Nach Beschwerden von Nachbarn : Ordnungsamt räumt Wohnungslosencamp

Am Freitag räumte das Ordnungsamt ein Camp von Wohnungslosen vor der St.-Thomas-Kirche am Mariannenplatz. Es hatte Beschwerden aus der Nachbarschaft gegeben.

Anima Müller
Das Ordnungsamt hat am Freitagvormittag die Zelte auf dem Rasenstück am Mariannenplatz vor der St.-Thomas-Kirche geräumt.
Das Ordnungsamt hat am Freitagvormittag die Zelte auf dem Rasenstück am Mariannenplatz vor der St.-Thomas-Kirche geräumt.Foto: Anima Müller

“Wo sollen die Leute hin?” ruft der Mann mit grauem Pulli und Gürteltasche. Er gestikuliert aufgebracht, zeigt auf die Zelte vor der St.-Thomas-Kirche, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ordnungsamts nacheinander abbauen. Auch ihm gehört eins davon. Der Leiter des Amts für Soziales, Horst-Dietrich Elvers, versucht, ihn zu beruhigen: Es gebe Möglichkeiten, er solle ins Sozialamt kommen. Aber daran glaubt der Wohnungslose nicht.

Es ist Freitag, 10 Uhr morgens. Das Ordnungsamt räumt das Rasenstück am Mariannenplatz, auf dem in den vergangenen Monaten Obdachlose ihre Zelte aufgestellt haben. Manche bauen ihre Zelte selbst ab, zurückbleibende werden vom Ordnungsamt in einen Mülltransporter geworfen. Immer mehr seien es geworden, Nachbarn hätten sich beschwert. Auch Touristen, die glaubten, die Fläche sei ein Campingplatz, hätten sich mit ihren Zelten dazu gesellt.

Bei dem Streifen handelt es sich um eine öffentliche Grünanlage, für die das Grünflächenamt zuständig ist. Laut Bezirksamt stand der Termin für die Räumung seit zwei Wochen fest. Erst im April wurden am Mariannenplatz im Vorfeld zu den Feierlichkeiten am 1. Mai zwei sogenannte “Tiny Houses” geräumt und zerstört. Die Obdachlosen, die darin lebten, wohnen wieder auf der Straße.

Um die Räumung im Vorhinein an die Betroffenen zu kommunizieren, setzte das Bezirksamt einen Sozialarbeiter des Diakonischen Werks Stadtmitte ein. Das Diakonische Werk sagte dem Tagesspiegel, in den vergangenen 14 Tagen alle Bewohner in Gesprächen über die anstehende Räumung und alternative Unterkünfte mehrfach informiert zu haben. Keiner der Obdachlosen hätte eines der Angebote angenommen. Am Mittwochmorgen seien Zettel an jedes einzelne Zelt angebracht worden, auf dem das Datum der Räumung bekannt gegeben wurde.

Vor einigen Monaten hatten die Zelte noch direkt an der Mauer der St.-Thomas-Kirche gestanden. Nachdem die Fläche jedoch verschmutzt war und Teile der Kirchenmauern durch Brandstiftung zerstört wurden, kontaktierte die Kirche das Ordnungsamt. “Wir vertreiben die Obdachlosen nicht, aber wenn Straftaten begangen werden, schalten wir zuständige Stellen ein”, sagt Pfarrer Meichsner aus der St.-Thomas-Kirche dem Tagesspiegel. Man setze sich allerdings für die Menschen ein, zum Beispiel biete die Kirche im Café Krause kostenloses Essen für Wohnungslose an.

Viele wissen nicht, wohin

Auch ein Sprecher der Gruppe von Obdachlosen, die vor dem U Bahnhof Lichtenberg leben, war vor Ort. Die Gruppe setzt auf Dialog, sprach bereits unter anderem mit dem Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) und schlug alternative Flächen vor, auf denen Obdachlose leben könnten.

Da viele der Betroffenen vor dem Mariannenplatz kein Deutsch sprechen, half er bei Übersetzungen aus dem Polnischen. “Die Leute sagen, man solle sie gleich nach Auschwitz bringen”, sagt er dem Tagesspiegel. Es habe Verständnisschwierigkeiten gegeben, nicht alle hätten von der Räumung gewusst. Die kurze Zeit sei für viele nicht ausreichend gewesen, um einen neuen Unterschlupf zu finden. “Wenn man sich jeden Tag fragt, wie man überlebt, kann man nur schwer an langfristige Ziele denken”, sagt er.

Die Obdachlosen können sich von der Karuna Sub-Buslinie zu einem Ort ihrer Wahl fahren lassen - viele wissen aber nicht, wo sie hinsollen. Lutz Müller-Bohlen, Leiter der Buslinie, bedauert, dass nun ein Sozialgefüge auseinandergerissen wird. “Es wäre gut gewesen, wenn sich die verschiedenen Akteure noch einmal getroffen hätten”, sagt er dem Tagesspiegel. Karuna habe sich in den letzten 14 Tagen von Gesprächen mit den Wohnungslosen bewusst zurückgezogen, da das Diakonische Werk beauftragt worden war. Dennoch kennen die Sozialarbeiter des Vereins viele von ihnen gut. 

Bezirke sind überfordert

Oliver Nöll, Fraktionsvorsitzender der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg, beobachtete die Räumung. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte er, dass die Linke die Räumung nicht begrüße. Es hätte einen Kompromiss gegeben, die Zelte auf der Grünfläche zu dulden und das Gelände ein mal pro Woche zu säubern - dieser Vorschlag sei vom Bezirksamt jedoch abgelehnt worden. “Solch ein rabiates Vorgehen ist unnötig”, sagt Nöll.

Auch die Abgeordnete und Sprecherin für Sozial- und Pflegepolitik Fatoş Topaç (Grüne) bedauerte die Räumung. Man sei mehr als bemüht, gute Lösungen zu erarbeiten. Allerdings seien die Bezirke überfordert damit, dass sich bestimmte Menschen - bei Sucht oder psychischen Erkrankungen - auch durch soziale Arbeit nicht erreichen ließen. “Wir brauchen hier eine gesamtstädtische Lösung, die Bezirke allein können das nicht leisten”, sagt sie dem Tagesspiegel. Wichtig wären unter anderem ganzjährige Unterkunftsplätze.

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