vor acht Jahren eine Antwort: „Kultursensible Pflege wird immer wichtiger.“ Die türkische Muslima arbeitete damals als Altenpflegerin für die Caritas, den Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche. Sie erkannte mehrere Defizite in der Pflege von Muslimen und gründete deshalb 2011 mit ihrem Partner Jan Basche den Pflegedienst Dosteli. Ihr Ziel: eine optimale kultursensible Pflege anzustreben, die einen großen Wert auf die religiösen Bedürfnisse der Bewohner legt. „Es reicht nicht, sich der Unterschiede bewusst zu sein“, sagt Ergün. „Die Sensibilität sollte sich immer in der Praxis niederschlagen“. Sie benutze deswegen lieber den Begriff „kulturkompetente Pflege.“ Nahezu alle ihrer Mitarbeiter sprechen türkisch und deutsch und kennen sich mit muslimischen Gepflogenheiten aus. Sie reinigen die Körper der Pflegebedürftigen immer unter fließendem Wasser und bereiten nur Speisen zu, die „halal“ sind, also den Reinheitsregeln des Islam entsprechen. „Die Reinigung des Körpers ist ein sehr sensibler Bereich“, sagt Ergün. „Für Muslime ist es zum Beispiel üblich, die Achsel- und Intimbehaarung zu rasieren“. Wenn sie sich die Haare nicht mehr selbst entfernen können, darf nur eine Pflegekraft gleichen Geschlechts ihnen dabei helfen. Die Reinigung des Körpers stellt einen rituellen Akt dar und ist ein Symbol innerer Reinheit.

Die Pflegekräfte von Dosteli unterstützen ältere Muslime auch bei der Ausübung ihres Glaubens, etwa bei der Einhaltung der Gebetszeiten, dem Feiern der Festtage und der Einnahme der Gebetshaltung. Pflegebedürftige Muslime sind nicht mehr in der Lage, alle Vorschriften des Korans zu befolgen, obwohl sie das gern möchten. Dann brauchen sie auch psychische Betreuung. Zudem komme es vor, dass chronisch kranke Muslime eine der insgesamt fünf Säulen – die wichtigsten Regeln des Islams – nicht mehr befolgen könnten. „Meistens können sie entweder das Gebet oder das Fasten nicht mehr ausüben, manchmal auch beides nicht“, erklärt Ergün. Dann sei von den Pflegenden viel Feingefühl gefragt. Ergün sagt, es sei von großem Vorteil, wenn ältere Menschen und ihre Pfleger aus dem gleichen Kulturkreis kommen. „Die Integration der ersten Generation der Zuwanderer ist schon gescheitert und nun ist es für sie zu spät, sich kulturell umzustellen“, sagt Ergün. „Jetzt ist es essenziell, den Lebensabend für sie möglichst angenehm zu gestalten.“ Auch wenn das heißen würde, dass die türkischen Gepflegten, so wie Burhan Sengüler, nur mit türkischen Bewohnern zusammenlebten und eine Pflege auf Türkisch erhielten.

Das Grundwissen muss schon in der Ausbildung vermittelt werden

Mittlerweile gibt es schon mehrere ambulante Pflegedienste, die ihre Angebote spezifisch auf die muslimischen Migranten zuschneiden. „Interkulturell ausgerichtete Einrichtungen der Tagespflege existieren in Berlin jedoch leider noch zu wenig“, sagt Nadia Nagie. Sie vertritt das Kompetenz-Zentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe (kom.zen) als Mitglied im Landesseniorenbeirat Berlin (LSBB) und ist dort Fachsprecherin für das Thema Migration. Das kom.zen berät vor allem Politik, Verwaltung und Einrichtungen zum Thema interkulturelle Öffnung und kultursensible Pflege. „Wir sehen, dass es neben den häufig auf eine Zielgruppe ausgerichteten monokulturellen Pflegediensten Bedarf gibt, vermehrt auch interkulturelle Angebote vorzuhalten, gerade im Bereich der Tagespflege“, sagt Nagie. „Diese werden künftig wichtig.“ Doch es funktioniere nur, wenn Pflegekräfte „eine kultursensible Qualifikation“ erwerben könnten, wenn bereits in der Ausbildung der Fachkräfte ein Grundwissen für eine kultursensible Pflege vermittelt werde. Das Handbuch für eine kultursensible Altenpflegeausbildung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend enthalte schon gute Richtlinien, sagt die Fachsprecherin. Dennoch sollten die Pfleger jede Pflegebedürftige auch immer individuell betrachten. „Jede Blume braucht ihr eigenes Wasser.“

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Und nicht nur die Pfleger, sondern auch die Qualitätsprüfer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) oder der Heimaufsicht sollten verbindlich interkulturell, religions- und diversitätssensibel qualifiziert sein. „Sie berücksichtigen diese Ansätze in ihren Prüfprotokollen leider zu wenig“, sagt Nagie. Doch inzwischen begleiten zwölf sogenannte „Interkulturelle BrückenbauerInnen in der Pflege (IBIP)“ die Pflegeberatung von acht Pflegestützpunkten und auf Anfrage auch die Pflegebegutachtung durch den MDK in sprach- und kulturmittelnder Funktion. „Dieser Ansatz erweist sich als sehr erfolgreich, um die Zielgruppe der älteren Migranten besser zu erreichen“, sagt Nagie.

Einen islamischen Wohlfahrtsverband als Pflegeanbieter, ähnlich der Diakonie oder der Caritas, die christliche Werte hochhalten, gibt es noch nicht – obwohl sich viele Muslime genau das wünschen. „Ein solcher Wohlfahrtsverband als Zusammenschluss islamischer Dachverbände befindet sich auf Bundesebene in der Gründungsphase“, sagt Nagie. Viele andere Wohlfahrtsverbände hätten ihre Unterstützung für dieses Projekt zugesagt.

Für Burhan Sengüler spielen diese politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen keine Rolle. Er möchte nur die letzten Jahre seines Lebens in Ruhe verbringen und regelmäßig beim Kochen helfen. Ihm gefällt die Heimatatmosphäre in der türkisch-muslimischen WG. Trotzdem hofft er, irgendwann in seine Geburtsstadt Mersin zurückzukehren. Sei es nur, um noch einmal den Mittelmeerwind zu spüren.

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