• Nach tödlichem Fahrradunfall in Schöneberg: Verkehrsverwaltung will mehr Platz für Radfahrer schaffen

Nach tödlichem Fahrradunfall in Schöneberg : Verkehrsverwaltung will mehr Platz für Radfahrer schaffen

Am Mittwoch hat sich Verkehrssenatorin Günther den Unfallort in Berlin angesehen. Sie kündigte an, sich für Abbiegeassistenten in Lkws einzusetzen, um das Unfallrisiko zu verringern.

An der Unfallstelle: Verkehrssenatorin Regine Günther.
An der Unfallstelle: Verkehrssenatorin Regine Günther.Foto: Stefan Jacobs

Der tödliche Unfall Dienstagfrüh in Schöneberg war bei all seiner Tragik einer von vielen. Aber die Reaktion ist neu: Am Mittwoch informierte sich Verkehrssenatorin Regine Günther am Ort über die Umstände, unter denen die 52-jährige Radfahrerin tags zuvor von einem Lastwagen getötet wurde. Der Lkw war von der Kolonnenstraße rechts in die Hauptstraße abgebogen und hatte dabei die Radlerin geschnitten, die vom rechten Fahrbahnrand gemäß der Markierung links in die Hauptstraße abbiegen wollte.

Ebenfalls zum Termin kam Axel Koller, der neue Leiter der Verkehrslenkung (VLB), um die geplante Ummarkierung der Unfallstelle anzukündigen: Im Frühjahr soll der schmale, in eine reguläre Autofahrspur gequetschte „Schutzstreifen“ für Radler von 1,2 auf zwei Meter verbreitert und rot markiert werden. So bleibt für die Autos nur eine breite Spur. Der absehbare Rückstau in der Kolonnenstraße, der auch drei BVG-Buslinien betrifft, wird zugunsten von mehr Sicherheit in Kauf genommen.

Doch die konsequente Entschärfung der Stelle durch getrennte Ampelphasen für Rechts- und Linksabbieger (geradeaus geht es an dieser Stelle nicht) wurde als allzu stauträchtig verworfen: Außerdem würde die längere Umlaufzeit der Ampel vor allem Fußgänger und Radfahrer verleiten, bei Rot zu gehen oder zu fahren.

Nach Auskunft von Koller ist der im Juli 2017 beschlossene Antrag der Bezirksverordneten, die Situation mit dem in der Autospur gelegenen Pseudo-Radfahrstreifen zu entschärfen, im November bei der VLB eingegangen und bereits bearbeitet worden. Die Ummarkierung sei bei nasskaltem Wetter nicht möglich und deshalb fürs Frühjahr geplant.

90 % Der Radfahrer werden bei Abbiegeunfällen schwer verletzt

Die jetzige Verkehrsführung stammt von der Neugestaltung des Kaiser-Wilhelm-Platzes 2007. Siegfried Brockmann, der die Unfallforschung der Versicherer (UdV) leitet, sagt zum Status Quo: „Wenn Autofahrer kaum anders können, als diesen Angebotsstreifen zu befahren, sollte man ihn vielleicht weglassen.“

Die UdV hat für eine Studie kürzlich Abbiegeunfälle zwischen Lastwagen und Radfahrern untersucht – mit dramatischen Ergebnissen: 90 Prozent der Radfahrer werden bei solchen Unfällen schwer oder tödlich verletzt. Zwei Drittel der Opfer sind weiblich, 40 Prozent sind mindestens 65 Jahre alt. Es trifft also tendenziell vor allem jene, die eher gemächlich und regeltreu fahren – aber offenbar nicht immer umsichtig genug.

Brockmann berichtet von „haarsträubenden Videoaufnahmen“ für die Studie, in denen Radfahrer knapp an den Lastwagen vorbeizogen – formell im Recht, aber in höchster Lebensgefahr. Besonders heikel sei es bei Sattelschleppern und Gespannen, die beim Abbiegen einknicken und damit selbst für den Fahrer nicht mehr komplett zu überblicken sind.

Günther kündigt Besserungen an

Für Brockmann ist klar, dass elektronische Abbiegeassistenten für Lastwagen möglichst bald Pflicht werden müssen – was allerdings nicht absehbar ist. Abgesehen von teils unzulänglichen Nachrüstlösungen biete bisher nur Daimler ein zuverlässiges System ab Werk an, das Lkw- Fahrer durch einen Piepton vor Radfahrern warnt. „Dieser Assistent hätte in diesem Fall wohl auch geholfen.“ Er funktioniere nur bei Lastwagen mit glattflächigen Aufbauten. Für Sonderaufbauten, etwa bei Müllwagen und Baufahrzeugen, eigne sich die bisherige Technik nicht.

Und eine Notbremsfunktion fürs Abbiegen biete bisher überhaupt kein Lkw-Hersteller an. Dabei könnten jährlich fast 200 solcher besonders tragisch endenden Rechtsabbiegeunfälle durch die Technik verhindert werden, hat die UdV ermittelt. Verkehrssenatorin Günther kündigte an, die Forderung nach Technik mit Notbremsfunktion über eine ohnehin geplante Bundesratsinitiative zu forcieren.

Erst am vergangenen Freitag war am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf eine 22-jährige Radfahrerin ebenfalls von einem rechts abbiegenden Lastwagen erfasst und mitgeschleift worden. Die junge Frau soll mit schwersten Verletzungen noch immer im Koma liegen.

In ganz Berlin gibt es hunderte Kreuzungen, an denen sich solche Tragödien jederzeit wiederholen können. Günther kündigte an, dass 2018 zehn besonders kritische Knoten entschärft werden sollen, im nächsten Jahr 20 und von da an 30 pro Jahr. Die Schöneberger Unfallkreuzung, für viele im Kiez ein täglicher Graus, steht weit hinten auf der Brennpunktliste. Etwa auf Platz 600, sagt Jochen Schledz, der die Unfallkommission leitet. In absoluten Zahlen laut Polizei: 87 Verkehrsunfälle gab es in den vergangenen drei Jahren an dieser Kreuzung – und sechs verletzte Radfahrer.

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