Myokarditis : Die unterschätzte Gefahr

In Deutschland grassiert eine Grippewelle. Was viele nicht wissen: Die Viren können auch eine Herzmuskelentzündung auslösen. Eine sogenannte Myokarditis verläuft häufig harmlos, bei manchen Patienten aber schwer. Besonders Sportler sollten aufpassen.

Claudia Füssler
Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: Imago
Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: ImagoFoto: imago/Science Photo Library

Beim Treppensteigen reicht die Luft nur bis zur zweiten Etage, der Weg vom Bahnhof wird zum Langstreckenlauf, ohne Nickerchen wäre der Tag kaum zu überstehen: Atemnot, körperliche Schwäche und extreme Müdigkeit können Anzeichen einer Herzmuskelentzündung sein. Und genau das macht die Myokarditis tückisch. Alle Symptome können auch bei anderen Erkrankungen auftauchen, viele Betroffene schreiben sie auch schlicht Stress zu. Eine Herzmuskelentzündung wird daher oft übersehen. Das geht in den meisten Fällen gut aus, doch eine schwere Myokarditis kann tödlich sein.

Typischer Auslöser einer Herzmuskelentzündung ist ein grippaler Infekt. Fieber, Kopfschmerzen, Schnupfen und Gliederschmerzen zwingen den Patienten Tage oder gar Wochen ins Bett. Das Immunsystem reagiert auf die häufigsten Verursacher der Herzmuskelentzündung: Viren. Vor allem Enteroviren sind als Auslöser bekannt, dazu zählen das Poliovirus und Coxsackie-Viren. Letztere werden besonders oft mit einer Myokarditis in Verbindung gebracht. Weitaus seltener gehen Herzmuskelentzündungen auf Bakterien, Pilze oder Parasiten zurück.

Es gibt Patienten, die kommen ein halbes Jahr nach einem überstandenen Infekt zum Arzt, weil sie feststellen, dass sie „irgendwie immer noch nicht richtig fit“ sind. „Auch, wenn das Herz in Ruhe zwickt, ist ein Besuch beim Kardiologen ratsam“, sagt Carsten Tschöpe, Stellvertretender Direktor der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie am Charité Virchow-Klinikum. „Das ist ein wichtiger Unterschied zum Herzinfarkt, da zeigt sich der Schmerz unter Belastung.“ Andere stellen schon früh fest, dass sich zu den Erkältungssymptomen plötzlich Brustschmerz, Atemnot, ein stolperndes Herz gesellen. Auch hier gilt: ab zum Arzt. Denn wer mit einer – auch leichten – Herzmuskelentzündung den gewohnten Alltag wiederaufnimmt und vielleicht sogar Sport treibt, schadet seinem Herzen. Jede Form von Anstrengung sollte bei einer Myokarditis vermieden werden.

Bei zehn bis 20 Prozent aller Betroffenen verläuft die Myokarditis nicht harmlos

„Wir gehen davon aus, dass wahrscheinlich jeder Mensch im Laufe seines Lebens mal eine leichte Herzmuskelentzündung im Rahmen einer Begleitreaktion einer Grippe mitmacht“, erklärt Tschöpe. In etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle heilt sie nach überstandener Grippe aus. Die zehn bis 20 Prozent, bei denen die Selbstheilungskräfte nicht ausreichen, landen im Krankenhaus. Hierbei liegen dann meist spezifisch das Herz befallende Viren wie das Coxsackie­Virus oder Adenoviren vor, die das Immunsystem oft nicht optimal abwehren kann.

Diese Fälle lassen sich in drei Kategorien einteilen. Die Patienten mit einer leichten Entzündung und noch stabiler Herzfunktion stehen drei Monate unter Beobachtung, bekommen herzentlastende Medikamente, sind krankgeschrieben, haben strenges Sportverbot. „Die Chancen stehen gut, dass die Entzündung dann ohne Folgeschäden ausheilt“, sagt Tschöpe. Patienten, deren Herzmuskel durch die Entzündung bereits schwer geschädigt ist, haben eine etwa 30-prozentige Chance, dass es der Körper noch schafft, sich zu regenerieren und die Schäden ausheilen. Bei einem Drittel bleiben die Schäden bestehen, bei einem weiteren Drittel verschlimmern sie sich. Die dritte Kategorie sind Patienten, bei denen die Schädigung so weit fortgeschritten ist, dass sie im Schockzustand in die Klinik eingeliefert werden. „Hier kann nur sofortiges Handeln das Leben des Patienten vielleicht noch retten“, sagt Tschöpe.

Welches Risiko eine nicht erkannte Herzmuskelentzündung bergen kann, sieht man vor allem im Sport: Immer wieder sterben junge Sportler, weil sie nach einem grippalen Infekt oder einer hartnäckigen Erkältung zu früh mit dem Training begonnen und ein durch eine Myokarditis geschädigtes Herz überfordert haben. Davon können sowohl Hobby- als auch Leistungssportler betroffen sein, Studien legen allerdings nahe, dass das Risiko bei Leistungssportlern noch höher liegt.

Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: Imago
Verräterisch. Hat man selbst im Ruhezustand Probleme mit dem Herzen, kann das ein Hinweis auf eine Myokarditis sein. Foto: ImagoFoto: imago/Science Photo Library

Bei der Herzmuskelentzündung liegen zwei Schädigungsmuster vor. Das eine ist die Toxizität der Viren, die selbst Herz- und Gefäßzellen zerstören können. Das andere besteht darin, dass das Immunsystem beim Abwehrversuch dieser Viren so stark reagiert, dass Herzzellen untergehen oder das Immunsystem das Herz weiter angreift, obwohl das Virus bereits eliminiert wurde. Dieses zweite Schädigungsmuster betrifft etwa 80 Prozent der Fälle. Theoretisch müssen die Mediziner jetzt die Überreaktion des Immunsystems mithilfe von Immunsuppressiva stoppen. „Allerdings müssen wir vorher wissen, ob das Virus noch da ist, denn in diesem Fall wollen wir das Immunsystem natürlich nicht runterfahren“, sagt Tschöpe.

Um eine Herzmuskelentzündung sicher diagnostizieren zu können, muss über eine kleine Zange Gewebe des Herzmuskels entnommen werden. Das ist einfach und leicht am wachen Patienten möglich. An Zentren wie dem Europäischen High-Volume-Spezialzentrum für entzündliche Herzmuskelerkrankungen am Virchow-Klinikum ist es täglich Routine. Derzeit debattieren Experten der wenigen deutschen Zentren, die sich auf solche Gewebeproben spezialisiert haben, darüber, wann der richtige Zeitpunkt zum Eingriff ist. Ist der Herzmuskel nur gering eingeschränkt, besteht noch Hoffnung auf Selbstheilung. Die Mediziner setzen auf Zeit und begleiten mit einer symptomatischen Therapie. Erst wenn nach zwei, drei Monaten das Problem nicht zufriedenstellend gelöst ist, wird eine Gewebeprobe entnommen und eine spezifische antiinflammatorische Therapie besprochen.

Die Magnetresonanztomografie spielt eine wichtige Rolle

Allerdings: „Läuft die Pumpe nach zwei, drei Monaten nicht von alleine wieder richtig, kann in der Zwischenzeit schon so viel kaputtgegangen sein, dass wir vielleicht zu spät sind und bei einer früheren Probenentnahme mehr Therapieoptionen gehabt hätten“, erklärt Tschöpe. „Deshalb erwägen wir, im Einzelfall früher Gewebeproben zu entnehmen, etwa wenn der Patient instabil wird oder wir in der Magnetresonanztomografie (MRT) eine beginnende Narbenentwicklung sehen. Dann wollen wir nicht warten.“ In der akuten Phase ist eine Herzmuskelentzündung auch im MRT erkennbar, Wasser im Herzmuskel deutet auf eine Entzündung hin. Allerdings kann sie auf niedrigem Level auch unsichtbar sein. Bei unauffälligem MRT und Symptomen, die auf eine Herzmuskelentzündung hinweisen, ist eine Biopsie die einzige Möglichkeit der Diagnose.

Der Goldstandard in der Therapie einer Herzmuskelentzündung ist körperliche Schonung, dazu kein Alkohol und kein Nikotin. Je nach Schwere der Myokarditis können auch Medikamente, die das angreifende Immunsystem abschwächen, oder antivirale Mittel zum Einsatz kommen. Die Heilungschancen sind abhängig von der Ursache. Die von Viren ausgelösten Herzmuskelentzündungen gehen für viele glimpflich aus. Häufig werden sie nicht registriert, und selbst dann, wenn die Erkrankung diagnostiziert und der Verlauf schwerer ist, stehen die Chancen auf eine vollständige Heilung verhältnismäßig gut. Wichtig ist, dass der Herzrhythmus regelmäßig kontrolliert wird. Bei einigen Patienten verschlechtert sich die Herzleistung dauerhaft, in seltenen Fällen kann auch eine Herztransplantation nötig werden.

Kardiologe Tschöpe glaubt: Auch Gene spielen eine Rolle

Warum bekommt der eine nach einer Grippe eine Herzmuskelentzündung und der andere nicht? Diese Frage können Mediziner bislang nicht eindeutig beantworten. Es könnte sein, dass der von der Entzündung betroffene Patient einen besonders aggressiven Virenstamm erwischt hat. Auch die Grundkonstitution – liegen bereits Erkrankungen vor? – kann eine Rolle spielen. „Es ist noch nicht bewiesen, aber wir glauben, dass es auch mit der Genetik zu tun hat“, sagt Kardiologe Tschöpe. „Es gibt einige Myokarditis-Familien, die haben alle den gleichen Gendefekt im Immunsystem.“

Generell können alle Erreger, die im Körper zu einem Infekt führen, auch eine Herzmuskelentzündung auslösen. Mit jedem Infekt weniger, den man bekommt, sinkt also auch das Risiko, an einer Myokarditis zu erkranken. Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung, ausgewogener Ernährung, Verzicht auf Nikotin und geringem Alkoholkonsum können dazu beitragen, dass der Körper weniger infektanfällig ist und sich im Ernstfall besser zu wehren weiß. Auch ein möglichst geringes Stresslevel und – wenn das nur schwer möglich ist – genügend Erholungspausen sind wichtig. Gegen viele durch Viren ausgelöste Infektionen wie Grippe, Masern oder Hepatitis kann man sich impfen lassen.

Für jeden Infekt gilt: kein Sport. Auch nicht die kurze Joggingrunde. Und nicht nur, bis der Infekt überstanden ist, sondern auch noch bis zu vier Wochen danach. Das mag für sportbegeisterte Ohren viel klingen. Aber was sind schon ein paar Wochen Trainingspause gegen ein lebenslang schwaches Herz?

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