Hufeisensiedlung - Von Mietern zu Eigentümern

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Nach der Privatisierung : Was aus den landeseigenen Wohnungen wurde
Die Hufeisensiedlung war einst für Arbeiter gedacht. Doch die können es sich kaum noch leisten dort zu wohnen.
Die Hufeisensiedlung war einst für Arbeiter gedacht. Doch die können es sich kaum noch leisten dort zu wohnen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Hufeisensiedlung - Von Mietern zu Eigentümern. Die einstige Arbeitersiedlung ist längst nicht mehr für Geringverdiener erschwinglich.

Einmal Britz, immer Britz. Marie Louise Jenschke ist in der Hufeisensiedlung aufgewachsen, hatte ihr Zimmer unterm Dachgiebel des Reihenhauses, zog als Neunjährige mit ihrer Bande durch die Straßen und feierte als Jugendliche in der Disco „Rock it“ mit ihren Freunden. Ihr Umzug nach Kreuzberg blieb eine Episode. Seit 2003 lebt sie wieder hier, in der Nachbarschaft ihrer Eltern.

Die im Jahre 1924 gegründete „Gemeinnützige Heimstätten-, Bau- und Spar-AG“ – später die Gemeinnützige Heimstätten-Aktiengesellschaft (GEHAG) GmbH – hat die Hufeisensiedlung zwischen 1925 und 1933 gebaut. Architekt Bruno Taut und der spätere Stadtbaurat Martin Wagner wollten in Neukölln Wohnungen für Arbeiter schaffen nach den Grundsätzen der Moderne mit Licht, Luft und viel freiem Raum. So entstanden um die 2000 Wohnungen in mehrgeschossigen, zu einem großen Hufeisen rund um einen grünen Innenhof gruppierten Wohnhäusern. Sie standen im Eigentum der GEHAG, bis der Senat die landeseigene Firma verkaufte. Die Deutsche Wohnen bot die Reihenhäuser schließlich zum Verkauf an.

„Wenn die Siedlung in städtischem Eigentum geblieben wäre, wären die Häuser wohl leistbarer“, sagt Marie Louise Jenschke. Sie hatte noch Glück, kaufte vor dem ganz großen Preisanstieg. Sie hatte damals von einer Dame aus der Nachbarschaft gehört, die ausziehen wolle. Die beiden sprachen sich ab, boten der vom Konzern beauftragten Maklerin den Kauf an. Aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Denn die Preise seien explodiert: „An die 600 000 Euro“ hätten neue Nachbarn zuletzt bezahlt. Ein stolzer Preis für die neun Meter tiefen, 120 Quadratmeter kleinen Häuser in nicht gerade zentraler Lage.

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Als Jenschke mit den Eltern 1979 herzog, verbrachten sie die Sommerferien mit der Renovierung des Hauses. Die Familie zahlte damals eine bescheidene Miete – „und die änderte sich so gut wie nicht, jahrzehntelang“.

Den Denkmalschutz habe die landeseigene Firma immer sehr ernst genommen: Umbauten seien nicht erlaubt gewesen. Die Hufeisensiedlung ist Weltkulturerbe. Seit die Privaten das Quartier übernommen haben, sei das eine oder andere Holzfenster durch moderne aus Thermopen ausgetauscht worden. Doch die meisten seien wegen der Ästhetik der klassischen Moderne hergezogen und gingen mit ihrem Denkmal pfleglich um.

Seit der Privatisierung sind auch die Mieten stetig gestiegen. Das habe wohl auch ältere Mieter veranlasst, auszuziehen. Zumal die engen Häuser ohne Aufzug und mit einem einzigen Bad im ersten Stock nicht wirklich altersgerecht sind. In eine dieser Wohnungen ist Jenschkes Bruder gezogen. „Dörflich“ geht es in der Siedlung zu, sagt Marie Louise Jenschke, man kennt sich.

Dass sich die meisten Arbeiter die Hufeisensiedlung nicht mehr leisten können, hängt sicher auch mit der Privatisierung zusammen. Allerdings waren schon bei der Fertigstellung Anfang der 1930er Jahre die Kosten der Mustersiedlung höher als geplant. Vor allem Vorarbeiter, Angestellte und Beamte konnten sich die kleinen, aber feinen Eigenheime leisten. Die Arbeiter zogen in die Mehrfamilienhäuser nebenan.

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