• Nach tödlichem Vorfall auf Weihnachtsmarkt: Was Augenzeugen bei traumatischen Erlebnissen hilft

Nach tödlichem Vorfall auf Weihnachtsmarkt : Was Augenzeugen bei traumatischen Erlebnissen hilft

Den tödlichen Vorfall auf dem Lichtenberger Weihnachtsmarkt sahen viele Menschen. Eine Expertin erklärt, wie man die Eindrücke verarbeitet.

Krankenwagen mit Blaulicht (Symbolbild).
Krankenwagen mit Blaulicht (Symbolbild).Foto: dpa

Der Anblick war schrecklich, er traf alle Augenzeugen völlig unerwartet. Am Samstagabend wurde beim Weihnachtsmarkt in Lichtenberg ein Mitarbeiter der Achterbahn von einem Wagen des Fahrgeschäfts überrollt und eingeklemmt. Er wurde dabei tödlich verletzt. Ein Suizid, teilte die Polizei am frühen Sonntag mit.

Fragen drängen sich auf: Wie verarbeitet man als Augenzeuge diese Bilder? Wann benötigt man professionelle Hilfe? Wie sollen sich Angehörige verhalten? Wie hilft man am besten Kindern, die das mitansehen mussten? Den Suizid am Sonnabend haben zwei Erwachsene und zwei Kinder aus einem Achterbahn-Wagen heraus mit ansehen müssen. Sie wurden von Notfallseelsorgern psychologisch betreut.

Der Kern aller Antworten bündelt sich in einem einzigen Satz. Eine Expertin, die immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert ist und professionell Hilfe leistet, formuliert ihn: „Der oder die Betroffene muss das Gefühl haben, dass er oder sie in Sicherheit ist. Das ist die wesentliche Botschaft, die im Gehirn ankommen muss.“

Die erste Maßnahme, gleich vor Ort, ist natürlich, Betroffene sofort aus dem Bereich des Unfallorts wegzubringen. Notfallpsychologen und andere Experten kümmern sich darum. Und viele Menschen haben auch die Fähigkeit, sich relativ schnell selber zu stabilisieren, zu analysieren, dass sie in Sicherheit sind. „Vielleicht reden die dann noch am nächsten Tag viel darüber, aber dann haben die das verarbeitet“, sagt die Expertin.

Ein Traumata aufgrund der Ereignisse entwickle sich sich erst nach vier bis sechs Wochen. Erkennbar daran, „dass die Symptomatik, die bis dahin aufgetreten ist, sich nicht zurückentwickelt“. Folgende Symptome: erhöhte Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, erhöhte Reizbarkeit, Bilder vom Geschehen vor dem geistigen Auge, die durch bestimmte Gerüche oder Geräusche wieder auftauchen. Dann ist professionelle Hilfe auf jeden Fall nötig.

Reden oder nicht – Hauptsache: sensibel und verständnisvoll sein

Alle sinnvollen Maßnahmen dienen nur einer Botschaft: Du bist wieder in Sicherheit. Für Angehörige ist deshalb eine gewisse Sensibilität und ein Verständnis nötig. „Wenn ein Betroffener reden will, dann ist es gut. Aber ich würde nie jemanden veranlassen, zu reden“, sagt die Expertin. „Wenn er ein Gespräch über die Ereignisse verweigert ist, ist es auch gut.“

In den ersten vier bis sechs Wochen sei „erstmal alles okay, was der Betroffene benötigt, damit er sich wieder in Sicherheit fühlt“. Man könne aber Hilfe anbieten. „Man kann als Angehöriger fragen: Soll ich einen Arm um Dich legen? Brauchst Du eine Decke? Willst Du heute bei mir im Zimmer schlafen?“ Solche Art von Zuwendung und Mitgefühl. „Alles was Sicherheit gewährt und gibt, ist gut.“

Toleranz, Verständnis, gerade in so einer Situation Schlüsselwörter für Angehörige. „Man muss in dieser Zeit geduldig mit dem Betroffenen sein, zum Beispiel wenn er Beispiel reizbar ist. Denn dann hat diese Reaktion wahrscheinlich mit dem Ereignis zu tun.“
Wer sich nicht selber in kurzer Zeit stabilisieren kann, wer nach zwei, drei Tagen eine Symptomatik zeigt, der kann jederzeit zum Berliner Krisendienst, Tag und Nacht. Der ist für solche Situationen da, dort besteht auch die Möglichkeit, seine Probleme in einem persönlichen Gespräch darzulegen.

Einstündiges Gespräch kann für Stabilisierung genügen

Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Mitarbeiter bei einem heftigen Ereignis einen persönlichen Kontakt anbieten. Nicht selten genügt ein einstündiges Gespräch, damit sich jemand wieder stabilisiert.
Wichtig ist aber auch, sagt sie Expertin, dass Betroffene selber bestimmte Reaktionen akzeptierten, die sie zeigten und fühlten. „Es ist völlig normal, dass man Angst hat, dass man aufgeregt ist, dass man erstmal empfindlicher ist als sonst und auf Geräusche und Gerüche reagiert.“ Man dürfe sich auch problemlos die Erlaubnis geben, mal einen Tag zu Hause zu bleiben „oder sonst etwas zu tun“.

Kinder, die so schreckliche Szenen mitansehen müssen, sind natürlich ein ganz besonderer Fall. Eltern, die zugleich Augenzeugen wurden, möchten natürlich ihr Kind schützen, das hat höchste Priorität. „Eltern machen instinktiv das Richtige“, sagt die Expertin. Dieser Drang zu helfen, ist sogar von Vorteil in so einer Situation. „Am schlimmsten sind für Menschen generell Ohnmachtssituationen“, sagt die Expertin. „Situationen, in denen man hilflos ist. Wenn man jemandem helfen kann, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man traumatisch belastet wird, geringer als wenn man nicht helfen kann.“

Kindern das Gefühl von Sicherheit vermitteln

Einem Kind muss man ganz besonders das Gefühl geben, dass es in Sicherheit ist. „Wenn man ein Kind erzählen und im Spiel die Eindrücke aufarbeiten lässt, vermute ich, dass es ziemlich schnell die Ereignisse verarbeitet“, sagt die Expertin. „Man darf dem Kind auch ruhig sagen, dass es in Sicherheit ist.“ Wenn das nicht schnell hilft, gibt es Experten beim Kindernotdienst. „Dann würde ich einen Psychologen hinzuziehen hinzuziehen.“

Was ist mit der Schule? „Wenn ein Kind den Schulbesuch nicht völlig in Frage stellt oder die Eltern ein ganz schlechtes Gefühl haben, ist der Gang zur Schule okay.“

Die Expertin würde „auch nie jemandem raten, sich krank schreiben zu lassen, außer er hat das Gefühl, dass er das möchte.“ Und dann ist das völlig okay.

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