Nach Schüssen im Dom : Tödliche Lücke zwischen Pfefferspray und Pistole

Vor dem polizeilichen Einsatz von Tasern gibt es noch eine juristische Hürde. Bernd Matthies sieht darin ein zentrales Versäumnis der Berliner Innenpolitik.

Polizisten waren da - doch statt Taser hatten sie Schusswaffen und Pfefferspray.
Polizisten waren da - doch statt Taser hatten sie Schusswaffen und Pfefferspray.Foto: Paul Zinken/dpa

In der perfekten Welt liefe das so: Der Schurke, egal ob berechnend oder einfach nur verwirrt, fuchtelt mit dem Messer. Die heraneilenden Polizisten nehmen Maß, einer tritt vor und holt aus zu einem Roundhouse-Kick à la Chuck Norris, zack, Schurke platt.

So läuft es im Film, aber für reale Streifenpolizisten ist es schlicht nicht so einfach, Messermänner dominant zu überwältigen. Stattdessen ziehen sie sich zurück wie jeder normale Passant, warnen mit lauten Rufen, und wenn der Fuchtelnde sich dann noch immer weigert, das Fuchteln einzustellen, pusten sie erst ein bisschen Pfefferspray oder Reizgas in den Wind. Dann machen sie, wie es so unschön heißt, von der Schusswaffe Gebrauch. Und da ein gezielter Schuss in Arm oder Bein gar nicht so einfach zu setzen ist, wenn das Ziel wild durch die Gegend springt, wird mehrmals geschossen. Die Folge diesmal: Der durchgedrehte Österreicher aus dem Dom liegt im Koma, ein Polizist erlitt einen Streifschuss.

Es gibt kaum Zweifel daran, dass das Notwehr und also legitim war. Dennoch muss sich die Politik – nicht die Polizei! – fragen lassen, warum sie die riesige und im Zweifelsfall tödliche Lücke zwischen Pfefferspray und Pistole klaffen lässt. Denn diese Lücke füllt der Taser, die bewährte Hochspannungswaffe, die Angreifer ausschaltet, aber nicht tötet. Genau 20 Stück davon hat die Berliner Polizei, beschafft im Rahmen eines Versuchs. Sie gelten rechtlich als Schusswaffe, nicht als Hilfsmittel wie Pfefferspray – eine juristische Hürde, die Berlin exklusiv hat.

Das machen unsere Innenpolitiker gern so. Da sich die jeweiligen Koalitionäre immer uneins sind und die SPD-Abgeordneten ohnehin schon drei oder vier unterschiedliche Meinungen haben, startet man notgedrungen einen Versuch, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass er garantiert scheitert. Gegen diesen organisierten Starrsinn wäre vermutlich sogar Chuck Norris hilflos.

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