Das Immunsystem kann überschießen und sich gegen den Körper richten

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Myokarditis : Die unterschätzte Gefahr
Claudia Füssler
Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: Imago
Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: ImagoFoto: imago/Science Photo Library

Bei der Herzmuskelentzündung liegen zwei Schädigungsmuster vor. Das eine ist die Toxizität der Viren, die selbst Herz- und Gefäßzellen zerstören können. Das andere besteht darin, dass das Immunsystem beim Abwehrversuch dieser Viren so stark reagiert, dass Herzzellen untergehen oder das Immunsystem das Herz weiter angreift, obwohl das Virus bereits eliminiert wurde. Dieses zweite Schädigungsmuster betrifft etwa 80 Prozent der Fälle. Theoretisch müssen die Mediziner jetzt die Überreaktion des Immunsystems mithilfe von Immunsuppressiva stoppen. „Allerdings müssen wir vorher wissen, ob das Virus noch da ist, denn in diesem Fall wollen wir das Immunsystem natürlich nicht runterfahren“, sagt Tschöpe.

Um eine Herzmuskelentzündung sicher diagnostizieren zu können, muss über eine kleine Zange Gewebe des Herzmuskels entnommen werden. Das ist einfach und leicht am wachen Patienten möglich. An Zentren wie dem Europäischen High-Volume-Spezialzentrum für entzündliche Herzmuskelerkrankungen am Virchow-Klinikum ist es täglich Routine. Derzeit debattieren Experten der wenigen deutschen Zentren, die sich auf solche Gewebeproben spezialisiert haben, darüber, wann der richtige Zeitpunkt zum Eingriff ist. Ist der Herzmuskel nur gering eingeschränkt, besteht noch Hoffnung auf Selbstheilung. Die Mediziner setzen auf Zeit und begleiten mit einer symptomatischen Therapie. Erst wenn nach zwei, drei Monaten das Problem nicht zufriedenstellend gelöst ist, wird eine Gewebeprobe entnommen und eine spezifische antiinflammatorische Therapie besprochen.

Die Magnetresonanztomografie spielt eine wichtige Rolle

Allerdings: „Läuft die Pumpe nach zwei, drei Monaten nicht von alleine wieder richtig, kann in der Zwischenzeit schon so viel kaputtgegangen sein, dass wir vielleicht zu spät sind und bei einer früheren Probenentnahme mehr Therapieoptionen gehabt hätten“, erklärt Tschöpe. „Deshalb erwägen wir, im Einzelfall früher Gewebeproben zu entnehmen, etwa wenn der Patient instabil wird oder wir in der Magnetresonanztomografie (MRT) eine beginnende Narbenentwicklung sehen. Dann wollen wir nicht warten.“ In der akuten Phase ist eine Herzmuskelentzündung auch im MRT erkennbar, Wasser im Herzmuskel deutet auf eine Entzündung hin. Allerdings kann sie auf niedrigem Level auch unsichtbar sein. Bei unauffälligem MRT und Symptomen, die auf eine Herzmuskelentzündung hinweisen, ist eine Biopsie die einzige Möglichkeit der Diagnose.

Der Goldstandard in der Therapie einer Herzmuskelentzündung ist körperliche Schonung, dazu kein Alkohol und kein Nikotin. Je nach Schwere der Myokarditis können auch Medikamente, die das angreifende Immunsystem abschwächen, oder antivirale Mittel zum Einsatz kommen. Die Heilungschancen sind abhängig von der Ursache. Die von Viren ausgelösten Herzmuskelentzündungen gehen für viele glimpflich aus. Häufig werden sie nicht registriert, und selbst dann, wenn die Erkrankung diagnostiziert und der Verlauf schwerer ist, stehen die Chancen auf eine vollständige Heilung verhältnismäßig gut. Wichtig ist, dass der Herzrhythmus regelmäßig kontrolliert wird. Bei einigen Patienten verschlechtert sich die Herzleistung dauerhaft, in seltenen Fällen kann auch eine Herztransplantation nötig werden.

Kardiologe Tschöpe glaubt: Auch Gene spielen eine Rolle

Warum bekommt der eine nach einer Grippe eine Herzmuskelentzündung und der andere nicht? Diese Frage können Mediziner bislang nicht eindeutig beantworten. Es könnte sein, dass der von der Entzündung betroffene Patient einen besonders aggressiven Virenstamm erwischt hat. Auch die Grundkonstitution – liegen bereits Erkrankungen vor? – kann eine Rolle spielen. „Es ist noch nicht bewiesen, aber wir glauben, dass es auch mit der Genetik zu tun hat“, sagt Kardiologe Tschöpe. „Es gibt einige Myokarditis-Familien, die haben alle den gleichen Gendefekt im Immunsystem.“

Generell können alle Erreger, die im Körper zu einem Infekt führen, auch eine Herzmuskelentzündung auslösen. Mit jedem Infekt weniger, den man bekommt, sinkt also auch das Risiko, an einer Myokarditis zu erkranken. Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung, ausgewogener Ernährung, Verzicht auf Nikotin und geringem Alkoholkonsum können dazu beitragen, dass der Körper weniger infektanfällig ist und sich im Ernstfall besser zu wehren weiß. Auch ein möglichst geringes Stresslevel und – wenn das nur schwer möglich ist – genügend Erholungspausen sind wichtig. Gegen viele durch Viren ausgelöste Infektionen wie Grippe, Masern oder Hepatitis kann man sich impfen lassen.

Für jeden Infekt gilt: kein Sport. Auch nicht die kurze Joggingrunde. Und nicht nur, bis der Infekt überstanden ist, sondern auch noch bis zu vier Wochen danach. Das mag für sportbegeisterte Ohren viel klingen. Aber was sind schon ein paar Wochen Trainingspause gegen ein lebenslang schwaches Herz?

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